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Was als lang ersehnter Fortschritt inszeniert wird, ist das Abwandern der Kunst in Social-Media-Plattformen.

ELIAS HIRSCHL erzählt, dass es sich hierbei nicht um eine bloße Änderung der Form, in der Kunst produziert wird, handelt, sondern um einen fundamentalen Einschnitt in die Lebensrealität von Künstler*innen und damit zugleich in die Lebensrealität ihrer Konsument*innen.

»Neu« scheint eines von Sebastian Kurz Lieblingswörtern zu sein. Der neue Stil. Die neue Volkspartei. Die neue Normalität. Das ist einerseits ein Marketingtool, einem morschen Ast der Geschichte einen neuen, türkisen Anstrich zu verleihen, aber andererseits ist das vermutlich speziell im Falle der »neuen Normalität« auch der Versuch, an eine völlig normale menschliche Neigung zu appellieren: den Wunsch, einer Krise etwas Positives abgewinnen zu wollen. Scheitern als Chance, was dich nicht umbringt, macht dich stärker, etc. Man will sich irgendwie nicht eingestehen, dass etwas auch einfach mal nur schlecht sein kann.

Und dann wird eben positiv hervorgehoben, wie die Menschen jetzt wieder ihre Spiritualität entdecken, zu Hause meditieren, Yoga-Challenges machen, Bananenbrotrezepte verfeinern, einfach mal wieder zu sich selbst finden und die täglich neu im Netz aufploppenden Kultur- und Unterhaltungsangebote in Form von Livestreams, virtuellen Museums-Rundgängen und freigeschalteten Mediatheken genießen. Meine Timelines sind seit Wochen geflutet von neuen digitalen Erzeugnissen aller möglicher Kunstsparten sowie neuen Ratgebern, die einen zu den relevantesten und am besten produziertesten Anbietern verweisen, auf dass man seine wertvolle Online-Me-Time nur bloß nicht verschwendet – und ich weiß, von was ich rede, schließlich schreibe ich diesen Text zwischen vier Stunden Hydraulic-Press-Videos und vier Stunden Ancient-Aliens-Folgen. Aber wenn dann in all dem Trubel ein ORF-Artikel mit der Überschrift »Kulturszene erblüht im Netz«1 veröffentlicht wird, läuft es mir da doch recht kalt den Rücken hinunter. Denn wie in dem Artikel besteht die öffentliche Kunstwahrnehmung, vor allem vonseiten der Regierung, aber auch vieler anderer Menschen, offenbar in erster Linie und manchmal ausschließlich aus großen Theatern, Opernhäusern und Museen. Der Fokus liegt zudem meistens auf der Konsument*innenseite. Wie es im ORF-Artikel heißt: Man könne nun auch im Internet wieder die »Atmosphäre eines Jazzclubs […] erahnen«, es wird auf virtuelle Führungen und Ähnliches verwiesen und darauf, dass »Autorinnen und Autoren« jetzt auch »neue literarische Formen abseits des gedruckten Buches« erproben.

Zwangsdigitalisierung und Fortschritt

Das vermittelt insgesamt ein Bild des Fortschritts, so als wäre es schon längst an der Zeit gewesen, dass all diese Veranstalter*innen und Künstler*innen und vor allem die Autor*innen sich endlich vom eingestaubten Papier und physischen Kontakt abwenden, um endlich ins Internet abzuwandern, endlich die Welt 4.0 zu entdecken und sich von so martialischen, abstrus rückständigen Kunstformen wie dem gedruckten Wort zu distanzieren.

Nicht, dass das jetzt falsch verstanden wird: Ich finde es großartig, wenn auf all diese Angebote im Internet hingewiesen wird und diese überpositive Darstellung hilft möglicherweise sogar, neue Zuschauer*innen für diese Art von Internet-Kunst zu gewinnen, aber gleichzeitig sollte auch klar sein, dass nicht alle Autor*innen die letzten Jahrzehnte darauf gewartet haben, dass sie endlich von einer Pandemie am Auftreten gehindert werden, damit sie sich mal dazu überwinden können, in die utopische Welt des Streamens vorzustoßen. Nicht alle Schreibenden können gut vorlesen. Nicht alle Schreibenden können und wollen Videos aufnehmen, schneiden, hochladen und bewerben. Nicht alle Schreibenden wollen sich selbst vermarkten. Nicht alle wollen Youtuber*innen werden. Dieses Ausweichen ins Internet ist keine langersehnte Erweiterung des Buches, sondern eine Notlösung, die sich viele auch aus guten Gründen nicht leisten können oder wollen.

Im Grunde mussten viele Künstler*innen gezwungenermaßen einfach den Job wechseln. Und nicht alle haben eine gute Kamera, nicht alle wollen darauf hinweisen, dass man subscriben und auf den Patreon-Link in der description below klicken soll. Ich empfinde es schlicht nicht als positive Entwicklung, von öffentlich geförderten Lesungen auf Online-Almosen umzusteigen.

Das soll hier bitte auch keine Boomer-Anti-Internet-Tirade werden à la Heinz Sichrovsky beim diesjährigen Bachmannpreis. Ich will nur aufzeigen, dass Kunst und Streamen eben doch komplett unterschiedliche Berufe sind, die sich nicht isomorph ineinander übertragen lassen.

Von der finanziellen Möglichkeit einer »Zeit für sich«

Zugegeben gab es ein paar Versuche von öffentlicher Seite, die Verluste der Kunst- und Kulturszene auszugleichen: Die Stadt Wien hat ihren Fördertopf aufgestockt und ein Arbeitsstipendium von bis zu 3000 Euro zur Verfügung gestellt, doch auch dieser war recht schnell erschöpft und diejenigen, die die Förderung erhalten haben, haben das Geld auch erst mit starker Verzögerung bekommen.

Zudem konnte man nicht für Projekte einreichen, die schon einmal abgelehnt wurden. »Abgelehnt« bedeutet in dem Sinne jedoch nicht, dass sie generell als »nicht förderungswürdig« eingestuft wurden. Beispielsweise werden jährlich exakt vier Elias-Canetti-Stipendien für Literatur von der Stadt Wien vergeben. Hat man sich dafür schon einmal mit einem Projekt beworben und ist in der Auswahl zwar unter die Top 5, aber nicht in die Top 4 gekommen, gilt das Projekt als abgelehnt und man darf es laut Richtlinien nicht mehr für das Wiener Arbeitsstipendium einreichen.

Ebenfalls erhielt man kein Stipendium, wenn man studiert, Notstandshilfe, Geld vom AMS oder Mindestpension bezieht, oder anderweitig Geld durch nicht-künstlerische Arbeit verdient, was quasi alle Menschen ausschließt, die sich notgedrungenermaßen einen Job suchen mussten, weil sie ihrer künstlerischen Tätigkeit durch die Auftrittsausfälle nicht mehr nachkommen konnten.

Dementsprechend wirkt es recht zynisch darauf hinzuweisen, dass man während der Quarantäne jetzt endlich mal Zeit für sich hat. Kunstschaffende existieren nicht in einem Vakuum. Viele haben schlicht händeringend um Notlösungen gerudert, sind auf Spenden und Almosen umgestiegen, haben sich irgendwelche Nebenjobs gesucht, während sie sich in vielen Fällen gleichzeitig mit Homeschooling, Kinderbetreuung und sonstigen plötzlich aufgetretenen Erschwernissen herumschlagen müssen. Da mangelt es vielen schlicht an Zeit und Energie, sich jetzt auch noch eine völlig neue Karriere als Youtube- oder Twitch-Streamer*in aus dem Boden zu stampfen. Zudem mir der Begriff »You tuber« immer wieder kalte Schauer durch den Körper jagt; bei der Vorstellung, dass der Buchmarkt sich irgendwann genauso monopolisieren könnte wie der Online-Video-Markt und man sich anstatt als Schrifsteller*in irgendwann nur noch als »Rowohltler*in« bezeichnet.

Alle Autor*innen, die das Pech hatten, direkt in den Frühling hineinzupublizieren, sahen sich mit einer massiven Absagewelle konfrontiert, mit aufgeschobenen Veröffentlichungen, mit Druck-Verzögerungen und ausfallenden Buchverkäufen. Dadurch, dass Autor*innen ihr Geld nun mal meistens nicht regelmäßig, sondern spezifisch in der Phase nach einer neuen Publikation verdienen, ist so ein Gagenausfall nicht einfach nur fehlendes Geld für einen Monat, sondern es brechen Einkünfte weg, die einen sonst noch durch das nächste Halbjahr getragen hätten.

Ein weiteres Pech, das vor allem die Debütant*innen trifft, die im Frühling 2020 ihr erstes Werk veröffentlicht hätten, ist, dass sich manche erst dieses Jahr bei der Literar-Mechana, der Österreichischen Verwertungsgesellschaft für Literatur, angemeldet haben.

Die Literar-Mechana hat aus meiner Sicht wirklich die unbürokratischste und schnellste Soforthilfe für Autor*innen bereitgestellt, um die Gagenausfälle auszugleichen. Leider konnten diese Soforthilfe aber nur Künstler*innen erhalten, die sich schon vor 2020 bei der Verwertungsgesellschaft angemeldet haben. Daher fallen die meisten Debütant*innen, die jetzt ihre erste Lesereise anstehen gehabt hätten, komplett durch das Raster. Mit der zweiten Hilfsphase war zwar auch eine Hilfe für die erst 2020 Angemeldeten eingeplant, jedoch nur in der Höhe von 500 Euro, was einen jetzt auch nicht wahnsinnig lang über Wasser hält.

Genauso hilflos wie viele der öffentlichen Stellen mit den Notfallhilfen waren, war die Regierung auch mit den Lockdown-Öffnungen, deren Angaben sich mehrmals änderten und mit den Sicherheitsabständen und der Zuschauer*innenbeschränkungen viele Veranstaltungen nicht durchführbar oder finanziell nicht profitabel machten. Das mag medizinisch sinnvoll sein, kann in der Praxis aber oft nicht umgesetzt werden. Statt halbfertiger Öffnungsvorschläge hätte es da lieber noch länger unkomplizierte, schnelle und langfristige Finanzhilfen gebraucht. Die Kunstszene in Österreich verlangt nichts Aufwendiges, sie verlangt keine Sonderbehandlung, sie verlangt lediglich, ihrer Arbeit nachgehen zu können und, dass das Geld auch tatsächlich bei ihnen ankommt und nicht wieder mit 5,2 Millionen Euro bei der KTM Motohall landet.2

How to bake kunstloses Brot

In der singapurischen »The Sunday Times« ist »Artist« auf Platz 1 der nicht-systemrelevanten Jobs gewählt worden.3 Und zugegeben, vielleicht wären wir jetzt nicht alle sofort gestorben, wenn es plötzlich von einem Moment auf den anderen überhaupt keine Kunst mehr gegeben hätte, aber man fragt sich schon, was man so auf Dauer ohne Bücher, Filme, Serien, Musik, Ausstellungen und Veranstaltungen mit der Zeit anfangen soll, die man jetzt endlich hat.

Vor allem bei der Literatur, die immer dann vom Staat hochgehalten wird, wenn jemand trotz der inländischen Ablehnung überregionalen Erfolg hat, sollte man annehmen, dass es lohnenswert wäre, sie am Leben zu erhalten. Sonst kennt man Österreich irgendwann nicht mehr für Jelinek und Bachmann, sondern für perfektionierte Sauerteig- und Bananenbrotrezepte, Ischgl und Ibiza.

Und um mit einem saudummen Wortwitz abzuschließen, den ich mir bis jetzt verkniffen habe: Wenn es nur brotlose Kunst gibt, gibt es bald auch nur noch kunstloses Brot.

Mahlzeit.

1 https://orf.at/kulturjetzt/stories/3158546/

2 https://kontrast.at/ktm-kulturfoerderung-oberoesterreich/

3 https://www.classicfm.com/music-news/times-newspaper-survey-artists-non-essential-jobs/

Elias Hirschl wurde 1994 in Wien geboren, ist Romanautor, Spoken-Word-Künstler und Musiker. Zuletzt erschienen der Roman »Hundert schwarze Nähmaschinen« (2017, Jung und Jung) und die Kurztextsammlung »Glückliche Schweine im freien Fall« (2018, Lektora).

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Ein Erinnerungs-Beitrag zur österreichischen Hoch- und Basiskultur von GERALD GRASSL.

Eine Welt, die – und wäre es auch nur vorübergehend – der produzierenden Kunst beraubt wäre, das heißt der Dimension, die sich nicht auf das Materielle zurückführen lässt, jener Offenheit für die nicht entfremdbaren Räume des Imaginären und der Phantasie, wäre ein ebensolcher Albtraum wie ein riesiges, gut organisiertes Konzentrationslager, in dem die Nahrung reichlich, die Arbeit leicht, die Decken warm, die Dächer der Baracken dicht wären, in dem aber nicht mehr Menschen hausen, sondern Tiere.

(Claude Simon (1913–2005), Literatur-Nobelpreis 1985)

 

1. Bekanntlich kennen sich die ZuschauerInnen eines Fußballspiels besser aus als der Schiedsrichter am Feld; Gleiches gilt für die Kunst: Jede*r glaubt sich nach eigenem »Kunstgeschmack« als besondere/r »Kenner/in«. Der Unterschied: Die einen sitzen auf ungemütlichen Bänken, die anderen in bequemeren Logen …

Peter Weiss schreibt in den Notizen zur »Ästhetik des Widerstands« dass Kunst immer links ist. Das scheint eine verblüffende Ansicht zu sein, denn die meisten produzierenden Kunstschaffenden (im Unterschied zu reproduzierenden Künstlern wie etwa des Theaters, Films, also Schauspieler*innen Regisseur*innen usw.) behaupten von sich, unpolitisch (gar parteipolitisch) zu sein. Was Peter Weiss meint: Kunst ist immer widersetzlich, entwirft kühne Zukunftsvisionen, die (oft unbewusst) das herrschende Gesellschaftsgefüge in Frage stellen, Kunst ist im Wesen antikapitalistisch und daher das Gegenteil vom Kommerz. Das Kunsthandwerk hingegen orientiert sich am Markt der Gefälligkeit. Viele Künstler*innen entwickeln einen eigenen »Stil«, der sich gut vermarkten lässt, reproduzieren nur mehr diesen »Stil«, sodass sie dann nicht mehr Kunst, sondern Kunsthandwerk herstellen.

Die Kunstfeinde verkünden: »Kunst kommt vom Können!« Und alles, was ihrem geschmäcklerischen Urteil widerstrebt, wird von ihnen abgelehnt bis bekämpft.

Damit kein Missverständnis entsteht: Je besser Künstler*innen ihr »Handwerk« verstehen, umso besser werden ihre Ergebnisse sein. Aber perfektes Handwerkskönnen garantiert nicht unbedingt interessante Werke, andererseits gibt es unzählige Beispiele der sogenannten naiven Kunst (Art-Brut), die seltsam »berühren«. Ein Architekt mit bestem Diplom, doch bar eigener kreativer Ideen baut jede Menge Fadesse, doch wohnliche Räume. Friedrich Hundertwasser hatte mangelndes Wissen über Architektur, durfte dennoch ein großes Wohnhaus nach seinen Visionen errichten lassen. Die Bewohner beklagen diverse Mängel, fühlen sich trotzdem in ihren Behausungen zwar wohl, doch vom täglichen TouristInnen-Auflauf vor dem Haustor unwohl.

Der kommunistische Kulturstadtrat von Wien von 1945 bis 1949, Viktor Matejka (1901–1993), wollte, dass Kunstförderungen abgeschafft werden, denn sie machen Künstler*innen zu Bittsteller*innen; stattdessen wollte er, dass die »öffentliche Hand« Kunsterzeugnisse kauft.

Für das »Kulturland« Österreich ist es symptomatisch, dass es zwar ein eigenes Tourismus-, doch kein Kulturministerium gibt. Was (auch aktuell während der Corona-Krise) als Kulturförderung der Öffentlichkeit präsentiert wird, ist (als »Umwegrentabilität« für Gastronomie und Hotelerie) eine verdeckte Tourismuswerbung. Daher wäre es ehrlicher, die Kunstsektionen in Bund und Ländern gleich der Verwaltung des Tourismusministeriums zu überlassen.

2. Es bleibt bis heute im antifaschistischen Diskurs die Behauptung, dass erst »ab der Affäre Waldheim« eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus begonnen hätte.

Wahr hingegen ist, dass bereits unmittelbar nach 1945 eine Fülle von Büchern und Broschüren mit Erinnerungen und Berichten von Überlebenden der Konzentrationslager, WiderstandskämpferInnen und im Exil lebenden AutorInnen in winzigen Auflagen in Eigen- oder Kleinverlagen oder im kommunistischen Globus-Verlag erschienen sind. Außerdem zählte seit der Gründung der kommunistischen Tageszeitung Volksstimme und allen Publikationen der KPÖ die Aufarbeitung der Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus als einer der Schwerpunkte in der Berichterstattung.

Allerdings herrschte in der Atmosphäre des Kalten Krieges im »Kulturleben« Österreichs nicht nur ein offener Boykott gegenüber sämtlichen (Presse-) Publikationen und Büchern wie zum Beispiel aus dem Globus-Verlag, sondern gegen linkes Kunstschaffen insgesamt. Zur Erinnerung einer der markantesten Fälle der Nachkriegsgeschichte: Der Brecht-Boykott bis in die 1970er Jahre hinein. Gesellschaftskritische Autor*innen, die auch zeithistorische Ereignisse thematisierten, publizierten ihre Werke hauptsächlich in der DDR (etwa Franz Kain, Karl Wiesinger und andere) oder in der BRD.

Auf Initiative von Viktor Matejka wurde im Wiener Künstlerhaus am 14. September 1946 die Ausstellung »Niemals Vergessen!« als Staatsakt eröffnet, in der Künstler*innen die Räume gestalteten und vor allem mit dem Mittel der Kunst die Verbrechen des Nationalsozialismus aufgearbeitet wurden. Es sollte für Jahrzehnte die letzte (Groß-) Ausstellung sein, die sich einem Thema der Zeitgeschichte widmete.

3. Die (Nach)-68er-Bewegung politisierte auch zahlreiche Kunstproduzent*innen. Die AutroInnengruppe „»literaturproduzenten« erhielt im Jugend&Volk-Verlag die Möglichkeit, eine kleine, inhaltlich sehr »bunte« Reihe herauszugeben – Texte zwischen Sprachexperimenten und Gesellschafts- (und Medien-) Kritik. Kunstschaffende jeden Genres wurden vom Finanzamt wie Kleingewerbetreibende eingestuft. Dem entsprechend war das Bewusstsein der (auch linker) Schriftsteller*innen. Sie sahen sich gegenseitig als Konkurrent*innen. Junge Autor*innen spotteten über die Mitglieder des alt-ehrwürdigen PEN (gegründet 1921; Abkürzung für Poets, Essayists, Novelists) als »PENner«. Sie traten der GAV (Grazer Autorenvereinigung) bei, in der ein anderes Berufsbewusstsein herrschte: Bis auf etwa zwei Dutzend sehr gut verdienenden, und vielleicht drei Dutzend mit einem Einkommen eines Facharbeiterlohns, lebten mehr als 90 Prozent der Kolleg*innen am oder unter dem Existenzminimum. Vielen fehlt jede Form von sozialen Absicherungen. Ihre Lebens-, Produktions- und Einkommenssituation ist vergleichbar mit Heimarbeiter*innen (gegenwärtig vergleichbar mit der Situation von Leiharbeiter*innen). Außerdem erweiterte die GAV den Autor*innen-Begriff, er inkludierte jede (produzierende) künstlerische Arbeitsweise (bildende Kunst, Musikkomposition, Lieder-»macher*innen«, Film, Kabarett usw.).

Die General- und Vollversammlungen der Organisation, an der immer weit mehr als 100 Kolleg*innen teilnahmen, waren jedes Mal streitbare Diskussionsveranstaltungen, die mit zahlreichen Resolutionen zu kultur- und gesellschaftspolitischen Fragen beendet wurden.

Die Schriftsteller Gerhard Ruiss und Johannes Vyoral erarbeiteten eine Dokumentation zur Lage der Schriftsteller*innen in Österreich und bereiteten gleichzeitig den »1. Österreichischen Schriftstellerkongress« im Wiener Rathaus vor, der von Bundeskanzler Bruno Kreisky eröffnet wurde und den Versammelten zurief: »Organisiert euch!«

Die IG-Autor*innen, Vereinigung aller Autor*innen und Schriftstellervereinigungen Österreichs, dämmerte bislang bedeutungslos dahin und entwickelte sich nun zu einer kämpferischen Organisation mit gewerkschaftlicher Stoßrichtung, der es im Laufe der folgenden Jahre gelang, gewisse Mindeststandards an sozialer Absicherung und diverse Schutzbedingungen (z. B. Copyright usw.) zu erwirken.

Große Ausstellungen wie »1934« in der Straßenbahnremise Meidling oder die große »Wehrmachtsausstellung« eröffneten endlich eine breite Auseinandersetzung zur Zeitgeschichte; es begann parallel dazu, durch Bücher die Leistung des Widerstands einerseits aufzuzeigen und andererseits die »Opferrolle« Österreichs während der nationalsozialistischen Besetzung infrage zu stellen und aufzuarbeiten.

Ein weiteres markantes Ereignis der kulturpolitischen Entwicklung Österreichs war die ARENA-Besetzung im »kurzen Sommer der Anarchie« (© Lutz Holzinger) während der Sommer- und Herbstmonate bis 1976.

Die Rechte bezeichnet(e) die Zeit des Nationalsozialismus verharmlosend stets als »dunkle Zeit«; die Nachkriegsjahrzehnte Wiens können kulturell und auch optisch als »graue Zeit« bezeichnet werden.

Das Fernsehprogramm endete wochentags um 22 Uhr, ebenso wie die meisten Cafés und Wirtshäuser Sperrstund‘ hatten. Das einzige Kabarett »Simpl« verbreitete Bruhaha-Humor, die Staatstheater staatstragende »Tra-ra-Hochkultur« (© Fritz Herrmann ), spätestens ab 20 Uhr eilten nur mehr wenige Leute durch die Kärntner-Straße (vor einem Modehaus warteten allerdings einige Damen vom Gewerbe auf »Kunstschaft«), die letzte »blaue« Straßenbahn fuhr vor Mitternacht aus Grinzing zur Remise ab...

Die ARENA-Besetzung wirkte nach deren »Aushungern« (im Spätherbst drehte die Gemeinde Wien einfach die Stromzufuhr und andere Versorgungsnotwendigkeiten ab) wie eine »Initialzündung« für die weitere Stadtentwicklung: Aus herabgekommenen Häusern und Fabriken wurden nach weiteren Hausbesetzungen Kulturzentren (WUK, Amerlinghaus, Gassergasse), Alternativ-Beiseln, Kabaretts und neue Galerien für Gegenwartskunst entstanden usw.

Kurz: Mit der Ära Kreisky wurden längst fällige »Modernisierungen« im Land eingeleitet; ab der ARENA hoffte vor allem die Jugend, dass ab nun eine kulturpolitisch »liberale« Zeit angebrochen sei …

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Überlegungen zum Kunstmarkt und einer Alternative von FRANZ BRAUN.

Ich studierte vier oder fünf Jahre Malerei und hatte mir vorgestellt, dort – an der Kunstuni – endlich Leute zu treffen, die eine ähnliche Gedankenwelt mit mir teilen, die ähnliche Ziele, Anschauungen und ein ähnliches Kunstverständnis haben. Ich musste erkennen, dass ich unter den am Rand der öffentlichen Aufmerksamkeit stehenden Kunstschaffenden (denn – ernsthaft – wer interessiert sich schon für Kunst) Teil einer Minderheit war und bin, jedenfalls was das Verständnis von Kunst betrifft. Das ist so, glaube ich, weil aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Zugehörigkeiten jeweils andere Dringlichkeiten von gesellschaftsrelevanter Kunst beziehungsweise gesellschaftsgestalterischer Kraft von Kunst resultieren. Man könnte auch von unterschiedlicher Klassenzugehörigkeit sprechen.

Vom Privileg, Kunst zu studieren

Kunststudierende leben nicht alle unter prekären Verhältnissen. Ich glaube, es ist sogar eher umgekehrt. Jene, die Kunst studieren, kommen in der Mehrheit aus wohlhabenden Familien. Diese haben tendenziell auch einen höheren Bildungsstandard. Aus diesen beiden Faktoren, finanzielle Sorgenlosigkeit und höherer Bildungsstandard, entspringt erst die Option Kunst zu studieren. Junge Menschen aus einer finanziell schwachen Schicht haben es schon schwer genug, sich zur Entscheidung durchzuringen, überhaupt zu studieren. Hier liegt, meiner Auffassung nach, unglaublich großes künstlerisch-gesellschaftliches Potenzial brach.

Wenn man es aber doch aus finanziell schwierigen Verhältnissen heraus an die (Kunst-)Uni schafft, dann ist es nicht gesagt, dass man institutionelle und kollegiale Anerkennung erfährt und obendrein noch finanziellen Erfolg verbuchen kann. Und da reden wir darüber, die Grundkosten decken zu können. Ohne Integritätsverlust, also ohne sich anzubiedern, haben am Kunstmarkt nur jene Aussicht auf Erfolg, die schon Kontakt zu ihm hatten, bevor sie Kunst produzierten. Das heißt, dass die Kunst in ihrem Alltag bereits einen gewissen Stellenwert gehabt hatte.

Erstrebenswerter Erfolg am Kunstmarkt?

Eine Frage wird viel zu selten gestellt: Ist es als Künstlerin oder Künstler überhaupt erstrebenswert, Erfolg am Kunstmarkt zu haben? Er bringt eine bestimmte Art und Weise, mit Kunst umzugehen, begründet durch geschichtlich etablierte Konventionen, die un- oder überreflektiert bis hin zum Ritual wiederholt werden, institutionell abgesegnet sind und die Kunstwerke zur Staffage für diesen Ritus verkommen lässt. Den Kunstwerken wird dadurch ihr Kunstcharakter entzogen. Das ist für mich der Kunstmarkt. Aber so erleben viele die Kunst. Und es wird ihnen gesagt, so muss man sie erleben. Etikettiert.

Wenn man Kunst so begreift, dass sie dem Etablierten entgegentritt, also die Konventionen hinterfragt und die gewohnten Wertvorstellungen zu sprengen versucht, ohne (!) institutionelle Rückendeckung, dann kann sie kein Teil des Kunstmarktes sein. Dann muss sie befreit sein vom Druck des finanziellen »Erfolgs«.

There is an Alternative

Für mich ist der Kunstmarkt keine Alternative. Vor allem aber ist er nicht alternativlos. Und ich kann mir vorstellen, dass es anderen genauso geht. Zum Beispiel dieser kleinen Gruppe von Kunstschaffenden, die Ende 2014 die Idee ausarbeitete, ein Faltblatt mit künstlerischem und kunstkritischem Inhalt mit Bild und Text auf acht Seiten herauszugeben. Seit 2015 erscheint in der Regel zwei Mal jährlich eine farbige Ausgabe PIROL mit Beiträgen aus den Bereichen Bildende Kunst und Literatur in unterschiedlichen Städten Deutschlands und Österreichs. Dazu kommen Sonder- und Spezialausgaben zu entsprechenden Ausstellungen, die gemeinschaftlich organisiert werden. Von der ersten Ausgabe in Schwarz und Weiß mit einer Auflage von 105 Stück bewegte sich PIROL bis zu 1.000 Stück der zehnten und elften Ausgabe. Finanziert wird das Projekt durch freiwillige Druckkostenbeiträge der in einer Ausgabe publizierenden Künstlerinnen und Künstler, je nach selbst eingeschätzten finanziellen Möglichkeiten. Bislang kamen 22 Menschen dazu, im Faltblatt ihre Werke zu veröffentlichen. Manche von ihnen gehören bereits zum PIROL-Kern.

»Ohne Netz«

PIROL versteht sich als Beitrag zur Belebung des Kunstdiskurses und soll eine Möglichkeit darstellen, aus freiem Geisteswillen erzeugte Kunst vorurteilsfrei zugänglich zu machen. Es ist ein Gegenentwurf zu marktorientierten Kunstausstellungen in kommerziellen Galerien und selektiven Publikationen in etablierten Kunstzeitschriften. Es war ein logischer Schritt, zusätzlich zum Printmedium, Ausstellungen zu organisieren, indem mit Vereinen, öffentlichen Galerien und anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammengearbeitet wurde. Nach etlichen Gruppen-, Doppel- und Einzelausstellungen mit Positionen, die im Heft vertreten waren und sind, steht jetzt die PIROL-Jubiläumsveranstaltung mit Namen »Ohne Netz« zu fünf Jahren und zehn Ausgaben PIROL vor der Tür (siehe unten).

Im Zuge der Vorbereitungen auf »Ohne Netz« ist es mir wieder besonders klar geworden, dass Pirol – neben vielen anderen, ähnlichen Unternehmungen – eine unbedingte Notwendigkeit für nicht wenige Kunstschaffende ist, die es schwer haben, eine Möglichkeit der Präsentation zu finden, abseits der Zerreißprobe, zwischen integrer Kunstproduktion und finanziellen Erfolg versprechenden Prestige-Events.

PIROL »Ohne Netz«

5 Jahre / 10 Ausgaben Pirol

Eröffnung am 1. August 2020 ab 17 Uhr mit Comic-Lesung von Janne Marie Dauer und PUBIC live in concert

Ausstellung mit Franz Braun, Janne Marie Dauer, Xenia Fumbarev, Johannes Grammel, Manuel Gruber, Jasmin Rehrmbacher, Gert Resinger, Stefanie Salzburger, Thomas Schrenk, Jonathan Seiffert, Anny Wass, Stefan Wirnsperger, David Zeller.

Finissage am 7. August 2020 ab 18 Uhr mit Comic-Lesung von Jasmin Rehrmbacher

»Dessous«, Anton-Scharff-Gasse 4, 1120 Wien Besichtigung der Ausstellung nach Vereinbarung: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

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Soziale Absicherung von Kunst- und Kulturschaffenden.

VON CLEMENS CHRISTL

Der Ausgangspunkt der Misere liegt bei den geringen Einkommen im Feld. In den letzten 20 Jahren sind spärlich aber doch einige Studien zur sozialen Lage von Künstler_innen, spartenbezogen, generell oder auch geschlechterspezifisch erschienen, die Einkommen weit unter dem gesellschaftlichen Durchschnitt belegen. Die Einkommen direkt aus der künstlerischen Tätigkeit liegen nochmal niedriger, im Median bei rund 5.000 Euro/Jahr/Person. Ein Einkommens- und Tätigkeitenmix ist die logische Folge – und daraus resultierend das zweite Kernproblem: Die Architektur der Sozialversicherung wie auch jene der sozialen Sicherheitsnetze stammt aus einer Zeit, in der lineare Beschäftigung die Regel war – paralleles Arbeiten als Selbstständige, Unselbstständige und vielleicht noch Landwirtin führt zu serien weisen Problemen, umso mehr, wenn in Zeiten der Joblosigkeit auch noch Arbeitslosenversicherung oder Mindestsicherung ins Spiel kommen. Dazu kommt: Die Gesetzeslage ist so wenig aufeinander abgestimmt, dass viele Alltagsprobleme von Kunst- und Kulturschaffenden zur individuellen Auslegungsfrage werden; und: die Spezialist_ innen in den jeweiligen Ministerien, Sozialversicherungsanstalten usw. kennen in der Regel ihre Institution, die Regelungen zum Zusammenspiel mit anderen aber nicht.

Ein aktuelles Beispiel

In der Coronakrise werden Arbeitsstipendien für Künstler_innen in den Bundesländern eingeführt, die natürlich hochwillkommen sind (künstlerisch tätig sein können und bezahlt werden!). Nicht geklärt wurde seitens der Fördergeber_innen leider, welche steuerrechtlichen und in der Folge sozialversicherungstechnischen Folgen dieses Einkommen (von in der Regel maximal 3.000 Euro pro Person) hat. Sind sie einkommenssteuerfrei? Die Länder verweisen auf unterschiedliche Paragraphen und Gesetze, eine ja/nein-Antwort? Gibt es Mitte Juni 2020 nicht. Werden sie von der Notstandshilfe, von der Mindestsicherung abgezogen? Keine Antwort. Sind sie von Personen mit befristetem Aufenthaltsstatus bedenkenlos beantragbar, oder gelten diese Arbeitsstipendien letztlich als Sozialhilfe? Eher ersteres, aber entschieden wird das wohl erst bei anstehenden Verlängerungen von Aufenthaltstiteln.

Einzelne Künstler_innen und Interessenvertretungen im Feld gehen diesen Fragen seit Wochen nach, einfache Antworten gibt es nicht. Es gibt auch keine einzelne Institution, die dies qua Expertise und Entscheidungsbefugnis beantworten könnte, ein Problem, das auch insbesondere bei der Arbeitslosenversicherung kulminiert.

Arbeitslos im Kunst- und Kultursektor

In Zeiten der Erwerbslosigkeit Geldleistungen aus dem AMS zu erhalten ist eine Selbstverständlichkeit für alle, die ihr Geld entlang des Musters »Job – Erwerbslos – Job« verdienen. Kunst- und Kulturschaffende, aber auch viele andere verdienen ihr Geld aber heutzutage in einer Kombination aus selbstständigen und unselbstständigen Tätigkeiten, tageweise Beschäftigungen oder dazu langfristig geringfügig. Problem eins im Sektor ist ganz simpel, dass die Jobsuche nicht am AMS stattfindet – AMS-Betreuer_innen kommen da schneller auf die Idee, Umschulungen oder irgendwelche Jobs weitab der Qualifikationen und Jobwünsche vorzuschlagen, Konkretes für die Situation der Betreffenden haben sie schlicht nicht. Wirklich kompliziert wird es aber mit selbstständigen Einnahmen: Regelungssysteme wie die rollierende Berechnung bei angenommener durchgehender Selbstständigkeit (innerhalb der Zuverdienstgrenzen) basieren auf einem monatlichen Rausschmiss und einer wiederkehrend rückwirkenden Aufnahme ins AMS. Wer einen Monat über die Grenzen kommt, ist bei Feststellung immer schon einen Monat leistungslos. Das Perfide: Selbstständige Einnahmen beziehen sich auf das Jahreseinkommen, auch beim AMS – Leistungen bekommt nur die Person, die das ganze Jahr unter der zwölffachen Geringfügigkeitsgrenze bleibt, selbst wenn es nur um einen Monat Arbeitslosengeld geht. Kleine, über die letzten Jahre erkämpfte Verbesserungen oder auch nur erkämpfte Informationen machen den Zugang zwar leichter, aber nicht unkomplizierter.

Dass eine Pflichtversicherung in einem Versicherungszweig Leistungen aus dem AMS generell ausschließt, gehört zu den am dringendsten zu lösenden Problemen. Alternativ wäre dies via Umweglösung Ruhendmeldung für alle neuen Selbstständigen umsetzbar (gewerblich Selbstständige haben das seit Jahrzehnten). Derart grundlegende Änderungen der Kompatibilitätsprobleme liegen aber auf Eis: Der zuständige Sektionsleiter meint seit zehn Jahren, dass es diese Probleme gibt, Lösungen aber nicht möglich sind. Regierungsseitig war seither auch nie anderes zu hören.

Künstler_innensozialversicherungs fonds (KSVF)

Wenn es um soziale Absicherung der Künstler_innen geht, fällt schnell das Wort KSVF: Der KSVF (gegründet 2001) hat die Aufgabe, Sozialversicherungszuschüsse an selbstständige Künstler_innen zu vergeben – mit einem sehr engen Set an Zugangsbedingungen. Hintergrund war schlicht die Einführung der Pflichtversicherung und damit einhergehend die politische Anerkennung der Tatsache, dass Künstler_ innen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen, von dem nicht in erster Linie sie selbst profitieren – eine Umverteilungsmaßnahme. In den letzten Jahren gab es etliche kleine Verbesserungen, in der Regel leider umgesetzt durch Verkomplizierung statt an grundsätzlichen Schrauben zu drehen; und zwei neue Aufgaben kamen hinzu, deren eine aktuell in der Coronakrise so richtig sichtbar wird: Zum KSVF gehört seit 2015 ein Unterstützungsfonds für Künstler_innen in sozialer Not (eine Aufgabe, die bis dahin die Kunstsektion selbst zu erledigen hatte). Das liefert nicht nur Argumente für die Beschreibung des KSVF als Sozialtopf (was er nicht ist), sondern sorgt auch für einen weiteren Quell ständiger Probleme und kleiner Änderungen – Grundlegendes konnte noch nicht erreicht werden. Symptomatisch: Die jährlich zu vergebende Höchstsumme von 500.000 Euro ist noch nie auch nur annähernd ausgeschöpft worden. Aktuell betreut der KSVF mit dem Covid-19-Fonds einen der Entschädigungs-Töpfe für Künstler_innen – als Parallelstruktur zum Unterstützungsfonds.

Was wäre aber beim KSVF-Zuschuss-System zu tun: Endlich öffnen für alle Tätigen im Kunst- und Kultursektor, eine Abkehr von der qualitativen Bewertung der künstlerischen Arbeit durch Kurien hin zu einer Bewertung der Arbeitssituation, ein Abschaffen der Mindesteinkommensgrenze, um nur drei langjährige Forderungen aus dem Sektor aufzuzählen: Es ist ja auch wirklich zu absurd, dass ausgerechnet die Geringstverdiener_innen ausgeschlossen sind (respektive via zahlreicher Ausnahmebestimmungen detailreich nachweisen müssen, wieso sie vielleicht doch genug verdienen).

Sozialversicherungsprobleme?

Spezifische Probleme der Kunst- und Kulturschaffenden liegen weniger an den Sozialversicherungen selbst, sondern am Zusammenspiel mit anderen Institutionen wie dem AMS oder dem Finanzamt. Allgemeiner Verbesserungsbedarf insbesondere für neue Selbstständige, beispielsweise ein Krankengeld ab dem ersten Tag, steht natürlich auch auf der Wunschliste der Künstler_innen ganz oben.

Kompliziertheit und Inkompatibilitäten führen oft und schnell zu einfachen Forderungen, etwa dem Abschaffen der Mehrfachversicherung oder der Einführung einer Künstler_innensozialversicherung. Beides ist im Rahmen des aktuellen Sozialversicherungssystems sicher machbar – die damit verbundenen Forderungen, eine billigere bzw. einfachere Sozialversicherung für alle im Feld, ist damit aber nicht umsetzbar. Eine Mehrfachversicherung ist für sich genommen allenfalls ein bürokratisches Problem, die Versicherungsbeiträge selbst werden dadurch nicht höher (Sozialversicherungsbeiträge fallen schlicht auf jeden Euro Verdienst an – leider Flattax-artig, aber mit Obergrenze; d. h. Reiche zahlen verhältnis mäßig weniger). Eine eigene Künstler_ innensozialversicherung würde das Problem zunächst nur verschieben: Mehrfach versichert wäre nicht mehr die Schauspielerin, die sowohl angestellt als auch selbstständig ihrer Tätigkeit nachgeht, sondern z. B. die Musikerin, die daneben auch einem Job ausserhalb des Kunstkontexts nachgeht. Dazu kommt das Solidarprinzip in der Sozialversicherung: Eine Sparte mit durchschnittlich sehr niedrigen Einkommen ist schlecht beraten, freiwillig auf die Solidargemeinschaft zu verzichten.

What’s to do?

Zum einen haben Interessenvertretungen in den vergangenen Jahren eine ganze Menge an Detailvorschlägen zusammengetragen – im besten DIY-Sinn wurden viele zu Sozialversicherungs- und oder Steuerexpert_innen, weil die Zuständigen (Politik wie auch Verwaltung) sich kaum für Verbesserungen einsetzen. Zum anderen muss es endlich möglich sein, von Arbeit auch zu leben. Mit dem Schlagwort Fairpay wird auf eine faire und angemessene Bezahlung gedrängt (Mindestlohndebatte aber auch darüber hinaus). Das beinhaltet auch absurde Beschäftigungen mit dem Wettbewerbsrecht (in Österreich wie auch auf EU-Ebene) – eine Honorarempfehlung als Grundlage für Kunst- und Kulturschaffende wie auch deren Auftraggeber_innen ist nicht einfach straffrei zu veröffentlichen. Ein anderer Schauplatz der politischen Auseinandersetzung um Fairpay ist das Urheber_innenrecht: Ein Vertragsrecht für Urheber_innenverträge, angelehnt beispielsweise an das Mietrecht zum Schutz der Mieter_innen, steht seit Jahrzehnten aus, ist derzeit aber zumindest in Ansätzen in greifbare Nähe gerückt.

Eine grundlegend andere Perspektive würde ein bedingungsloses existenzsicherndes Grundeinkommen bringen: Arbeit und Einkommen entkoppeln, mit vielen Einschränkungen aber doch: tun zu können, ohne auf Auftraggeber_innen, Fördergeber_innen, Sponsor_innen Rücksicht nehmen zu müssen. Kein Betteln mehr um 500 Euro Materialkosten, Ringen um Gehalt oder Honorar in Projektanträgen auf Augenhöhe. Alleine dafür lohnt es sich, zu kämpfen. Und dann darum, das Grundeinkommen auch wirklich allen hier Lebenden zukommen zu lassen, und wahrscheinlich um Kämpfe für das Sozialsystem, das mit einem Grundeinkommen sicher unter Druck gerät. Pardon. Nicht unterkriegen lassen!

Clemens Christl arbeitet seit vielen Jahren für den Kulturrat Österreich und ist gelernter Historiker.

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Durch die Eindämmungsmaßnahmen gegen das Corona-Virus erfährt die österreichische Gesellschaft zum ersten Mal seit langer Zeit einen tiefgreifenden Wandel. Mit solchen Schocks kennt sich die Kunst gut aus, und nur mit ihrer Hilfe ließe sich die Krise sinnvoll gestalten. Es sieht leider nicht danach aus.

VON FRANK JÖDICKE

Kurt Waldheim hatte die Angewohnheit, früh aufzustehen und zunächst ganz heiß und dann ganz kalt zu duschen. Andreas Khol sagte ähnliches von sich und damit wäre ausreichend belegt, dass der österreichische Konservativismus ein vegetatives Phänomen ist. Ziel ist es, das sich nachts im »Schlaf der Gerechten« befindliche Bewusstsein am möglichst frühen Morgen in die österreichische Alltagsrealität hinein zu foltern. Damit es dann frisch rasiert am Frühstückstisch sitzen kann, um das Frühstücksei zu genießen, das genauso wie der eigene Geist durch heißes und kaltes Wasser »abgeschreckt« wurde.

Warum ist dies anscheinend nötig? Vermutlich, weil der Alltag nach Betäubung und Folter verlangt. Zugleich erscheint das Immer-Gleiche und zu gering die Hoffnung auf irgendeinen Wandel, der insgeheim auch nicht gewünscht wird. Eine vegetative Existenz fühlt sich dann am wohlsten, wenn alle Fluchttunnel fest verstopft sind. Die Frage danach, ob es irgendwo oder irgendwann etwas Anderes hätte geben können, erübrigt sich so, und die eigene Höhle darf von ganzem Herzen geliebt werden. Aber dann kam das Virus.

Das Veto des Virus

Zum ersten Mal in ihrem Leben haben viele Menschen eine gesellschaftliche Änderung erlebt. Übrigens erleben sie keinen »Ausnahmezustand«, denn alles wird in Österreich vom Epidemie-Gesetz geregelt. Der Staat funktioniert lediglich nach einem etwas anderen Rule-Book. Dennoch war der Alltag von einem Tag zum nächsten keiner mehr. Züge fuhren nicht, die Flugzeuge blieben am Boden, die Menschen durften nicht mehr zur Arbeit gehen. Genau darin darf man einen alten Traum der Kunst erkennen: Der Betrieb steht still und der Alltag ist keiner mehr. Augenblicklich machte sich eine gewisse Nervosität in Vielen breit. Befürchtungen darüber, wie sehr sich die Situation noch verschlimmern könnte. Ein argwöhnischer Blick auf die Regale im Supermarkt. Ist die Versorgung wirklich gesichert?

Ein Baufehler der Mediendemokratie wurde sichtbar. Wenn in den USA, in UK oder auch in Österreich medienschlaue Blender an der Macht sind, dann glaubt man denen (zu Recht) Nichts, wenn sie ihre beschwichtigenden Reden halten. Sebastian Kurz ist ein Mensch, dem zugetraut werden darf, auf einem sinkenden Schiff dessen Fahrtüchtigkeit wortreich zu loben – mit beiden Beinen fest im Beiboot stehend. Die Anfangspanik führte aber zu nichts Schlimmeren als übermäßigem Klopapierkauf und verflog bald, weil der Staat ja doch funktionierte. Aber lag nicht noch tiefer in dieser allgemeinen Unruhe eine Lust am Aufbruch verborgen? Eine allgemeine Frage flüsterte leise in den Herzen: Ändert sich jetzt endlich etwas? Fliegen bald die alten Statuen von ihren Sockeln? Heißt dies vielleicht, dass auch ich selbst anders leben kann und sogar sollte? Wäre nun die Chance dazu?

Woran erkannt man Geschichte?

Aus dem Faktum der Geschichte an sich darf geschlossen werden, dass es ja bereits Änderungen gegeben haben muss. Eine nicht unwichtige Beobachtung für ein betäubtes Bewusstsein. Wie haben sich diese Änderungen in dem Moment angefühlt, als sie passiert sind? Als plötzlich immer mehr Menschen klar wurde, dass es so nicht weitergeht. Dies ist aber allein deswegen schwer vorzustellen, weil es so schwer zu beschreiben ist. Genau hier hat Kunst und künstlerisch-ästhetische Analyse ihren Auftritt.

Wer Kunst schätzt, mag nicht unbedingt den Betrieb. Eine gewisse anarchistische Ader gehört in den Mix, weil diese das Erbe der Moderne ist. Wenn Kunst nicht Kult ist und damit rituelle Wahrung der bestehenden Verhältnisse (was zugegeben einige Jahrhunderte ganz gut funktioniert hat), sondern nun modern ist, dann gibt es nur Sprengung, Auflösung und Hinterfragung. Solange Kunst einen Kult ausstaffiert hat, durfte auch gerne die Herrschaft unterstützt werden. Das alles darf heute als bekannt vorausgesetzt werden. Auch ohne Theorie, denn jedes Werk, das dem Sprengzwang nicht folgt, offenbart sich schnell als muffig und betäubend.

Ohne ein gerüttelt Maß an Anarchie also keine moderne Kunst. Wobei hier die Obrigkeit das Problem ist, nicht aber die Regeln und Ordnung. Dieser Unterschied wird gerne von konservativer Seite verwischt, wo sich die Obrigkeit mit der Ordnung verwechselt. Ruhe und Ordnung ist dann Problem, wenn sie zum Diktat wird. Auch Anpassung ist nicht per se verurteilenswert, denn ein kluges Zusammenleben braucht diese und damit auch eine gewisse Einordnung. Und genau an dieser Stelle wird es knifflig, und hier liegt vielleicht der Grund dafür verborgen, warum auch diese Krise wieder sinnlos verstreichen wird.

Die Änderung, der Aufbruch, die Revolte sind dialektisch rotierend, denn in einer Gesellschaft, in der alles außergewöhnlich sein muss, in der die überhitzte Selbstanpreisung ohne Ausbruch und dauernde Regelverletzung kaum möglich ist, erscheinen die meisten Revolten schnöselig, selbstbezogen und dumm. Tatsächlich müssen wir heute von jedem Buch lesen, es sei bahnbrechend, jeder Film ist eine Offenbarung und das Tanztheater ist sowieso chronisch revolutionär. Belegt wird damit nur eines: die Worte sind abgeschabt, sie meines nichts mehr außer die werbliche Lüge. Allerdings, ohne Worte ist schlecht was sagen.

Analyseopfer Austria

Genau diese Misere zeigt nun wiederum die Kunst selbst auf. Allerdings ist auch hier der Erfolg fraglich. Österreich ist beispielsweise überanalysiert. Das Land wird seit Generationen von Trupps kluger Autor*innen und Künstler*innen durchleuchtet. Vielfach ist das Ergebnis eine Provinzliteratur, die nichts bewirkt.

Warum sich überhaupt mit einer historischen Besonderheit beschäftigen, die zehn Jahre später von niemandem mehr verstanden wird?

Meist liegt der Grund darin, dass in Österreich die letzte Instanz die Touristiker*innen sind. Alles kann zur Außendarstellung des Landes dienen und wird somit gefördert. Die Nestbeschmutzung ist nur eine Ausprägung werblicher Selbstanpreisung. Auch darf ein intellektuelles Publikum nicht mit Lobpreisung gelangweilt werden. Deswegen kommt es gut an, wenn Österreich »pfui gack« erscheint. Genau so weit kam die Revolte der Kunst in Hietzing an.

Nun wohnt aber der Reflexion ja doch eine gewisse Reflexion inne. Und Haslinger, Menasse, Jelinek, Schuh etc. sind Autor*innen, die sich mutig des Provinzthemas Österreich angenommen haben und von denen nicht gesagt werden darf, sie hätten dem Land nicht ordentlich was ins Stammbuch geschrieben. Nur leider war die Versöhnung mit der Verdorbenheit immer schneller als der Schrecken an ihr. Die Covid-Krise zeigt deswegen heute erbarmungslos, wie verfestigt die konservative Mehrheit ist.

Die Sozialist*innen gewinnen einzig dann, wenn sie auf bewahrend machen, und ansonsten gibt es jetzt drei Volksparteien in den Modefarben türkis, pink und grün. Über tiefgreifenden Wandel machen sich alle drei Volksparteien aktuell lustig. Die einen betonen die Wahrung des Bestehenden in einem etwas mehr christlichen Sinn (wobei Christus hier den Erfolg meint), die anderen sind ein bisschen mehr »pro Wirtschaft«, und die letzte Volkspartei macht halt etwas auf Öko, so lange das nur niemandem irgendwie wehtut. Ihr aller Motto aber lautet: keine Experimente! Oben muss oben bleiben und Unten unten.

Is this the End?

Aus dem aufgezwungenen Wandel durch das Virus haben sie nichts gelernt, und sie sind sogar stolz drauf. Die Krise wurde quasi überwältigt. Heißes Bad, kaltes Bad, und alles ist wieder beim Alten. Die Volksparteien haben auch ein anderes gemeinsames Kriterium: Kunst ist ihnen komplett blunzn. Wer an der Macht ist, lässt gerne die Hofkasper aufkreuzen, aber will sich bloß nicht mehr in Diskussionen verwickeln lassen, die gefährlich werden könnten. Der technokratische Machterhalt verlangt die vage Formel, die nichts anderes meint als: »Vertrauen Sie mir«. Darüber hinaus wird alles im getäfelten Hinterzimmer ausgedealt. Dass die Grünen hierbei allenfalls am Katzentisch mit dabeisitzen, scheint sie wenig zu stören. Den Revolutionsdiskurs (der eben jener der Kunst wäre) trotz aller seiner kniffligen, dialektischen Widersprüche verbieten sich die Machthaber*innen, und sie fahren anscheinend gut damit.

Und dennoch. Die nach wie vor größte Sünde für Künstler*innen ist das verstockte Herz. Wir dürfen uns heute ziemlich sicher sein, dass nie jemand Christus am Wegesrand hat stehen sehen, die Aufgabe für die Kunst war und ist es aber, dies zumindest für möglich zu halten. Das Leben von Künstler*innen mag sinnentleert erscheinen und ihre Kunstübung ermüdend öde, dennoch sollten sie etwas in sich bewahrt haben, das es für möglich hält, dass sich eines Tages doch noch etwas fundamental ändert. Zur aktuellen Situation in den USA meinte der marxistische Theologe Cornel West sinngemäß: »Wir können nur über die Kunst unsere wichtigen Anliegen kommunizieren, ohne die bleibt alles theoretisch und nur für winzige Kreise interessant. Unsere wichtigste Botschaft ist, dass wir fest daran glauben, jetzt eine bessere Welt erreichen zu können.« Vielleicht tut sich ja doch genau jetzt etwas, vielleicht werden jetzt uralten Fesseln abgelegt und vielleicht hören jetzt, im Zeitalter des Virus, viele den Weckruf. Allerdings, ohne den afrofuturistischen Beat von Bootsy Collins wird es vielleicht nicht gehen, denn ohne den bleiben doch alle wieder bewusstlos-trüb im Bett liegen und müssen sich morgens nach dem Aufstehen erst einmal foltern. Für Österreich ist es also noch ein weiter Weg.

Frank Jödicke ist Chefredakteur von skug, dem Magazin für Musikkultur (www.skug.at). Den Lock-Down mit zwei kleinen Kindern im Home-Office hat er gerne hinter sich und freut sich sehr, dass es BAM!, das Bündnis alternativer Medien, gibt.

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Über eine seit 45 Jahren bestehende kulturpolitische Initiative informiert MANFRED MUGRAUER.

Der KPÖ geht es in ihrer Kulturpolitik vor allem darum, Ansätze einer – von Lenin so bezeichneten – »zweiten Kultur« zu stärken, die der herrschenden kapitalistischen Kultur eine emanzipatorische entgegensetzt. Heutige Beispiele einer kontinuierlichen Kulturarbeit im Umfeld der KPÖ, die sich einem solchen Ansatz verpflichtet fühlen, sind etwa der Bildungsverein der KPÖ Steiermark, das Kulturcafé 7Stern, das Werkl im Wiener Goethehof, der Verein LIBIB in Linz oder die Galerie Mitte in Krems.

Eine wichtige kulturpolitische Initiative der KPÖ ist die AutorInnenlesung »Linkes Wort«, die seit 1975 alljährlich am Volksstimmefest, dem traditionellen Pressefest der KPÖ, im Wiener Prater stattfindet. In den 1970er Jahren, als die Alternativkultur einen Aufschwung erlebte, war die KPÖ für eine wachsende Zahl fortschrittlicher Intellektueller und KünstlerInnen attraktiv geworden. Zahlreiche Kulturschaffende engagierten sich damals in oder für die Partei. Anlässlich der Nationalratswahlen im Oktober 1975, wenige Wochen nach dem ersten »Linken Wort« am Volksstimmefest, unterzeichneten 77 Kulturschaffende einen Aufruf, für die KPÖ zu stimmen.

Die Initiative zum »Linken Wort« ging vom damaligen KPÖ-Politiker Ernst Wimmer aus, der großes Interesse an kulturpolitischen Fragen zeigte und in mehreren Beiträgen über das Verhältnis von Kultur und ArbeiterInnenbewegung reflektierte. Das »Linke Wort« war eines von mehreren erfolgreichen Projekten der KPÖ, einen alternativen und demokratischen Kulturbetrieb zu forcieren.

In den 1970er und 1980er Jahren organisierte der Lyriker und Schriftsteller Arthur West das »Linke Wort«, das ab 1981 auf der nach Jura Soyfer benannten Bühne stattfand. Unter den beteiligten AutorInnen fanden sich so bekannte Namen wie Elfriede Jelinek, Marie-Thérèse Kerschbaumer, Michael Scharang, Peter Turrini und Helmut Zenker. Die meisten der dort präsentierten Beiträge waren auf Themen der Arbeitswelt und auf Alltagserfahrungen im Sinne eines kritischen Realismus ausgerichtet. 1985 wurde von Arthur West der Sammelband »Linkes Wort für Österreich« herausgegeben, der Beiträge von 80 AutorInnen mehrerer Generationen versammelte und einen repräsentativen Einblick gab in das literarische Schaffen des »anderen Österreich«.

Heute sind bei den auf der Sigi-Maron-Bühne stattfindenden Lesungen sowohl etablierte SchriftstellerInnen als auch NachwuchsautorInnen vertreten, die verschiedene Textsorten wie etwa Gedichte, Essays, Kurzprosa oder Auszüge aus Romanen präsentieren. In den letzten Jahren waren etwa Ruth Aspöck, Manfred Chobot, Josef Haslinger, Mieze Medusa, Erwin Riess, Eva Schörkhuber, Richard Schuberth, Julian Schutting, Rolf Schwendter und Marlene Streeruwitz beteiligt, um nur einige der beim »Linken Wort« lesenden AutorInnen zu nennen.

Die Lesungen der Jahre 1998 bis 2002 bzw. 2008 bis 2019 wurden im Globus-Verlag als Anthologien veröffentlicht (sie sind zum Preis von 12 bzw. 14 Euro über bestellung@ linkes-wort.at zu beziehen). Als Herausgeber fungierten die Organisatoren Helmut Rizy (bis 2002), Roman Gutsch (bis 2011) und Christoph Kepplinger-Prinz (seit 2008). Jeder Band wird durch eine Titelgrafik, etwa von Alfred Hrdlicka, Helmut Kurz-Goldenstein, Othmar Wundsam oder David Lipp, geschmückt. Auch am diesjährigen Volksstimmefest, das am 5. und 6. September stattfindet, werden an beiden Tagen im Rahmen des »Linken Worts« Prosatexte und Lyrik vorgetragen.

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In Corona-Zeiten, wie so oft in der Krise, werden Probleme zugespitzt und damit kenntlich. So auch das mangelnde Bewusstsein der Bedeutung von Kunst und Kultur, wenn nicht gar ihre Missachtung.

Eine Miszelle* von DANIELA HAMMER-TUGENDHAT.

Österreich gilt als Kulturland. Die österreichische Kunst und Kultur, genannt seien nur die Musik, die Festspiele z. B. in Salzburg, Oper und Theater, gehören zu den wichtigen Gründen für einen Österreich-Besuch. Die Kunst verkommt dabei nicht selten zu einem bloßen Marketing-Gag für TouristInnen, man denke an die Konzert-Keiler im Mozart-Look. Das Bewusstsein von der gesellschaftlichen Bedeutung der Kunst bleibt dabei auf der Strecke. Kunst ist ein Lebensmittel, eine Notwendigkeit für eine lebendige Gesellschaft.

In der Corona-Krise wurde deutlich, wie KünstlerInnen und Kunst- und Kulturinstitutionen vernachlässigt werden. Das lag nicht nur am mangelnden Verständnis und der fehlenden Kommunikation von Ulrike Lunacek und Werner Kogler; das ist ein tiefergehendes und übergreifendes Problem, das alle Parteien betrifft.

Fragen des Lebens

Die Funktion von Kunst ist vielfältig, so vielfältig und komplex wie das Leben selbst. Dies gilt für alle Sparten: für die Musik, die Literatur, das Theater, die bildende Kunst, den Film, das Tanztheater oder die Performance. Die Kunst ist in der Lage, die Fragen des Lebens so zu vermitteln, dass wir sie mit unserem Verstand, aber eben auch emotional begreifen können, dass wir Ambivalenzen und Widersprüche verstehen lernen, dass wir Andersartigkeit in kultureller, religiöser, sozialer und politischer Hinsicht akzeptieren können, dass wir Empathie und Toleranz empfinden. Kunst kann uns motivieren, ganz neuartige Dinge zu begreifen, Utopien zu entwickeln, aber auch Träume leben zu können oder uns einfach an Schönheit und Harmonie zu ergötzen.

Ich möchte einige beliebige Beispiele geben. Debora Feldmann schreibt in ihrer Autobiografie Unorthodox wie sie es geschafft hat, sich aus einer ultraorthodoxen, erzpatriarchalen, dogmatischen jüdischen Gemeinde in Brooklyn/New York zu emanzipieren und auszubrechen. Jetzt lebt und schreibt sie in Berlin. Dass dieses Wunder möglich wurde, verdankt sie der Lektüre von englischer Literatur, die sie heimlich in der Bibliothek gelesen hatte. Durch das Lesen von Geschichten wurde ein anderes Leben überhaupt erst imaginier- und denkbar.

Es geht um unsere Gegenwart und um unsere Zukunft. Dies können wir nur meistern, wenn wir wissen, wie wir als Individuen und als Gesellschaft so geworden sind, wie wir sind. Die Kunst kann uns dieses Geworden-Sein vermitteln und zwar eben nicht einfach mit Daten und Fakten, sondern in einer Lebendigkeit, die wir verstehen und nachvollziehen können.

 

Idealbilder dekonstruieren

Zurzeit läuft im Wiener DomMuseum die Ausstellung Family matters, eine Ausstellung zu Familie und Familienbeziehungen in aktueller und alter Kunst.**

Einerseits sind es Bilder, die Vorstellungen einer »idealen«, meist patriarchalen Familie entwerfen. Die Auseinandersetzung mit den bildlichen Repräsentationen kann dazu beitragen, die eigenen, von Religion, Familie, Politik und Werbung tradierten Muster in Frage zu stellen, zu erweitern oder zu verändern. Viele der ausgestellten aktuellen Werke stammen von weiblichen Künstlerinnen, die – insbesondere seit den 1970er Jahren – die Widersprüche, die Katastrophen und die Gewalt in der Familie aufzeigen und sie als Ausfluss dieser ›Idealbilder‹ dekonstruieren. Die französische Künstlerin Iris Legendre beispielsweise macht unsichtbare strukturelle Gewalt sichtbar: ein älteres Foto von zwei eleganten Paaren. In das Gesicht der sitzenden Dame hat Legendre perlenbesetzte Nadeln gestochen. Die Nadeln oszillieren in der Ambiguität von kostbarem Schmuck und Folterinstrument. Die Verletzung wirkt so unerträglich, weil das Porträt selbst so konventionell ist. So vermittelt sich der Eindruck, dass die Frau auf die Schmerzstiche »nicht reagiert«, der Mann und das andere Paar sie nicht einmal wahrnehmen. Gewalt drückt sich nicht nur in körperlichen Handlungen oder expliziten Worten aus. Es gab und gibt eine strukturelle Gewalt, die vom Partner, von den Nächsten, ja manchmal nicht einmal von einem selbst bewusst empfunden wird. Es ist eben diese Banalität, die scheinbare Normalität, die vollkommene Indifferenz, die dieses Bild fast unerträglich machen. Legendre gelingt es durch ihren künstlichen Eingriff, just das Phänomen der Unsichtbarkeit von Gewalt und Schmerz als unsichtbares zu veranschaulichen und dadurch bewusst zu machen. Das bildkünstlerische Medium ermöglicht tiefe Betroffenheit und gleichzeitig kritische Distanz und Reflexion.

Politisches Bewusstsein

Kunst, insbesondere Literatur und Film, können uns politische Konflikte begreifbar machen, wie es keiner theoretischen Abhandlung möglich wäre. Ich denke etwa an Bücher wie Die Frau auf der Flucht vor einer Nachricht von David Grossmann oder Who the Fuck is Kafka von Lizzie Doron, beides jüdische Schriftsteller*in aus Israel. Der tragische Konflikt zwischen jüdischen und palästinensischen Menschen im alltäglichen Leben, der auch bei bestem Friedenswillen auf beiden Seiten schier unlösbar ist, wird einem so nahegebracht, dass man von jeglichem Dogmatismus oder einseitiger Verurteilung geheilt ist. (Nicht zu verwechseln mit einer begründeten Kritik an der aktuellen israelischen Politik.)

Die Kompliziertheit, Vielschichtigkeit, das Gemisch von positiven Errungenschaften und katastrophal verfehlter Politik, die eben gerade durch Dogmatismus entstanden ist, können nirgends so verstanden werden wie durch die Literatur und die Filme, z. B. jene, die sich mit der Gesellschaft und den Menschen in den ehemaligen Ostblockländern befassen.

Oder eine gut inszenierte Oper, beispielsweise von Mozart: die ganze Klaviatur der Gefühle von Liebe und Hass, von Treue und Untreue, von Ernst und unendlichem Humor. Gefühlstiefe bei gleichzeitiger unendlicher Leichtigkeit. Ein Ineinander von Text, Musik, Schauspiel und Bühnenbild, eine Aktivierung aller Sinnesorgane, die Verbindung von Verstand und Gefühl, welche das Verständnis und die Akzeptanz der Ambivalenz aller menschlichen Beziehungen erlebbar macht.

Das ganze Leben ernst, tragisch, sinnlich

Kunst ist grenzenlos, lotet das ganze Leben aus, das individuelle Leben in allen Höhen und Tiefen, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Kunst ist ernst, tragisch, sinnlich, lustvoll, humorvoll, sie ermöglicht uns Erfahrungen, die wir nie gemacht haben, sie verändert uns. Kunst kann zum politischen Kampf aktivieren, sie kann aber auch Emotions- und Denkräume schaffen, welche Kritik und differenzierte Reflexion ermöglichen, sie kann jedoch auch privat und subjektiv sein. Ihre Formen sind unendlich vielfältig. Wehe der Gesellschaft, die der Kunst vorschreibt, was sie darf und was nicht. Das heißt nicht, dass man Kunst nicht kritisieren soll. Im Gegenteil: Gefordert ist ein lebendiger, kritischer Austausch zwischen Kunst und Kunstkritik. An ernsthafter Kunstkritik mangelt es. Notwendig ist ein anderes Kunstverständnis, das bereits im Kunstunterricht in den Schulen gelehrt werden sollte. Ein kulturwissenschaftliches Verständnis, das davon ausgeht, dass Literatur, Bilder, Filme nicht lediglich zur Unterhaltung dienen oder »halt zur Bildung gehören«, aber auch nicht die Wirklichkeit widerspiegeln, sondern Bedeutungen produzieren, die wiederum Vorstellungen von Wirklichkeit und damit tatsächlich Wirklichkeit schaffen.

KünstlerInnen müssen gefördert werden. Das ist kein Almosen für das Schöne, KünstlerInnen sind lebenswichtig, wir brauchen sie. Vielleicht kann ja auch die Corona-Krise dazu beitragen zu verstehen, dass unser Leben, wenn es denn ein menschliches sein soll, nicht allein auf Profit und Geld ausgerichtet sein kann. Es ist die Kunst, es ist die Kultur, die unser Leben zu einem menschlichen macht.

* Miszelle = kleiner Aufsatz unterschiedlichen Inhalts in wissenschaftlichen Zeitschriften.

** Die Ausstellung Family Matters im Dommuseum Wien läuft noch bis zum 30. August 2020.

Daniela Hammer Tugendhat ist Hon. Professorin für Kunstgeschichte an der Universität für angewandte Kunst Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kunstgeschichte als Kulturwissenschaft, Malerei der Frühen Neuzeit, insbesondere der niederländischen und Geschlechterbeziehungen in der Kunst. Viele ihrer Vorlesungen sind auf Youtube zu hören, z. B. Kunstgeschichte als Kulturwissenschaft.

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Wie könnte die neue internationale Arbeitsteilung aussehen – transnational statt multilateral?

VON KURT BAYER

Kurz zum Rekapitulieren: Der grenzüber­schreitende internationale Handel ist bis zur Finanzkrise 2008 ff. ca. doppelt so rasch gewachsen wie die globale Wirtschaftsleis­tung und hat in unterschiedlichem Ausmaß die gesamte Welt erfasst. Schon frühere Pha­sen der internationalen Arbeitsteilung, etwa der ungleiche Austausch von Bodenschätzen gegen Industriewaren (Textilien) in der Kolo­nialisierung, der durch die Industrialisierung bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs ausge­löste Globalisierungsschub und schließlich die Entfesselung der Kapitalströme anfangs der 1980er Jahre haben den Warenaustausch befördert. In den letzten Jahren kommt durch elektronische Kommunikation (Daten­austausch) ein neuer Treiber hinzu. Seit den l980er Jahren sehen wir durch die Aufspal­tung der Produktionsprozesse in viele Ein­zelteile den Aufbau von »globalen Wert­schöpfungsketten«, wo einzelne Komponen­ten etwa in der Autoindustrie weltweit aus­gelagert werden, eben dorthin wo es am bil­ligsten ist. Der eben erschienene »Weltent­wicklungsbericht 2020« der Weltbank stellt fest, dass bereits 50 Prozent des Welthan­delsvolumens aus diesem Komponentenhan­del stammen. Damit würden viele weniger entwickelte Länder leichter in die Weltwirt­schaft eingebunden werden können, da deren Unternehmen nicht mehr kompli­zierte ganze Güter herstellen können müss­ten, sondern sich auf die Herstellung einzel­ner, einfacherer Komponenten »spezialisie­ren« könnten.

Der Kapitalismus in Form des neoliberalen Mainstreams und der Interessen der haupt­sächlich Multinationalen Konzerne sieht diese Globalisierung als uneingeschränkt positiv. Er bestimmt damit die Wirtschafts­politik der Welt. Schlagworte wie Kosteneffi­zienz (wir investieren dort, wo die Rohstoff- und Arbeitskosten am günstigsten sind), trickle-down (von unseren Investitionen in Billiglohnländern profitieren alle, bei uns und dort), offene Grenzen, Armutsbekämp­fung (die internationalen Finanzinstitutio­nen wie der Internationale Währungsfonds, die Weltbank, und andere sehen in der Ein­bindung der weniger entwickelten Länder in den Welthandel den primären Weg zur Armutsbekämpfung), günstige Transportmit­tel (subventionierte Straßen- und Bahnver­bindungen, Ausnahme von Flugkerosin von der Besteuerung) bestimmen die Agenda.

Zwar wurde in Sonntagsreden anerkannt, dass diese Globalisierung auch Schattensei­ten hat, etwa internationale Kriminalität, Drogen- und Menschenhandel; diese könn­ten jedoch leicht bekämpft werden bzw. müssten als »Kollateralschäden« in Kauf genommen werden, damit der »freie Han­del« mit Waren und Dienstleistungen mög­lichst ungehindert fließen könne. Die der­zeit grassierende Covid-19 Krise, die nun­mehr die ganze Welt erfasst, hat allerdings dieser Euphorie einiges an Anziehungskraft genommen. Vielen wird erst jetzt bewusst, dass das Dogma der immer weitergehenden Globalisierung auch Schattenseiten hat: ohne Warenhandel, ohne offene Grenzen, ohne AusländerInnentourismus keine Pan­demie! Diese ist, wie der Kapitalismus, welt­weit.

Die negativen Seiten der Globalisierung

Allerdings haben KritikerInnen der schran­kenlosen Globalisierung schon lange auf negative Aspekte, die essenziell mit dem freien Waren-, Personen-, Kapital- und Dienstleistungsaustausch verbunden sind, hingewiesen: so stammen fast zehn Prozent der weltweiten CO2-Emissionen aus dem grenzüberschreitenden Gütertransport; so zerstört der weltweite Tourismus nicht nur großflächig die Natur, sondern auch eigen­ständige Kulturen und unterwirft immer weitere Lebensbereiche dem Kommerz; so fallen die »Früchte« aus der Globalisierung hauptsächlich den Leitunternehmen in den Industrieländern zu, während sich die Ein­kommens- und Vermögensverteilungen sowohl in den Herkunfts- als auch den Ziel­ländern der Globalisierung so stark ver­schlechtert haben, dass die Stabilität der Gesellschaften durch Armutsrevolten (man denke an den sog. »Arabischen Frühling« anfangs des letzten Jahrzehnts) und durch rechtsradikale Populismusbewegungen gefährdet ist. Zwar hat es durch den unglaublichen Aufstieg Chinas zur zweit­größten Wirtschaftsmacht der Welt in den letzten 25 Jahren eine teilweise Ausnahme zu diesen Ausbeutungs- und Verarmungs­tendenzen gegeben, jedoch ist dies auch mit einem gravierenden Verbrauch von Umweltkapital und strenger Verhaltenskon­trolle verbunden.

Ende der Pax Americana

Chinas Aufstieg hat das geopolitische Sys­tem erschüttert: die seit 1945 vornehm (und falsch) so genannte »Pax Americana«, in der die USA und ihre Alliierten das Welt­geschehen weitgehend dominiert haben, besonders seit 1990 als die Sowjetunion als alternatives Gesellschaftssystem aufgelöst wurde, geht zu Ende. Die USA fühlen sich nicht erst seit Präsident Trump, der sich aus den globalen Institutionen und Verträ­gen zurückzieht, bedroht. Auch wenn China immer wieder betont, dass es – im Gegen­satz zu den USA – keine Hegemonialbestre­bungen hat, nutzt es sowohl »hard power« (militärische Aufrüstung, Stützpunkte im südchinesischen Meer) als auch »soft power« (Belt and Road Initiative, Hilfsliefe­rungen an viele Länder während der Pan­demie, viele Zeichen Guten Willens in den Globalen Institutionen), um sich als Responsible Global Player zu zeigen. Sein Handling in der Covid-19 Krise hat diesen Ruf allerdings ramponiert, auch wenn viele Länder gerne die Finanzierungen und Gaben Chinas annehmen.

Notwendigkeit globaler Kooperation

Es ist unbestritten, dass es eine ganze Reihe von globalen Problemfeldern gibt, die opti­malerweise – oder vielleicht auch aus­schließlich – auf globaler Ebene, in globaler Zusammenarbeit der Staaten gelöst werden können. Dazu gehören die Stabilität der Weltwirtschaft (inklusive Regelung der Kapitalströme, der Wechselkurse, des not­wendigen Aufholens der armen Länder), die Klimabedrohung, die Bekämpfung der grenzüberschreitenden Kriminalität mit besonderer Betonung der internationalen Steuerflucht durch Multinationale Unter­nehmen, die Migration und – aktuell – die Bekämpfung globaler Epidemien. Für alle diese Bereiche bestehen auf dem Papier viele globale Institutionen, die seit dem Ende des 2. Weltkrieges geschaffen wurden, und in denen die USA und ihre FreundIn­nen weitgehend das Sagen haben. Diese Institutionen sind vielfach unwirksam geworden, da sich die Verhältnisse seit ihrer Gründung verändert haben, beson­ders aber, da ihre »globale Legitimität« durch den Ausschluss vieler anderer Länder aus den Entscheidungsstrukturen nicht mehr besteht. Dazu kommen die stärker gewordenen nationalistischen Tendenzen in vielen Teilen der Welt, deren Führungspersonen diese Institutio­nen nur insoweit akzeptieren wollen, als sie ihren je eigenen Interessen dienen – für globale Institutionen ein Rezept in den Abgrund.

Die Covid-19 Krise

Die Covid-19 Krise führt in den reichen Industrieländern zu teilweiser Abkehr vom Dogma des all seligmachenden inter­nationalen Handels. Die Tatsache, dass 90 Prozent der pharmazeutischen Grund­stoffe in China und Indien produziert wer­den, die Tatsache, dass die höchstentwi­ckelten Länder nicht in der Lage sind, genügend Schutzkleidung für ihr medizi­nisches und Pflegepersonal bereitzustel­len, aber auch die Tatsache, dass die Ver­nichtung von virtuellem Firmenkapital durch den Absturz der Börsenkurse eine Einladung an »Ausländer« ist, die »Filet­stücke« der heimischen Unternehmen bil­lig aufzukaufen, führt zur Abkehr von der Vergötterung des sog. freien Handels und der freien Direktinvestitionen. Plötzlich erlaubt sogar die besonders außenhan­dels-affine Europäische Union (ein Bei­spiel für »Turbo-Globalisierung« © Robert Baldwin) zusätzliche Schutzmechanismen gegen ausländische Firmenübernahmen. Diese sind eindeutig gegen China gerich­tet. Bislang hatte allerdings niemand etwas gegen Firmenaufkäufe durch die USA oder andere »befreundete« Regime, obwohl auch diese sich um die nationalen Schutzinteressen der Zielländer keinen Deut scheren.

Geopolitik

In dieser geopolitischen Situation, wo ein alternder »Hegemon« sich durch einen Newcomer bedroht fühlt, haben globale Institutionen und globale Kooperationen auf breiter Ebene keine Zukunft. Umfas­sende Organisationen wie die UNO, der IMF oder die Weltbank, oder auch das Nuklear-Proliferationsverbot werden zwar weiter bestehen bleiben, aber immer zahnloser werden, da sie ihre Beschlüsse nicht gemeinsam fassen, bzw. umsetzen können. Der politische Wille, gemeinsam eine »bessere Welt« zu schaffen, existiert nicht. »My country first« scheint vielfach zu dominieren. Ich bin der Meinung, dass es statt globaler Institutionen zu Einzelko­operationen von je nach Problem und Materie »willigen Ländern« kommen wird, die in Einzelbereichen gemeinsame Beschlüsse fassen, aber offen für etwaige neu Hinzukommende sein werden. Es wird also zu einer weiteren Fragmentierung des ohnehin sehr übervölkerten Portefeuilles an internationalen Institutionen kommen, die entweder auf regionaler Ebene (z. B. EU, afrikanische Union, Mercosur, ASEAN) oder auf der Ebene einzelner Sachbereiche (Bei­spiele: Klima, Steuerflucht, Investitionen, Pandemien) agieren werden. Solche »Koali­tionen der Willigen« werden jedoch in Zukunft viel stärker Nicht-Regierungsinsti­tutionen, also etwa Sozialpartner und andere, nicht-organisierte Gruppen der Zivilgesellschaften einbinden müssen. Das in den Gründungszeiten der bestehenden globalen Institutionen existierende größere Vertrauen der Bevölkerungen in ihre Regierungen hat einem Misstrauen, aber auch viel breiterem Wissen und Wunsch nach Mitbestimmung und Mitentscheidung Platz gemacht. Wird diesem nicht Rech­nung getragen, gehen wir einem ungeregel­ten Chaos entgegen, in welchem noch stär­ker als bisher das Recht des Stärkeren dominieren und zu massiven Verwerfungen führen wird. Statt wie bisher multilaterale wird es transnationale Institutionen geben, die auf vielfältigen Organisationsformen, die über den Nationalstaat hinausgehen, aufgebaut sein werden.

Kurt Bayer, Studien in Rechtswissenschaft, Internationale Bezie­hungen und Volkswirt­schaft, Berufliche Tätig­keit im Österrei­chischen Institut für Wirtschaftsorschung, im Finanzministerium, in der Weltbank und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, derzeit freiberuflich. Verheira­tet, zwei erwachsene Kinder.

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Vom Narzissmus zum »neuen Miteinander«: eine Corona-Nebenwirkung? Zwischen gesun­dem Selbstbewusstsein als zentraler Wert der neoliberalen Gesellschaft und der narzissti­schen Persönlichkeit als Pathologie.

VON RAINER GROSS

Die Einhaltung der aktuellen Bestim­mungen fordert von jeder und jedem Einzelnen Disziplin und Selbstkontrolle – auch bei größtem Unabhängigkeitsdrang befolgen die meisten Menschen die von der Politik getroffenen Anordnungen. Trotz­dem aber kann sich niemand darauf verlas­sen, dass die eigene Anstrengung ausreicht, um eine Ansteckung zu verhindern: Jede/r muss sich auch auf seine Mitmenschen ver­lassen. Auch bisher war die völlige Autono­mie der/des Einzelnen nur eine Illusion, jetzt aber ist die hochgradige Interdepen­denz von niemandem mehr zu leugnen. Niemand kann es »alleine schaffen« – selbst das größte ICH muss sich unter den Bedin­gungen der Krise aktuell auf ein WIR bezie­hen.

Die deutlich veränderte Balance zwischen Ich- und Wir-Identität kann man auch an der so massiv veränderten Definition des »Helden« beobachten. Das Rollenbild des heroischen Individuums wurde massiv umgeschrieben: Plötzlich schallt ausge­rechnet dem Beruf Supermarkt-Kassierer, der bisher als Musterbeispiel für Mit ­bürger Innen in prekären Arbeitsverhältnis­sen herhalten musste, von überall Anerken­nung und Applaus entgegen.

Neben diesen »HeldInnen des Alltags« werden auch »HeldInnen der Naturwissen­schaft« über Nacht geboren: Wer kannte bisher MathematikerInnen, EpidemiologIn­nen oder VirologInnen – diese oft belächel­ten ExpertInnen sind plötzlich geachtet und gefragt, die Wissenschaft wird sogar zur »5. Macht im Staat« hochgeschrieben.

Das Ende des Narzissmus?

Wie peinlich inkompetent wirkt dagegen ein narzisstisch-grandioser Elefant wie Donald Trump (trotz noch immer hoher Umfragewerte für den »Kriegspräsidenten«): Erstmals kommt er mit seiner »Privat-Realität« nicht mehr durch, erstmals muss er sich dem Rat dieser von ihm so verachteten ExpertInnen beugen. Auch wenn er sich noch »nicht vor­stellen kann, Diktatoren mit Schutzmaske zu empfangen«. Aber seine »alternative facts« erweisen sich als das, was sie immer schon waren: Illusio nen. Fast schon tragikomisch erlebt die Nation jetzt seine Versuche, die Realität umzuschreiben, wenn er sie als Bedrohung für sein Selbstwertgefühl erlebt (laut S. Akhtar ein typisches Verhalten narzissti­scher Persönlichkeiten).

Aber nicht nur bei Trump als »Poster­boy« eines grandiosen Narzissmus, sondern auch unter seinen »Followern« spürt man eine Veränderung: Auf einmal ist es nicht mehr cool und bewundernswert, dauernd »ich, ich, ich« zu schreien. Zur Klarstellung: Natürlich werden die großen und kleinen NarzisstInnen auch nach Corona nicht zu achtsamen, gemeinwohlorientierten AltruistInnen mutieren. Aber: Der narziss­tisch-egoistische Gestus von Stärke und Rücksichtslosigkeit funktioniert nicht mehr als Distinktionsfaktor. Es könnte sein, dass wir in den letzten Wochen den – virusbe­dingten – Anfang vom Ende eines zentralen neoliberalen Wertes miterleben. Ist das »Zeitalter des Narzissmus« vorbei?

Jedenfalls sollte man bei der Verwendung psychoanalytischer Begriffe und Konzepte, die in die Alltagssprache eingesickert sind, prinzipiell vorsichtig sein. Was verstehen eigentlich die Psychoanalytiker unter Nar­zissmus und was bedeutet der Begriff in der Alltagssprache?

Begriffsgeschichtliches

1914 schrieb Freud von jenen »selbstgenügsamen« Personen, die viel mehr auf sich selbst zentriert sind als auf andere Menschen, gerade dadurch aber oft besonders souverän oder attraktiv wirken. Für viele AnalytikerInnen aber bedeutet Narzissmus nicht nur die Selbstliebe, son­dern vielmehr die Liebe zum Bild von sich selbst. In der Öffentlichkeit wurde der Begriff erst ab 1975 bekannt durch die »narzisstische Persönlichkeitsstörung« – von Otto Kernberg als massive Pathologie beschrieben. Solche »malignen Narzissten« sind für ihn weder liebesfähig noch empa­thiefähig, im Verhalten zu anderen Men­schen sind sie egoistisch, manipulativ und ausbeuterisch. Ernst Kohut hingegen betont die Bedürftigkeit und innere Unsi­cherheit dieser Menschen.

Für die TherapeutInnen also eine schwere und schwer behandelbare Sympto­matik. Was bedeutet es aber, wenn nicht nur Individuen, sondern eine gesamte Gesellschaft von narzisstischen Normen beherrscht wird? Dann wäre ja das Verhal­ten der »malignen Narzissten« mehrheits ­fähig und auch adaptiv. Warum also Cha­rakterzüge behandeln, die Erfolgschancen verbessern?

Die Diagnose einer narzisstischen Gesell­schaft wurde mit Christopher Laschs »The culture of narcissism« 1979 zum Schlag­wort. Seither wird das Adjektiv »narziss­tisch« medial und privat ausschließlich negativ verwendet zur Diskreditierung und Pathologisierung auffälliger Personen oder Verhaltensweisen. In seiner düsteren Prog­nose sorgt sich der Autor um eine politi­sche Krise des Kapitalismus und des Gemeinwesens. Für Lasch sind Narzissten geprägt vom Verlangen nach Anerkennung, ja Bewunderung.

In den Jahrzehnten danach erlebten wir die globale Hegemonie eines neoliberalen Zeitgeistes, der schon kurz nach Lasch mit der Ära von Reagan und Maggie Thatcher mit ihrer Demontage des Sozialstaates begann. Spätestens seither war für viele Menschen Solidarität nichts mehr als eine Schwäche, sei doch jeder im Konkurrenz­kampf auf sich und seine Leistung angewie­sen. Die entstehenden wirtschaftlichen Strukturen führten zu einer Priorisierung, ja Sakralisierung der Autonomie bei gleich­zeitiger massiver Verminderung der sozia­len Sicherheit und Einbindung.

Bis heute faszinieren Narzissten trotz moralischer Ablehnung: Hunderte Websites warnen vor der »dunklen Triade« von Nar­zissmus, Psychopathie und Machiavellis­mus. Im Gegensatz dazu aber preisen ebenso viele Ratgeber weiterhin den gesun­den Egoismus und vor allem das intakte Selbstwertgefühl als unabdingbar im Job und in unseren privaten Beziehungen.

Die Symbiose von Elefanten und Schneeflocken

Aus psychoanalytischer Sicht ist dies ein Spaltungs-Prozess zwischen gesundem Selbstbewusstsein und pathologischem Narzissmus. Dazu kommt eine Tendenz zur Projektion: Der Narzisst ist immer der Andere! Die Gesunden hingegen beanspru­chen nur die ihnen gebührende Anerken­nung.

Eine Differenzierung des englischen Psy­choanalytikers Herbert Rosenfeld scheint mir hier hilfreich. Er unterscheidet gran­diose von vulnerablen Narzissten: Die gran­diosen Narzissten (»thick-skinned«) ent­sprechen dem Bild des rücksichtslosen, gie­rigen Elefanten à la Donald Trump. Seine Charakteristik der vulnerablen Narzissten (»thin-skinned«) erinnert mich an die »Schneeflocken« – so der abwertende Begriff für die allzu empfindlichen und sen­siblen Millennials. Diese seien sich zwar ihrer Einzigartigkeit sehr bewusst (denn jede Schneeflocke ist einzigartig …), seien aber gleichzeitig hypersensibel gegenüber Mikro-Kränkungen. Auf anderem Wege führt dies bei den »Snowflakes« zum glei­chen Effekt wie bei den grandiosen »Elefan­ten«: Beide können die Alterität ihrer Objekte nur schwer akzeptieren. Andere Menschen sind für sie kaum als getrennt und unabhängig von ihnen selbst erlebbar.

Die Interaktion dieser beiden Typen kann sozialpsychologisch bzw. gesellschaftlich durchaus explosiv werden: Auf Ebene einer kritischen Massenpsychologie wäre der grandiose Narzisst der gierige Monopol-Kapitalist in einer Libido-Ökonomie. Er will möglichst alle verfügbaren Ressourcen an Anerkennung für sich allein akkumulieren, monopolisieren, sodass für alle anderen in seiner narzisstischen Inszenierung nur die Rolle des bewundernden Publikums bleibt. Aber die Sensiblen, Vulnerablen, so oft Gekränkten können auch durchaus narziss­tischen Gewinn aus der Bewunderung und Unterstützung solcher Führer ziehen: Wenn schon sie selbst so schmerzlich weit entfernt sind von der Erfüllung ihrer eige­nen narzisstischen Größenphantasien, wenn sie sich so schmerzlich missachtet und beschämt fühlen, dann können sie immer noch dem schamlosen Populisten zujubeln, der sich straflos alles nimmt, was sie sich nur vergeblich wünschen können …

Passend zu dieser Aufteilung in grandiose und dadurch auffällige NarzisstInnen und ihre unauffälligeren dünnhäutigen Bewun­derInnen scheint mir auch die so umfas­send positive Rolle, die im öffentlichen Dis­kurs dem Begriff der Anerkennung zuteil­wird: Oft wird vergessen, dass (zumindest nach Hegel und Axel Honneth) Anerken­nung immer nur in Gegenseitigkeit funktio­nieren kann. Daher auch die so bitteren Konflikte und Ressentiments im »Kampf um Anerkennung«, daher der große Wunsch nach Resonanz.

Die Corona-Krise als Hoffnungsträger einer solidarischen Zukunft?

Im bisherigen Verlauf der Corona-Krise wurde die Anerkennung (oft erstmals) auch jenen »SystemerhalterInnen« zuteil, die in der beinharten Konkurrenz um Aufmerk­samkeit und Einkommen bisher immer das Nachsehen hatten. Innerhalb weniger Wochen sind im Sinne einer Umwertung nicht aller, aber vieler Werte auch Ideen wie Solidarität und Gemeinwohl populär geworden, die noch im Februar 2020 von einer überwiegenden Mehrheit als Aus­druck veralteter Gewerkschafts-Mentalität oder gutmenschlicher Träumerei verachtet wurden. So schaffte es sogar das gute alte bedingungslose Grundeinkommen zu neuer, möglicherweise aber nur kurzlebi­ger Blüte als »Virus-Grundeinkommen«.

Es wäre ein »Corona-Kollateralwunder«, wenn nach der Krise wirklich die jetzt beschworene globale Solidarität ausbre­chen würde oder auch nur eine vorsichtige Humanisierung des Arbeitslebens als neues Miteinander. Der vielfach beschworene Bewusstseinswandel wird jedenfalls eher am Lohnzuwachs der Kassiererin und der Pflegehelferin ablesbar sein als am Betrof­fenheitsgrad der Kommentare.

Im Guten wie im Bösen: Diese globale Krise hat bewiesen, wie verblüffend ra­sant Vieles, was bisher so alternativlos er­schien, weggefegt werden kann. Verände­rung kann also schnell gehen – ihre Rich­tung kann aber derzeit noch niemand ver­lässlich einschätzen. Umso mehr sind wir aufgefordert, nicht nur das Wieder ­eröffnen der Geschäfte, sondern die Wiederherstellung der bürgerlichen Freiheiten zu beobachten.

Rainer Gross ist Psy­chiater und Psychoana­lytiker in Wien.

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