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Von EVA BRENNER

Heiner Müller (1929–1995) gilt als der nach Bertolt Brecht wichtigste deutsche Dra­matiker und zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern der DDR. Beachtung erlangte er außerdem als Lyriker, Essayist sowie als Regis­seur, Dramaturg, Intendant, Präsident der Akademie der Künste der DDR und lebenslan­ger Dissident. Legendär, weil heftig kritisiert, bleibt sein Auftritt am 4. November 1989 bei der Demonstration am Berliner Alexander­platz, wo er vor 500.000 Menschen einen ihm kurz davor ausgehändigten Aufruf zur Grün­dung freier Gewerkschaften verlas. Es ist ein Dokument seiner fundamentalen Oppositions­haltung gegenüber Vereinnahmung durch Erwartungshaltung und Ideologie.

Ich war seit meinen Anfängen als Theater­macherin von Müllers Werk fasziniert, das Fragment, Kommentar, Sprengung der Form, Elemente von automatic writing, Traum Sequenz, poetischer Text, Groß- neben Klein­schreibung, Überlappung und Filmschnitt, Zeitsprung und Figurendoppelung nicht nur zulässt, sondern einfordert.

Müllers Theaterbegriff ist kontrovers, er setzt radikale Maßstäbe an die Theaterpra­xis, verschließt sich simplen Interpretatio­nen und linearen Umsetzungen. Seine Ver­weigerung jeglicher Zugeständnisse an die Doktrin des sozialistischen Realismus ver­dankt Müller dem gründlichen Studium westlicher Avantgarde – von Dada über Surrealismus bis Fluxus.

Müller war politisch wie künstlerisch ein Grenzgänger, ein Wanderer zwischen den Welten. Unfreiwilliger Dissident zwischen Ost und West, fand sein Werk zuerst in Westdeutschland, bald danach in Frank­reich, den USA und später weltweit höchste Anerkennung. Ja, um das »Müller-Theater« entwickelte sich unter afficionados ein regelrechter Kult, die sich u. a. in den zahl­losen Gesprächen, Interviews, Talkshows, Filmen und Bildbänden ausdrückte.

Auf einem Foto aus seinem letzten Lebensjahr hält Müller eine selbst gekrit­zelte Tafel in die Kamera, worauf zu lesen steht: »Es gab immer zwei (2) Deutschland, eins oben, eins unten. Ich lebe in beiden. Heiner Müller, 66, ohne erlernten Beruf, Berlin, 12.6.95.« Die Welt, wie Müller sie kannte, ist Vergangenheit, die Hoffnungen auf eine sozialistische Alternative haben sich nicht erfüllt. Seine Stücke werden zwar bis heute gespielt, wenn auch weniger häufig und unter Verzicht auf die funda­mentale marxistische Weltsicht und Dialek­tik, zu der seine lebenslange Loyalität zu jenem Staat zählte, den er bis zuletzt für das »bessere Deutschland« hielt. Müller verstarb 1995 politisch enttäuscht in Berlin, nachdem ihm sein Hauptthema abhanden­gekommen war: der Widerspruch zwischen Ost und West, politischer und ästhetischer Avantgarde, Masse und Individuum.

Sich von Brecht her tradierend, diesen kritisierend, um fremde, avantgardistische, auch außereuropäische Einflüsse aufzuneh­men, hat sich Müller mit jedem neuen Text neu geöffnete, Wege jenseits des konventio­nellen (auch Brecht’schen) Dramas beschritten, die Einheit von Raum, Zeit und Form sprengend. Sein unabgeschlossenes Projekt versuchte nichts weniger als eine Synthese zwischen sozialistisch-emanzipa­torischer (DDR) und dissident-westeuropä­isch-amerikanisch orientierter kultureller Praxis, deren historische Zeit noch nicht gekommen ist. Er konstatierte: »Ich habe genau die Illusionen gehabt wie unsere Poli­tiker über das Zeitmaß der (revolutionären) Entwicklungen … Ich habe auch geglaubt, das geht alles viel schneller. Dann merkt man, es dauert länger als man lebt, und dann stellt man sich drauf ein, und diese Enttäuschung führt dann zu einem Widerspruch, dem Widerspruch zwischen einer individuellen Lebensdauer und der Geschichte, der Zeit des Subjekts und der Zeit der Geschichte.«1

Während Bertolt Brecht 1956 im vollen Glauben an die Zukunft des Sozialismus starb, trifft das für Heiner Müller nicht mehr zu. Zu groß war seine Enttäuschung über Stagnation, Stillstand und Dekadenz in der DDR, die er (direkt) mit rebellischer Ein­dringlichkeit in Gesprächen und (indirekt) in seinem Werk thematisierte und stets kom­promisslos, ohne Zugeständnisse an die Par­tei, der er niemals beitrat, äußerte. Das macht ihn bis heute zum politisch wohl inte­ressantesten und wirkmächtigsten deutsch­sprachigen Dramatiker nach Brecht.

Akte der Überschreitung

Müller meinte, die Aufgabe der Literatur sei, »die Wirklichkeit, so wie sie ist, unmöglich zu machen« und verglich sein Schreiben mit Akten der Überschwemmung, des Schocks, um »den Leuten so viel aufzupacken, daß sie nicht wissen, was sie zuerst wegtragen sol­len«. Über vier Jahrzehnte hinweg gelang es ihm, sich künstlerisch stets neu zu erfinden. Das reicht von frühen, sozialistisch-optimis­tischen Produktionsstücken über die DDR-Übergangsgesellschaft im Brecht’schen Duk­tus bis zu den apokalyptischen, mit Träu­men, autobiografischen Texten versehenen Montagen der 1970er und 1980er Jahre, die naturgemäß dem Verdikt des »sozialistischen Realismus« seines Heimatlandes widersprachen und desto begeistertere Aufnahme im Westen fanden. Müller ver­weigerte Ideologie im Zusammenhang mit Kunst und blieb dennoch immer überzeug­ter Marxist, der die Vergangenheit, Gegen­wart und Zukunft seismografisch verzeich­nete und dramatisch punktgenau sezierte. Ihm war es weniger um Antworten als Fra­gen zu tun, sein Theater umkreist die The­men Geburt und Tod, die zyklische Wieder­kehr von Gewalt und Terror, die verpasste Chance des Sozialismus, die bis zur Selbst­vernichtung menschlichen Lebens führen könnte. Das macht den klassischen Zuschnitt seiner Texte aus, hält sie frisch und lebendig.

Geboren in Sachsen in kleinen Verhält­nissen, entschied er sich 1951 – nach der Flucht der Eltern in den Westen – in der DDR zu bleiben. Ihr ist er zeitlebens treu geblieben, obwohl er Jahrzehnte Publikati­ons-und Aufführungsverbot erdulden musste. Erst 1986 von Erich Honecker per­sönlich mit dem Nationalpreis Erster Klasse der DDR ausgezeichnet, erfuhr er kurz darauf von seiner vollständige Rehabilitie­rung durch die Wiederaufnahme in den Deutschen Schriftstellerverband. Diese sah er selbst als Zeichen des nahenden Unter­gangs des Staates, in dem zu leben ihm so wichtig, weil Voraussetzung für sein Schreiben, war: »Die DDR ist mir wichtig, weil alle Trennlinien der Welt durch dieses Land gehen. Das ist der wirkliche Zustand der Welt, und der wird ganz konkret in der Berliner Mauer.«2 In den Folgejahren wurde sein Theater sowohl im Westen wie auch – mit zeitlicher Verspätung – im Osten rezipiert, Müller zum Sprachrohr der lin­ken Intelligenz, der sich regelmäßig in Medien und Publikationen zu Wort mel­dete.

»Einsame Texte, die auf Geschichte warten«

So bezeichnete Müller seine zuerst im Wes­ten rezipierten zivilisationskritischen Stü­cke. Da man sich angesichts der realen Ver­hältnisse in der Welt vom Brecht’schen »Lehrstück« zu verabschieden habe, lokali­siert Müller das revolutionäre Moment der Kunst in der Form – in einem Interview, erklärte Müller 1987: »Wir müssen uns klar werden, was im Zusammenhang mit Kunst politisch ist. Das sind doch nicht einfach die Inhalte. Vielleicht hat das Godard am besten formuliert. Er sagte, die Aufgabe bestehe nicht darin, politische Filme zu machen, sondern Filme politisch zu machen. Also geht es um die Behandlung des Stoffes, um die Form, nicht um den Inhalt.«3

Für diese Erkenntnis spricht sein prophe­tisches Neun-Seiten-Stückfragment Hamlet­maschine (1977), das in einer wüsten Collage disparate Szenen, Monologe, Chöre und Traumbilder in einer Generalabrechnung mit dem real existierenden Sozialismus zusammenpresst, ein monumentales Einge­ständnis des Scheiterns linker Intellektuel­ler mit Referenz auf Shakespeare, Lenin, Rosa Luxemburg, E. E. Cummings, Poe, Andy Warhol u. a.: »Ich war Hamlet, ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLA­BLA, im Rücken die Ruinen von Europa. … ZWEITER CLOWN IM KOMMUNISTISCHEN FRÜHLING / SOMETHING IS ROTTEN IN THIS AGE OF HOPE … Ich bin nicht Hamlet. Ich spiele keine Rolle mehr. … Mein Drama fin­det nicht mehr statt.«

Das Werk öffnet den Blick für das Ir ­rationale, Dunkle, Nicht-Beherrschbare der Geschichte, der Müller’sche nähert sich dem cineastischen Schnitt an, dekonstruiert die Erzählung und verweigert eindeutige Bot­schaften. Das Werk verunmöglicht den verklärten Blick auf die Geschichte, den linearen Fortschrittsbegriff; kein Wunder also, dass die Hüter des sozialistischen Realismus darauf – und seinen zunehmen­den Pessimismus in späten Stücken – mit dem Vorwurf der »Formalismen« reagier­ten. Dies wiederum bot Angriffsfläche im Westen, das Werk des überzeugten Marxis­ten aus dem deutschen Osten als sozialis­mus-kritisch zu lesen. Ein hermeneutischer Kurzschluss durch Einvernahme in den postdramatischen Mainstream, dem es auch heute noch entgegenzutreten gilt, denn ohne fundamentale marxistischer Dialektik, die sein Werk grundiert, ist es nicht zu enträtseln.

1 Gesammelte Irrtümer, 1986, S. 168

2 Heiner Müller, Gesammelte Irrtümer 1, S. 135

3 Ich weiß nicht, was Avantgarde ist. Gespräch mit Eva Brenner, Gesammelte Irrtümer 2, 1990, S. 97

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Von SABINE FUCHS

In Zeiten der immer hysterischer werden­den Delegitimierung der DDR mutet es überraschend an, dass im Jahr 1989 etwa 200.000 AusländerInnen freiwillig im angeblichen »Unrechtsstaat« gelebt haben. Dabei war auch die Anzahl derer, die nicht aus Staaten des Warschauer Pakts stamm­ten, wesentlich größer, als die Propaganda von der gegenseitigen Abschottung wäh­rend des Kalten Krieges vermuten lässt. So lebten Mitte der 1970er Jahre etwa 3.000 Personen mit Schweizer Pass in der DDR, zur selben Zeit sprach der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky von einer »fünfstelligen Zahl« in der DDR lebender ÖsterreicherInnen. In der diplomatischen Korrespondenz der 1950er Jahre ist konkret von 18.000 in der sowjetischen Besatzungs­zone lebenden ÖsterreicherInnen die Rede.

Die ÖsterreicherInnen waren damit die größte Gruppe an Nicht-Deutschen, die zunächst in der sowjetischen Besatzungs­zone und dann in der DDR lebten. Der grö­ßere Teil dieser Menschen emigrierte aller­dings nicht in die DDR, vielmehr sind sie oder ihre Vorfahren schon zwischen den beiden Weltkriegen nach Deutschland gegangen, um dort Arbeit zu suchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden alle in Deutschland lebenden ÖsterreicherInnen durch so genannte Repatriierungsstellen betreut, die vor allem mit Pass- und Rück­führungsangelegenheiten beschäftigt waren. Aus der Berliner Repatriierungs­stelle ging 1947 die »Österreichische Dele­gation« hervor, die die konsularische Betreuung der in der sowjetischen Besat­zungszone lebenden ÖsterreicherInnen übernahm. Ihre Haupttätigkeit bestand in der Ausstellung von Pässen, was mit einer Überprüfung des Anrechts auf die österrei­chische Staatsbürgerschaft einherging.

Nach der Gründung der DDR am 7. Okto­ber 1949 verkomplizierte sich die Situation, denn nun war nicht mehr die sowjetische Besatzungsmacht der Ansprechpartner, sondern die Behörden der DDR. Gleichzeitig waren im beginnenden Kalten Krieg eine offizielle Anerkennung der DDR und damit Gespräche mit den DDR-Behörden auf offi­zieller Ebene nicht möglich. Anfang 1952 wurde die Delegation dem Wiener Außen­amt unterstellt und damit in den Auswärti­gen Dienst eingegliedert, obwohl es offiziell keine diplomatischen Beziehungen zwi­schen beiden Staaten gab. Dies war durch­aus in beiderseitigem Interesse: Österreich stempelte als eines von wenigen westlichen Ländern Visa direkt in die DDR-Pässe (und akzeptierte sie somit stillschweigend als offizielles Dokument), was gerade in der Anfangsphase der DDR die Reisen in das westliche Ausland erheblich erleichterte. Profitiert haben davon vor allem politische Delegationen, aber auch WissenschaftlerIn­nen, die an internationalen Kongressen teilnahmen. Sie konnten mit dem österrei­chischen Visum nicht nur nach Wien, son­dern auch über Wien in andere Staaten rei­sen. Im Gegenzug akzeptierten die DDR-Behörden die Arbeit der Delegation und duldeten die Reisefreiheit der auf ihrem Staatsgebiet lebenden Personen mit öster­reichischem Pass. Beide Parteien waren an der Aufrechterhaltung des Status quo inte­ressiert. So behielt Österreich die liberale Visapraxis auch nach dem September 1960 bei, als die NATO-Länder eine Visa-Sperre gegen DDR-BürgerInnen verhängten.

Die Aufgaben der Delegation entsprachen denen eines Konsulats oder einer Botschaft. Personen, die mit ihr in Kontakt traten, taten dies in den meisten Fällen wegen einer obligatorischen Verlängerung des Reisepasses. Auch bei Problemen mit DDR-Behörden wurde die eigene diplomatische Vertretung konsultiert. In den Akten ist die angeblich mangelhafte Unterstützung durch die DDR-Behörden bei einem Nach­barschaftsstreit ebenso als Grund zu finden wie das mehrfach vorgetragene Begehren des Dirigenten Othmar Suitner, nach dem Nationalpreis der DDR auch eine österrei­chische Auszeichnung zu erhalten. Schwer­wiegendere Konflikte gab es zu dieser Zeit kaum.

Passfrage und Staatsbürgerschaftsrecht

Eine gewisse Zäsur stellte die im Rahmen der »neuen Ostpolitik« Willy Brandts statt­findende offizielle Anerkennung der DDR und die Aufnahme diplomatischer Bezie­hungen im Dezember 1972 dar. Nun wurde die österreichische Botschaft in der DDR eröffnet, die in der damaligen Otto-Grote­wohl-Straße (heute Wilhelmsstraße) lag. Eine andere Neuerung für die in der DDR lebenden ÖsterreicherInnen, die mit den unterschiedli­chen Staatsbürgerschaftsrechten der beiden Staaten zusammenhängt, wurde ebenfalls in den 1970er Jahren virulent. Während das Staatsbürgerschaftsrecht der DDR nämlich auf dem Territorialprinzip beruhte (jede/r, der/die auf dem Staatsgebiet der DDR gebo­ren wurde galt als Bürger/in der DDR), beruhte das Staatsbürgerschaftsrecht Öster­reichs auf Abstammung. Die Konfliktlinie ist offensichtlich: Die Kinder von ÖsterreicherIn­nen, die in der DDR geboren wurden, besaßen per definitionem beide Staatsbürgerschaften, konnten also einen österreichischen Pass beantragen und taten das auch meist, wurden aber von den DDR-Behörden als Doppelbürge­rInnen angesehen und konnten damit auch Probleme bei Auslandsreisen bekommen.

Während die Akten für die 1950er und 1960er Jahre eine relative Zufriedenheit der in der DDR lebenden ÖsterreicherInnen mit den DDR-Behörden zeigen, verschlechterte sich die Stimmung ab Mitte der 1970er und vor allem in den 1980er Jahren. In der DDR geborene ÖsterreicherInnen der zweiten Generation hatten häufiger Konflikte beim Reisen, wobei aber kein einheitlicher Umgang von Seite der DDR mit diesen Fällen zu beobachten ist. Gleichzeitig konnte es auch von österreichischer Seite zu Proble­men kommen, denn das österreichische Staatsbürgerschaftsrecht war komplex: Anrecht auf einen österreichischen Pass hatte, wessen Vater die Staatsbürgerschaft besaß, wer nie in den Dienst eines ausländi­schen Staates eingetreten war, und wer die Staatsangehörigkeit nie freiwillig zurückge­legt oder freiwillig eine andere Staatsange­hörigkeit angenommen hatten. War die Kette der »vererbten Staatsbürgerschaft« einmal unterbrochen, hatten auch Nachfahren kein Anrecht mehr darauf. So bekam etwa eine Frau Probleme mit den österreichischen Behörden, weil sie in ihrem Passansuchen als Berufsbezeichnung »Postbeamtin« angege­ben hatte. Die Behörden interpretierten die Arbeit als »Beamte« jedoch als Dienst für einen ausländischen Staat und verweigerten zunächst den Pass. Die Frau konnte dann jedoch nachweisen, dass sie lediglich Ange­stellte und nicht Beamtin der Post der DDR war und bekam ihren österreichischen Pass schließlich auch ausgehändigt.

Die DDR als Exilort

Ganz anders stellte sich die Situation für die­jenigen dar, die tatsächlich in die DDR immi­grierten. Kommunistische Wissenschaftle­rInnen und Intellektuellen, denen in Öster­reich aufgrund des antikommunistischen Kli­mas entsprechende Wirkungsmöglichkeiten verwehrt geblieben waren, setzten ihre wis­senschaftliche Laufbahn in der DDR fort, etwa der Philosoph Walter Hollitscher, der Historiker Leo Stern, der Musikwissenschaft­ler Georg Knepler oder der Biochemiker Mitja Rapoport. Der aus dem US-Exil zurück­gekehrte Komponist Hanns Eisler scheiterte 1948 daran, eine Lehrstelle am Konservato­rium der Stadt Wien zu erhalten, weshalb er 1949 ebenso in die DDR ging und dort deren Nationalhymne komponierte.

Eine wichtige Zäsur stellte dabei der Abschluss des Staatsvertrags im Jahr 1955 dar. Für viele österreichische Linke bedeu­tete dies den Verlust des Schutzes vor Anfeindungen konservativer Kreise und alter Nazis. Legendär wurde aber vor allem die Geschichte der KünstlerInnen des »Neuen Theaters in der Scala«, das nach dem Zweiten Weltkrieg von aus der Emigration zurückgekehrten antifaschistischen Künst­lerInnen als progressives und selbstverwal­tetes Sprechtheater gegründet worden war. Wolfgang Heinz, Karl Paryla, Emil Stöhr, Erika Pelikowsky oder Hortense Raky waren in der Schweiz im Exil gewesen und hatten am Zürcher Schauspielhaus gearbeitet, wo sie u. a. mit dem deutschen Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff zusam­menarbeiteten. Aus dem Londoner Exil kamen Otto Tausig und seine spätere Frau Lily Schmuck sowie der in erster Linie als Kabarettist bekannte Otto Stark an die »Scala«, andere kommunistische Theater­schaffende wie Trude Bechmann und Peter Sturm schlossen sich an. Als nach Abzug der sowjetischen Truppen die »Scala« trotz ihrer künstlerischen Erfolge geschlossen werden musste und die dort arbeitenden KünstlerInnen arbeitslos waren, engagierte sie Wolfgang Langhoff an das von ihm gelei­tete Deutsche Theater in Berlin.

In der Hauptstadt der DDR trafen sie andere österreichische KünstlerInnen, die in der NS-Zeit ebenfalls im Exil waren, sich aber in anderem Kontext in der DDR niedergelassen hatten: die Schauspielerin­nen Helene Weigel und Mathilde Danegger, der Intendant der Komischen Oper in Berlin, Walter Felsenstein, Otmar Suitner, der Film­komponist und Eisler-Schüler Andre Asriel, die SchriftstellerInnen Fred und Maxie Wan­der oder der erste Chef dramaturg der DEFA, Georg Klaren. Die österreichischen Künstle­rInnen in der DDR verstanden sich jedoch nicht als homogene Gruppe. Viele hatten, nicht zuletzt aufgrund der gemeinsamen Sprache, mit deutschen KollegInnen ebenso Kontakt wie mit Angehörigen anderer Nationen, etwa dem belgischen Filmema­cher Joris Ivens oder dem Schweizer Regis­seur Benno Besson. Die politische und künstlerische Identität dominierte die nationale und religiöse. Sie alle verstanden sich in erster Linie als Teil eines Netzwerks internationalistischer und kommunisti­scher, meist jüdischer Intellektueller, von denen die älteren schon seit Beginn der 1930er Jahre AntifaschistInnen gewesen waren und dies auch, ohne Anfeindungen ausgesetzt zu sein, bleiben wollten.

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Im Jahr 1949 wurde die Deutsche Demokrati­sche Republik mit dem rot-schwarz-goldenen Emblem Hammer-Sichel-Zirkel gegründet, das als Arbeiter-Bauern-Wissenschaftssymbol gedacht war.

Erinnerungen von BÄRBEL DANNEBERG.

Ich kam 1949 gerade in die Schule und wohnte mit meinen Eltern im amerika­nisch besetzten Teil Berlins. Meine zwei Jahre ältere Cousine Jutta war im östlichen, sowjetischen Teil zu Hause. Wir sahen uns oft, hüben wie drüben. Wir sangen gemein­sam unsere alten Kindheitslieder. Erst später unterschieden sie sich. Während ich »Abend­stille überall ...« sang, hatte Jutta das sozia­listisch geprägte Liedgut im Repertoire: »Unsere Heimat ...« mit dem aufdringlichen Refrain: »... wir schützen sie, weil sie unserem Volke gehört.« Unsere Welten begannen sich zu teilen. Juttas Mutter, eine Alleinerzie­hende und SED-Genossin, nahm mich zusam­men mit ihrer Tochter als »ihr« Kind mit ins Ferienlager der Jungen Pioniere nach Babe auf Rügen.

Meine Mutter war froh darüber, sie hatte vier Kinder durchzufüttern und Essen war damals knapp bei uns. Deshalb ging sie immer »nach drüben« in den HO einkaufen. In der staatlich verwalteten Handels Organi­sation (so etwas Ähnliches wie später bei uns die Konsum Genossenschaften) gab es die staatlich gestützten Grundnahrungsmittel für uns Westler zu einem Spottpreis. Das ging damals noch problemlos: Mit der S-Bahn von Schöneberg bis Friedrichstraße fahren, die zum östlichen Teil Berlins gehö­renden Stationen wurden ohne Halt durch­fahren. Typischer Ost-Geruch war für mich neben Calciumcarbit der köstlich frische des Brotes, das meine Mutter aus dem HO mit­brachte.

Widerstand vs. Wohlstand

Meine Mutter bedauerte sehr den 17. Juni 1953, der später zum »Tag der deutschen Einheit« erklärt wurde, denn er riss ein Loch in ihr Haushaltsbudget. Es war nun nicht mehr so leicht möglich, im Osten einzukau­fen. Ich war gerade zehn Jahre alt und ver­stand nicht, warum es jetzt so schwierig wurde, meine Cousine Jutta zu sehen. Der »Arbeiter- und Bauernaufstand« in der Täterä, wie man Walter Ulbrichts sächsi­schen Dialekt hämisch nachäffte, wurde in den westlichen Nachrichten ausgiebig als »Volksaufstand« kommentiert und die sow­jetischen Panzer als »Aggression Moskaus«, während Walter Ulbricht von den »Bonner Ultras« und den »Revanchisten« sprach. Im West-Radiosender RIAS war von einem »Terrorstaat« die Rede, wenn es um die DDR ging, und in Westberlin wurden die Streiks der Bauarbeiter in der Stalin-Allee von den Düsenjägern der AMIS mit Überschall-Geknalle begleitet, sodass bei uns etliche Fensterscheiben zu Bruch gingen. Es gab 55 Tote, es war das Jahr, in dem Stalin starb. Mein Vater sagte bitter: Fängt das jetzt schon wieder alles an? Es waren gerade einmal acht Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen. Nun hatten wir einen neuen, einen Kalten Krieg.

Initiationsriten hüben wie drüben: Ich ging in den evangelischen Konfirmanden­unterricht und wurde eingesegnet; meine Cousine war in der sozialistischen FDJ und bekam die Jugendweihe.

Noch konnte man in der viergeteilten Stadt Berlin zwischen Ost und West hin- und herfahren. Meine Cousine sah ich aber kaum noch. Jutta studierte im Osten Mathe­matik, ich erlernte nach meiner Schneider­lehre im Westen den Beruf Krankenschwes­ter. In meinem Krankenhaus arbeiteten auch viele »Ostärzte«, sie wohnten im östli­chen Teil Berlins und tauschten ihr bei uns im Westen verdientes Geld eins zu acht um. Ein Ungleichgewicht ökonomischer Ver­hältnisse zum Vorteil des Westens und zum Nachteil des Ostens, bei dem krasse Un ­gleichheit nicht am Programm stand. Und so löste der 13. August 1961 bei uns im Spi­tal große Empörung aus, denn in einer Nacht- und Nebelaktion wurde mitten durch Berlin eine Mauer gebaut! Ulbricht nannte das den »Antifaschistischen Schutz­wall«. Nun war es in meinem Spital vorbei mit den billigen »Ostärzten«, sie durften nicht mehr hin- und herpendeln. Wir spür­ten diesen Fachkräftemangel deutlich.

Später war es möglich, mit einem Passier­schein, den man auf einem westlichen Amt beantragen musste, in den Osten zu fahren. Meiner Cousine Jutta brachte ich Perlon­strümpfe und Kaffee mit, und sie schenkte mir Bücher und Schallplatten. Punkt 24 Uhr musste man die Besuche in der DDR beendet haben, und am Grenzübergang Friedrichstraße herrschte jedes Mal großes Gedränge, um rechtzeitig wieder zurück in den Westen zu kommen. Jutta, mittlerweile fertige Mathematikerin, war stolz auf »ihre Heimat«. Und ich, von der Fabriksnäherin zur Krankenschwester aufgestiegen, auf »meine«. Sie hatte den Sozialismus und ich die Freiheit, wurde uns gesagt. Als 1969 der Fernsehturm als höchstes Bauwerk Deutsch­lands fertiggestellt wurde, führte sie mich stolz nach oben und wir bewunderten beide ihre Stadt und meine Stadt, die uns zu Füßen lag. Die Teilung war klar sichtbar. Wir sahen uns wieder öfter.

Antifaschismus vs. Antikommunismus

Von den politischen Hintergründen, der industriellen Demontage und den Reparati­onsleistungen in Milliardenhöhe, die von der DDR geleistet wurden, oder von dem Mar­shallplan, der den Westlern einen wirtschaft­lichen Startvorteil verschaffte, hatte ich damals keine Ahnung. Wir im Westteil waren das Schaufenster zum Osten, wir fühlten uns im steigenden Wirtschaftswunderkonsum als »was Besseres«. Viele Studierende trieb es in den 1960er Jahren nach Westberlin, denn dort entgingen sie dem Bundeswehrdienst. Die StudentInnenbewegung dieser Zeit hat mich »Nichtstudierte« dann politisch voll erwischt. Die Nazivergangenheit wurde für mich plötzlich zum brennenden Thema. Wurde bei uns über diese Zeit geschwiegen, machte ich bei meinen Besuchen im Ostteil der Stadt die Erfahrung, dass Antifaschismus hier nicht nur in Straßennamen anzutreffen ist. Von Konzentrationslagern habe ich hier zum ersten Mal gehört. Ich hatte in der Schule ja noch vom »verlorenen Krieg« und vom Vorteil der Autobahnen, die Hitler gebaut hat, gelernt. Der kulturelle Bruch zwischen Ost und West sprang mir nicht zuletzt in den Buchläden ins Auge: Literatur war ein Kulturgut und gab es zum Spottpreis, und meine Cousine besorgte uns für meine Besuche oft Theaterkarten.

Dass ich später Kommunistin wurde, nach­dem mich die 1968er-Bewegung in Westber­lin in einem Klima des Antikommunismus als Staatsdoktrin voller Elan und Widerstands­geist mitgerissen hatte, hat mit vielen Mosaiksteinchen einer deutsch-deutschen Geschichte zu tun, die ich mir mühsam zusammengesucht habe. Den Mauerfall habe ich in Wien erlebt. Wehmut und Erinnerung an meine Kindheit und Hoffnung auf eine künftig bessere Welt verdichteten sich zu der Erkenntnis, dass die deutsche Wiedervereini­gung eine unerfüllte Sehnsucht und vertane Chance blieb.

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Der Umbau der ostdeutschen Hochschulen nach der deutschen Einheit.

Von PEER PASTERNACK

Mit dem Zusammenbruch der DDR im Herbst 1989 setzte eine zunächst spontane demokratische Entwicklung an den Hochschulen ein. Sie führte zur Auflö­sung der SED- und FDJ-Strukturen sowie zur Entsorgung ideologischer und (para-) militärischer Studienanteile, stellte die studentische Selbstverwaltung wieder her und hob die Beschränkungen der Wissen­schaftsfreiheit auf. Die Einführung des freien Studienzugangs war eine durchaus befreiende Erfahrung nach 40 Jahren rigi­der Zulassungspolitik. Mit dem 3. Oktober 1990 setzte dann eine Komplettumgestal­tung der ostdeutschen Hochschulen ein.

Die Rahmenbedingungen des Hochschul­wesens wurden vor allem in zweierlei Hin­sicht verändert. Einerseits änderten sich im Zuge eines weitgehenden West-Ost-Trans­fers die kompletten Strukturen: die Hoch­schulstrukturen, die Personalstruktur und das rahmensetzende Rechtssystem. Ande­rerseits setzte, durch Finanztransfers getrieben, eine deutliche Ausstattungsver­besserung der ostdeutschen Hochschulen ein. Parallel dazu, 1990/91, erfasste die Hochschulen ein Großkonflikt, als die so genannten Abwicklungen verfügt wurden. Abwicklung bedeutete die Schließung von Einrichtungen, die als sachlich überflüssig oder politisch erneuerungsbedürftig galten. Das vorhandene Personal konnte sich zwar für Stellen bewerben, die für die anstelle der alten Einrichtungen neu errichteten Institute ausgeschrieben wurden. Dies war allerdings mit dem Makel behaftet, sich aus einem abgewickelten Zustand heraus zu bewerben. Entsprechend selten führte es zum Erfolg.

Abwicklung und Arbeitsplatzverlust

Zunächst begannen so genannte Integri­tätsüberprüfungen, d. h. Personalkommis­sionen und Ministerien unternahmen poli­tische Bewertungen der WissenschaftlerIn­nen und ihrer Biografien. Der Sache nach waren diese Überprüfungsverfahren Beur­teilungen individualbiografischer Vergan­genheit mit dem Ziel, eine Sozialprognose über die Eignung (bzw. Nichteignung) für den Öffentlichen Dienst der Bundesrepu­blik Deutschland zu gewinnen. Das wurde völlig gegensätzlich bewertet. Die einen vertraten die Ansicht, dies stehe im vollen Einklang mit demokratischen Erfordernis­sen. Andere sahen Defizite, die sich etwa aus zu großer Eile ergaben. Wieder andere sahen solche Defizite auch, meinten aber, es sei der Übergangszeit geschuldet, was es hinnehmbar mache.

In einer nächsten Stufe wurden in den meisten ostdeutschen Ländern alle Hoch­schullehrerstellen neu ausgeschrieben. Die bisherigen StelleninhaberInnen konnten sich auch bewerben, doch dies nun in offe­ner Konkurrenz mit westdeutschen Mitbe­werberInnen, die im Blick auf Publikatio­nen, Auslandserfahrungen und Vernetzun­gen bessere Voraussetzungen mitbrachten. Im Ergebnis gab es erhebliche Unterschiede zwischen den Fächern. Die Sozial- und Geis­teswissenschaften wurden sehr viel stärker verwestlicht als die Medizin und als Mathe­ matik, Naturwissenschaft und Technik. Innerhalb der letzteren hatten ostdeutsche Professoren in den Ingenieurwissenschaf­ten die größten Verbleibschancen, wäh­rend die Verhältnisse an den medizini­schen und mathematisch-naturwissen­schaftlichen Fakultäten stärker ost-west-ausgeglichen waren. Bereiche wie die Poli­tikwissenschaft wurden nahezu vollständig westdeutsch besetzt, da es ein Fach dieses Namens in der DDR nicht gab.

Parallel zu den Neubesetzungen der Pro­fessuren setzte an den Hochschulen ein politisch verfügter Personalstellenabbau ein, der vor allem (Ost-)Berlin und Sachsen betraf. Dort hatte die DDR fast 50 Prozent ihres gesamten Wissenschaftspersonals konzentriert. An der Universität Leipzig, der TU Dresden und der Humboldt-Univer­sität zu Berlin, um drei Beispiele zu nennen, hatten daraufhin jeweils zwei Drittel des 1990 beschäftigten Personals ihren Arbeits­platz räumen müssen. Dies betraf nun auch die WissenschaftlerInnen unterhalb der Pro­fessuren. Insgesamt verloren bis zum Ende der 1990er Jahre etwa 60 Prozent des wissen­schaftlichen Personals aller ostdeutschen Hochschulen ihren Arbeitsplatz.

Keine Chance für den DDR-Wissenschafts­nachwuchs

Ein besonderes Problem waren die Schwie­rigkeiten, die der Transformationsmodus der jüngeren und mittleren ostdeutschen WissenschaftlerInnengeneration bescherte. Deren Angehörige hatten noch in der DDR ihre ersten Schritte in der Wissenschaft absolviert, dann mit dem Umbruch ihre aka­demischen LehrerInnen und Netzwerke ver­loren, und nun waren sie zudem mit dem Stigma versehen, in der DDR wissenschaft­lich sozialisiert worden zu sein. Aus beiden Generationen gelang es nur wenigen, sich in die neuen Strukturen zu integrieren.

Weitgehend erfolglos blieb das Vorhaben, ForscherInnen aus Akademieinstituten in die Hochschulen zu integrieren. Dem lag eine folgenschwere Fehleinschätzung zugrunde. Ihr zufolge habe es in der DDR eine weitgehende Trennung von Forschung und Lehre entlang einer Linie zwischen Hochschulen und Akademien gegeben. Die DDR-Hochschulen, so die fehlerhafte Annahme, seien weitgehend nur Lehranstal­ten gewesen, während die eigentliche (Grundlagen-)Forschung an den Akademie-Instituten stattgefunden habe. Dies war zwar ein Ziel der SED-Wissenschaftspolitik seit 1968 gewesen. Es wurde aber nicht umgesetzt, da sich die Hochschulen subku­tan dagegen wehrten, zu reinen Lehranstal­ten degradiert zu werden. Nun sollten über ein groß angelegtes Sonderprogramm, das Wissenschaftler-Integrations-Programm (WIP), 1.700 AkademieforscherInnen in die Hochschulen integriert werden. Tatsächlich aber hatten die Hochschulen beträchtliche eigene Forschungspotenziale und mussten im übrigen Personal abbauen. Daher fielen die meisten der vormaligen Akademiefor­scherInnen, die sämtlich positiv evaluiert waren, nach Auslaufen der WIP-Förderung wieder aus den Strukturen heraus.

Der weitgehende Verzicht auf das vor­handene Personal und auf die fast kom­plette ostdeutsche Nachwuchskohorte hatte eine wesentliche Voraussetzung: Die akademische Grundversorgung Ostdeutsch­lands konnte vergleichsweise problemlos aus den vorhandenen personellen Ressour­cen der westdeutschen Wissenschaft erfol­gen. Dies verschaffte auch AnwärterInnen eine Chance, die nach menschlichem Ermessen in der westdeutschen Normalsi­tuation ihre Chancen ausgereizt hatten, ohne auf eine Professur gelangt zu sein.

Kollision der Wissenschaftskulturen

Hinzu traten hierarchische Unterschiede. Die ostdeutschen WissenschaftlerInnen saßen nach dem Umbau an den Hochschu­len typischerweise auf C3- statt C4-Stellen, waren häufiger an Fachhochschulen als an Universitäten anzutreffen, eher Stellvertre­ter denn Chefs. Insgesamt hatte nahezu jede/r Wissenschaftler/in in Ostdeutsch­land seit 1990 eine Veränderung des beruf­lichen Status erfahren: »Beendigung oder Neudefinition der Karrieren nahezu aller DDR-Wissenschaftler«, fasste dies Dieter Simon, seinerzeit Wissenschaftsratsvorsit­zender, zusammen. Für einige in der DDR benachteiligte WissenschaftlerInnen hatte der Vorgang auch zuvor undenkbare Chan­cen geboten. Gleichzeitig wurden aber auch früher benachteiligte Wissenschaftler von der allgemeinen Welle des Stellenabbaus erfasst.

Die deutsch-deutsche Wissenschaftszu­sammenführung war auch eine Kollision zweier extrem fremder Wissenschaftskultu­ren. Gemäß der Einschätzung von Wolfgang Kaschuba, Ethnologe an der Humboldt- Universität zu Berlin, könne die Situation durchaus im Stile eines ethnologischen Feldtagebuchs beschrieben werden: »Fremde rücken in das Gebiet einer indige­nen Stammeskultur vor, sie übernehmen dort die Schlüsselpositionen der Häuptlinge und Medizinmänner, zerstören einheimi­sche Traditionen, verkünden neue Glau­benssätze, begründen neue Riten. Das klas­sische Paradigma also eines interethni­schen Kulturkonflikts, nur dass sein Schau­platz nicht in Papua-Neuguinea liegt, son­dern ganz unexotisch nah, in Berlin, Unter den Linden.« Auswirkungen hatte dies vor allem in Konkurrenzsituationen, in denen Ost- und Westdeutsche aufeinanderstießen. Hier kam es zu einer wechselseitigen Befestigung zweier Tatbestände: Die hierar­chische Untergeordnetheit verursachte eine schwächere Vertretung der Ostdeut­schen in örtlichen wie in überregionalen akademischen und wissenschaftspoliti­schen Gremien. Das behinderte sie darin, ihre unzulängliche Verfügung über symbo­lisches, (wissenschafts-)politisches und ökonomisches Kapital aufzuholen. Infolge­dessen wurde wiederum die Unterreprä­sentanz in Entscheidungsgremien perpe­tuiert.

Das gilt bis heute. Eine aktuelle Studie zur Zusammensetzung der Leitungen deut­scher Universitäten stellte jüngst fest: Aus den ostdeutschen Bundesländern stammt keiner der aktuellen UniversitätsleiterIn­nen. Da es 81 öffentliche Universitäten in Deutschland gibt und heute 20 Prozent der deutschen Bevölkerung in den östlichen Bundesländern inklusive Berlin leben, müsste man statistisch 16 Universitäts rektorinnen oder -präsidenten ostdeut­scher Herkunft erwarten.

Insgesamt wurde in den 1990er Jahren eine Systemintegration der ostdeutschen Hochschulen vollzogen, die jedoch nicht mit einer Sozialintegration einherging. Der ostdeutsche Hochschulumbau hatte sich als ein Anpassungsprozess an das normsetzende und strukturtransferierende westdeutsche Hochschulsystem vollzogen. Dieser Vorgang war gekennzeichnet durch einen (zu) engen Zeitrahmen, Schwächen der Problemdefinition, in ihrem An ­spruchsniveau stark differierende Zielsetzungen, ungleiche Organisiertheit der Interessen und dadurch dominierenden Einfluss von westdeutschen Interessen ­kartellen.

Peer Pasternack war 2002–2003 Staatssekre­tär für Wissenschaft im Senat von Berlin und ist Direktor des Instituts für Hochschulfor­schung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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Die Treuhandanstalt trug maßgeblich dazu bei, dass eine Angleichung der Wirtschafts­produktivität des Ostens an den Westen unterblieb.

VON JÖRG ROESLER

Dieses Wahlergebnis hatte kaum jemand in der DDR erwartet: Am 18. März 1990 holte sich die von Helmut Kohl initiierte »Allianz für Deutschland« 45,2 Prozent der Stimmen (die CDU allein 40,9 Prozent) und ließ die Gegenkandida­ten Oskar Lafontaine (SPD) und Hans Modrow (PDS) weit hinter sich. Eine Mehrheit der WählerInnen wollte offen­sichtlich keine Experimente, wie sie die Modrow-Regierung zu Jahresanfang begonnen hatte, sondern mehr Konsum und so rasch wie möglich die D-Mark. Der Soziologe Rainer Kollmorgen kommen­tierte die Wahlentscheidung bissig: »Viele Ostdeutsche hätten im März 1990 einer Art ›implizitem Gesellschaftsvertrag‹ zugestimmt: Wir lassen uns ganz gern enteignen, wenn wir dafür den Wohlstand des Westens bekommen.«

Damit war der Weg frei für die von Lothar de Maiziere geführte Koalitionsre­gierung der Ost-CDU, die genau das aus­führte, was Kanzler Kohl und was die Kon­zerne der Bundesrepublik wollten. Im Mai akzeptierte die neue DDR-Regierung die »Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion«. Kohl hatte mit seinen Vorstellun­gen von der raschen und radikalen Ein­führung der Marktwirtschaft in der DDR auf der ganzen Linie gesiegt.

Die Treuhand als »Privatisierungsdienststelle«

Dass die Bundesregierung an der Treu­handanstalt (THA) festhielt, kam für man­che BeobachterInnen überraschend. Die Regierung Modrow hatte am 12. März 1990, dem letzten Tag der Amtszeit, eine »Anstalt zur treuhänderischen Verwal­tung des Volkseigentums« gegründet, damit die Anfang März 1990 aus dem Sys­tem staatlicher Kontrolle entlassenen Volkseigenen Betriebe (VEB) weder »her­renlos« noch die bisherigen Leiter zu de facto EigentümerInnen werden würden.

Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) sah in ihr ein brauchbares Instru­ment »bei der Privatisierung des Indus­trie- und Grundvermögens«, wie er ver­lautbarte. Damit waren die Vorstellungen von Eigentumsvielfalt und verschiedenen Formen des Gemeineigentums, die die SchöpferInnen der Treuhand zunächst vertreten hatten, passé.

Die nunmehr als reine »Privatisierungs­dienststelle« konzipierte Treuhandanstalt nahm am 1. Juli 1990 ihre Arbeit auf. Die aus der DDR stammenden Kader, die unmittelbar nach der Gründung der Anstalt ihre Arbeit aufgenommen hatten, wurden einer »Reinigung« unterzogen. MitarbeiterInnen aus dem Westen besetz­ten rasch die oberen Ränge in den Ressorts. Sie prägten entscheidend die Art und Weise, wie – mit welchem Ziel und in welchem Tempo – die Treuhandanstalt die Privatisierung betrieb. Die von Wider­spenstigen gereinigte ostdeutsche Mit ­arbeiterInnenschaft hielt sich an die Weisungen ihrer Westchefs, auch wenn sie diese unter sich hinter vorgehaltener Hand als »Besserwessis« kritisierte.

Der Treuhand unterstanden im Dezem­ber 1990 fast 9.000 ehemalige VEB. Unge­fähr 50 Prozent dieser Betriebe wurden an PrivateigentümerInnen verkauft. Die übrigen befanden sich am Ende der Treu­handtätigkeit »in Liquidation«. Die Masse dieser Betriebe, die keine KäuferInnen gefunden hatten, wurden erst von der »Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sondervorhaben« (BvS), die 1995 Nachfol­gerin der Treuhand wurde, offiziell still ­gelegt. Das Firmensterben dieser ver­schmähten ehemaligen VEB hatte enorme Auswirkungen auf die Beschäftigung in den neuen Bundesländern. Aber auch in den aufgekauften Treuhandbetrieben wurde die Beschäftigtenzahl rücksichtslos reduziert.

Radikale Privatisierung und Deindustrialisierung

»Blühende Landschaften« wie in der Bun­desrepublik hatte Kanzler Kohl den Ost­deutschen versprochen, als er im März 1990 auf Wahlkampftour durch die DDR reiste. Die Bundesregierung versprach Mil­liardenkredite bereitzustellen, um das Auf­holen zu beschleunigen und die Anglei­chung an das westdeutsche Wirtschafts- und Wohlstandsniveau so bald wie möglich zu erreichen. Gegenüber Senatoren des US-amerikanischen Kongresses präzisierte Kohl: »In drei bis vier Jahren werde die DDR ein blühendes Land sein.«

Die tatsächliche Entwicklung verlief anders. Zunächst einmal ging es infolge der überstürzten Einführung der bundes­deutschen Marktwirtschaft und der radi­kalen Privatisierung der Industriebetriebe, bald auch als »Schocktherapie« charakteri­siert, mit der DDR-Wirtschaft abwärts. Als im Juli 1990 die zwischen der Bundesregie­rung und der Regierung de Maiziere ver­einbarten Regeln der »Wirtschafts-, Wäh­rungs- und Sozialunion« in Kraft traten, wurden etwa 5.000 von 8.000 Treuhandbe­trieben zahlungsunfähig, weil sie durch die Umtauschquote von Mark in DM außeror­dentlich benachteiligt wurden. Um weiter produzieren zu können, mussten sie Anträge auf Liquiditätskredite in Höhe von 23 Mrd. DM stellen. Beim Verkauf derjeni­gen Betriebe, für die es im Westen Interes­sentInnen gab, wurden Glieder aus dem arbeitsteiligen System der DDR-Wirtschaft nacheinander herausgebrochen und – in der Regel – als »verlängerte Werkbänke« in das Zuliefersystem der sie aufkaufenden Westunternehmen eingeordnet. Die ost­deutsche Wirtschaft verlor so ihren inne­ren Zusammenhalt, der sich in 40 Jahren DDR herausgebildet hatte. Ebenso wurden ihre nach 1945 aufgebauten günstigen Export- und Importverbindungen nach Osteuropa gekappt.

Die Zerstörung der arbeitsteiligen Strukturen blieb nicht ohne Auswirkun­gen auf den Abstand im Wirtschaftsniveau zwischen Ost- und Westdeutschland. Bis 1991 nahm der Rückstand in der Leis­tungskraft der ostdeutschen Wirtschaft – ganz anders als es die bundesdeutschen wirtschaftswissenschaftlichen For­schungsinstitute, auf deren Aussagen sich Kohl und Waigel stützten, verkündet hat­ten – nicht ab, sondern drastisch zu. Basierend auf den Angaben von zwei maßgeblichen bundesdeutschen For­schungsinstituten erreichte die DDR-Wirt­schaft 1989, gemessen am Niveau der Bundesrepublik (dieses = 100 gesetzt) in puncto Arbeitsproduktivität einen Wert von 56 Prozent. Ihre Wirtschaftskraft war also nicht viel mehr als halb so stark wie die der BRD, die allerdings wirtschaftlich an der Spitze aller westeuropäischen Staaten stand. Nach der gleichen Berech­nungsmethode erreichte die Wirtschafts­kraft der DDR 1991 nur noch einen Wert von 33 Prozent. Dieser steile Produktivi­tätsabfall widerspiegelt vor allem die ein­getretene Deindustrialisierung.

Massenarbeitslosigkeit und »Abwärtsmobilität«

Die Deindustrialisierung hatte nicht nur ihre ökonomische Seite, sondern auch eine soziale und eine kulturelle. Es trat eine Massenarbeitslosigkeit ein, wie sie der Osten Deutschlands seit der Weltwirt­schaftskrise Anfang der 1930er Jahre nicht mehr gekannt hatte. Hatte in Ost­deutschland die Zahl der KurzarbeiterIn­nen im zweiten Halbjahr 1990 schon eine dreiviertel Million und die der Arbeitslo­sen eine Viertelmillion betragen, so arbei­teten ein Jahr später bereits anderthalb Millionen kurz und fast eine Million Ost­deutsche waren arbeitslos. Für 1993 waren von den neuen BundesbürgerInnen »77 Prozent einer Abwärtsmobilität aus­gesetzt«, wie der Soziologieprofessor Michael Hofmann von der Universität Dresden einschätzt. Viele Ostdeutsche sahen ihr Lebenswerk zerstört, unter ihnen verbreiteten sich Enttäuschung, Verbitterung und Wut. Birgit Breuel, von 1992 bis 1994 Treuhandpräsidentin, gab 1992 in einem Artikel in der »Zeit« zu: »Die Menschen in Ostdeutschland sind einem Veränderungsprozess ausgesetzt, der schier unglaublich ist.«

Nachdem der erste Schock überwunden war, bewegte sich die ostdeutsche Wirt­schaft, die in ihrer Funktionsweise und mehr noch in ihrer Eigentumsstruktur der westdeutschen angeglichen wurde, wieder voran. 1995, als die Treuhand den Privatisierungsprozess in den neuen Bun­desländern weitgehend abgeschlossen hatte und die BvS die Verwaltung des Res­tes des früheren Volkseigentums über­nahm, hatte die Wirtschaft der neuen Bundesländer den Abstand zum »Westniveau« deutlich verringert. Statt 33 wur­den 59 Prozent der Wirtschaftskraft der alten Bundesländer erreicht. Der Anglei­chungsprozess vollzog sich in den folgen­den Jahren allerdings nur langsam. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, als die Wirtschaftskraft der neuen Bundesländer auf nur 60 Prozent im Jahre 2000 stieg, war er kaum spürbar. Bis 2005 wurden 66 Prozent des Niveaus der alten Länder erreicht.

Damit trug die Treuhandanstalt ent­scheidend dazu bei, dass die Vereinigung beider deutscher Staaten in Bezug auf Wirtschaftsproduktivität und Wohl­standsniveau nicht zur Angleichung des Ostens an den Westen führte, wie von der Regierung in Bonn versprochen und von einer Mehrheit der DDR-Bürger 1990 mit ihrer Stimme für die Einheit Deutschlands bezweckt wurde. Neben der wirtschaft­lichen Deindustrialisierung führte dies in den neuen Bundesländern zu negativen Folgen im sozialen Bereich, etwa zu Mas­senarbeitslosigkeit und – infolge des weitgehenden Elitenausaustauschs – zur Unterrepräsentanz bzw. Unterord­nung der Ostdeutschen in der vergrößer­ten Bundesrepublik. Ihr Erleben, dass die »Besserwessis« im Umgang mit den »anderen Deutschen« in der Regel nur ihre erspähbaren eigenen unmittelbaren Vorteile vor Augen haben, trug entscheidend dazu bei, dass der Unmut der Ostdeutschen bis heute geblieben ist.

Jörg Roesler war Pro­fessor für Wirtschafts­geschichte an der Aka­demie der Wissenschaf­ten der DDR. Danach lehrte er als Gastpro­fessor in Kanada und den USA.

Literaturtipp: Jörg Roesler: Geschichte der DDR. Köln: PapyRossa 2018, 130 Seiten, 9,90 Euro

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Gregor Gysi war von 1989 bis 1993 erster Vorsitzender der SED-Nach­folgepartei PDS. Bis 2015 wirkte er als Fraktionsvorsitzender der Frak­tion DIE LINKE im Deutschen Bun­destag, 2016 wurde er zum Präsi­denten der Europäischen Linken gewählt. MANFRED MUGRAUER sprach mit Gysi über den Umgang der LINKEN mit der DDR-Vergan­genheit und über die Frage, inwie­weit diese eine Hypothek für ihre heutige Politik darstellt.

Wo lebt es sich besser? Damals in der DDR oder heute im verein­ten Deutschland?

GREGOR GYSI: In vielen Bereichen heute, in einigen damals. Ohne Zweifel hat die Einheit die von den Demonstrierenden errungene Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie ein deutlich bes­seres Waren- und Dienstleistungsangebot für die Ostdeutschen gesichert. Man darf auch die folgenden Instandsetzungen von Stadtzentren, der Infrastruktur und von Wohnungen nicht vergessen. Andererseits gab es in der DDR in sozialer, leider nicht in politischer Hinsicht mehr Chancengleich­heit beim Zugang zu Bildung, Kunst und Kultur. Bei Lebensmitteln und Mieten gab es keine Preissteigerungen. Kündigungen von Arbeitsverhältnissen und Wohnungen oder gar Zwangsräumungen waren eine Rarität. Das sind Dinge, die zum Kapitalis­mus nicht passen.

Der LINKEN wird auch 30 Jahre nach dem Mauerfall beharrlich die DDR-Ver­gangenheit vorgeworfen. Die einfache Formel der anderen Parteien lautet: LINKE = SED. Wie kann man einer Delegi­timierung der DDR gegensteuern, ohne ihre negativen Seiten zu beschönigen?

GREGOR GYSI: Von den meisten Menschen in Deutschland wird DIE LINKE nicht mehr mit der SED gleichgesetzt. Aber es gibt auch heute immer wieder Versuche, DIE LINKE auf diese Weise zu diskreditieren. Aber der Blick auf die DDR wird – zumindest im Osten – immer differenzierter. Natürlich wissen die Menschen, dass sie inzwischen deutlich an Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit gewonnen haben. Sie wissen aber auch, dass sie die soziale Sicherheit, die es in der DDR gab, im vereinigten Deutschland nie errei­chen werden. Leider gab es in der DDR politi­sche Ausgrenzung, aber nie soziale. Heute gibt es kaum politische, dafür aber massen­haft soziale Ausgrenzung. Auch das stört viele Menschen im Osten. Im Westen ist es etwas schwieriger, weil die Menschen dort die DDR nicht kennengelernt haben.

Auch in der LINKEN gibt es unterschiedli­che Auffassungen über die DDR-Vergan­genheit. Das Spektrum reicht in etwa von der »größten Errungenschaft auf deut­schem Boden« bis hin zum »Unrechts­staat«. Welche Relevanz hat diese geschichtspolitische Debatte für die Zukunft?

GREGOR GYSI: Ich glaube, sie wird wenig Relevanz haben. Ich kenne niemanden mehr, der die DDR als größte Errungenschaft auf deutschen Boden bezeichnet. Ich kenne auch niemanden in der LINKEN, der die DDR pau­schal zum »Unrechtsstaat« erklärt. Aller­dings musste sich meine Partei bei der Koali­tionsbildung in Thüringen auf diese Formu­lierung einlassen, aber nicht, weil sie diese wollte. Zweifelsohne gab es Unrecht in der DDR. Aber sie war kein Unrechtsstaat, weil dies bedeuten würde, sie vollständig zu dele­gitimieren. Die DDR war grundlegend antifa­schistisch, antirassistisch, nicht nationalis­tisch und trat für soziale Gerechtigkeit ein. Dass sie ihre Macht mit fast allen Mitteln – auch mit unzulässigen – absicherte, war die andere Seite. Um heute eine gesellschaftliche Vision jenseits des Kapitalismus entwickeln zu können, müssen wir die Fehler beim ers­ten Versuch aufarbeiten.

Keine andere deutsche Partei befindet sich in einem ähnlichen geschichtspoliti­schen Minenfeld wie die LINKE. Geht es bei den Distanzierungserklärungen, die der LINKEN beinahe täglich von politi­schen GegnerInnen abverlangt werden, nicht vor allem darum, die Partei immer neuen Zerreißproben auszusetzen? Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?

GREGOR GYSI: Wir können uns unsere Geschichte nicht aussuchen und müssen zu unserer Verantwortung stehen. Bodo Ramelow, unser Ministerpräsident in Thü­ringen, macht das zum Beispiel hervorra­gend und glaubwürdig. Wir müssen unser Licht in dieser Beziehung auch gar nicht unter den Scheffel stellen, denn keine andere deutsche Partei hat sich so intensiv mit ihrer Vergangenheit auseinanderge­setzt. Deshalb könnten die VertreterInnen der LINKEN auch souveräner auftreten. Man muss sich nicht immer vorführen las­sen. Man muss sich auch nicht Vokabeln aufzwingen lassen, es sei denn, man braucht dringend einen Kompromiss. Ich habe auf jeden Fall gute Erfahrungen damit gemacht, mich immer differenziert und nie einseitig zu äußern. Allerdings kann das Ergebnis dann darin bestehen, dass dich die einen oder die anderen nicht leiden kön­nen. Da muss man halt durch.

Welche Rolle spielen unterschiedliche »generationelle« Prägungen im politischen und intellektuellen Leben der LINKEN?

GREGOR GYSI: Die überwiegende Zahl der Parteimitglieder hat inzwischen keine DDR- bzw. SED-Vergangenheit mehr. Und auch die Mitglieder im Osten, die wie ich in der SED waren, kämpfen auch für unsere Partei im Hier und Heute. Die Jungen wollen natürlich mit der früheren Geschichte der Partei so wenig wie möglich zu tun haben. Andererseits entscheiden sie sich aber sehr bewusst für die Partei und damit letztlich auch für ihre Geschichte. Die Konflikte sind auf jeden Fall andere als bei den Älteren. Diesen geht es auch um die Bewertung des eigenen Lebens. Sie wollen nicht, dass dieses überwiegend negativ gesehen wird.

Die DDR-Vergangenheit ist für die LINKE sicher eine Hypothek, nicht zuletzt ange­sichts einer gewissen Renaissance des Anti­kommunismus. Umgekehrt ist sie gerade in den »neuen« Bundesländern eine »Volks­partei«. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

GREGOR GYSI: Die Geschichte ist für die Lin­ ken insgesamt ein Problem. Für die LINKE in Deutschland kommt hinzu, dass es letztlich keine andere Chance gab. Die SED konnte nicht aufgelöst, sondern sie musste refor­miert werden, wenn man den friedlichen Weg zur Herstellung der deutschen Einheit fortsetzen wollte.

Als viele Menschen im Osten unter die Räder des sehr einseitig verlaufenden Verei­nigungsprozesses kamen, hat sich die PDS um ihre Sorgen und Nöte gekümmert. Wir waren da, wenn es um Rentenfragen, Miet­recht oder auch die Beantragung von Arbeitslosengeld ging. Dieses Kümmern hat unsere Akzeptanz gestärkt und ließ Vorbe­halte wegen der DDR-Vergangenheit in den Hintergrund treten. In den westdeutschen Ländern hingegen wurde die Linke erst dann zu einem Faktor, als Oskar Lafontaine und die WASG den Weg dahin bereiteten. Man darf nicht vergessen, dass es auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik fast 55 Jahre lang keine Partei links von der Sozialdemokratie mit einer nennenswerten Größe und parla­mentarischen Verankerung gab. Die geeinte Linke hat Deutschland in dieser Hinsicht europäisch normalisiert.

Inwieweit steht der Aufstieg der AfD in den »neuen« Bundesländern mit der Ost-West-Spaltung und damit auch mit der DDR-Vergangenheit in Zusammenhang?

GREGOR GYSI: Zunächst ist interessant, dass alle führenden Kader der AfD aus dem Westen und nicht aus dem Osten kommen. Es gibt aber Gründe dafür, dass die AfD im Osten stärker gewählt wird als im Westen. Zunächst fühlen sich Ostdeutsche als Verlie­rer der Geschichte, weil sie die sowjetische Besatzungsmacht und nicht die westlichen Besatzungsmächte hatten. Außerdem war die DDR eine geschlossene Gesellschaft. Du konntest kaum Menschen muslimischen Glaubens kennenlernen, geschweige denn mit ihnen lernen, zusammenzuleben. Es ist ihnen also fremder als den Menschen im Westen. Eine gewisse Ausnahme bildeten Leipzig und Berlin. Deshalb sind dort die Wahlergebnisse der AfD niedriger als in den übrigen ostdeutschen Gebieten.

Hinzu kommt, dass sich die Ostdeutschen bei der Herstellung der Einheit als Deutsche zweiter Klasse und als fremdbestimmt fühl­ten, was natürlich Folgen hat. Letztlich muss man sehen, dass ab 1990 im Osten eine Mas­senarbeitslosigkeit entstand, wie sie der Wes­ten glücklicherweise nie kennenlernen musste. Den Ostdeutschen war sie zuvor völ­lig fremd. Dadurch sind die sozialen Ängste doppelt so groß, was die AfD ausnutzt. Sie erklärt, dass die Einheit den Menschen die Arbeitsplätze genommen habe und dass es nun die Flüchtlinge seien, die die Arbeits­plätze wegnehmen. Diese Aussage ist zwar falsch, aber sie zeigt Wirkung.

Welcher Anteil des DDR-Erbes wird womöglich auch bei künftigen sozialisti­schen Anläufen eine Rolle spielen?

GREGOR GYSI: Auf jeden Fall wissen wir, wie es nicht geht. Das ist nicht zu unterschätzen. Wir müssen immer wieder deutlich machen, dass Sozialismus nur demokratisch geht, man also demokratische Mehrheiten immer wie­der neu erringen muss, und es auch zu akzep­tieren ist, wenn man diese Mehrheit verliert.

Auch wenn das Europäische Parlament gerade einen gegenteiligen Appell beschlos­sen hat, wird man sich daran erinnern müs­sen, dass die KommunistInnen und die Sowjetunion den größten Kampf gegen den deutschen Faschismus leisteten. Das bestrei­tet nicht gewisse Umstände, die man kritisie­ren muss. Bei allem wird aber bleiben, dass es in der DDR mehr Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit gab. Man wird sich auch daran erinnern, dass die Gleichstellung der Geschlechter in der DDR viel weiter entwi­ckelt war als in der Bundesrepublik, dass es Polikliniken, die Berufsausbildung mit Abitur und auch andere Umstände gab, bei denen es sich gelohnt hätte, sie für ganz Deutschland zu übernehmen.

Dass wir überhaupt über eine Alternative zum Kapitalismus reden, dafür hat auch der gescheiterte Versuch des Staatssozialismus gesorgt. Heute sagen mir Gewerkschafter, dass es in den Tarifverhandlungen durchaus spürbar ist, dass der unsichtbare dritte Tarif­partner, die staatssozialistischen Länder, nicht mehr mit am Tisch sitzen und es des­halb keinen Druck mehr gibt, diese auch sozi­alpolitisch zu übertrumpfen. Ich habe Zwei­fel, ob eine solche soziale Entrechtung, wie sie mit der Hartz-Gesetzgebung in Deutsch­land verbunden ist, zu Zeiten des System­wettstreits überhaupt denkbar gewesen wäre.

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Die jeweils aktuelle Ausgabe kann als PDF im Austria-Online-Kiosk für 5 Euro erworben werden: https://www.kiosk.at/volksstimme

Unsere derzeitigen Verkaufsstellen (Stand Oktober 2019):

WIEN
1010 Wien, Fachbuchhandlung des ÖGB-Verlags, Rathausstraße 21
1010 Wien, Buchhandlung ChickLit., Kleeblattgasse 7
1020 Wien, Lhotzkys Literaturbuffet, Taborstraße 28
1020 Wien, Buchhandlung im Stuwerviertel, Stuwerstraße 42
1040 Wien, Sissy Sound Record Store, Margaretenstraße 47 https://www.sissysound.com/
1050 Wien, Trafik Schmiedt Hannes, Margaretenplatz 1
1050 Wien, Rotpunkt, Reinprechtsdorferstraße 6 (bitte Öffnungszeiten beachten) http://rotpunkt.kpoe.at/
1070 Wien, Cafè 7*Stern, Siebensterngasse 31
1090 Wien, Bücherbörse im NIG, Universitätsstraße 7
1090 Wien, Buchhandlung Bernhard Riedl, Alser Straße 39
1150 Wien, Librería Utopía, Preysinggasse 26-28/1
1160 Wien, volx*club ottakring, Familienplatz 6 (bitte Öffnungszeiten beachten) https://volx-club.at/

BRAUNAU am INN
5280 Braunau am Inn, Tabaktrafik Simböck Martin, Linzer Straße 5

KLAGENFURT/CELOVEC
9020 Klagenfurt/Celovec, HA EK – bücher.sprachen.kulturen, Paulitschgasse 5-7
9020 Klagenfurt/CelovecHermagoras-Buchhandlung Mohorjeva knjigarna, Viktringer Ring 26

 

Bestimmt ist es mittlerweile allen Ökonominnen und Ökonomen klar geworden, dass man mit den weitverbreiteten Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften keinen Staat mehr machen kann.

Überraschender Weise gibt es bis heute kaum eine wissenschaftliche Aufarbei­tung und Korrektur dieser unrühmlichen Disziplin, die sich in weltfremde Spekulationen oder in esoterische Spielereien verstrickt hat.

Von PETER FLEISSNER.

Wie schon Marx erkannt hat, ist eine bedeutende Ursache der Probleme mit der Wirklichkeit die ideologische Ver­bundenheit der WissenschaftlerInnen mit dem herrschenden Wirtschaftssystem, dem Kapitalismus. Die wirtschaftspolitischen Konzepte, die sie vertreten, haben gerade in den letzten Jahrzehnten zu immer grö­ßerer sozialer Ungleichheit zulasten der Ärmeren einerseits, andererseits zum Kaputtsparen ganzer Staaten geführt. Den Ländern der Eurozone haben die gängigen ökonomischen Theorien und deren politi­sche Umsetzung ein Jahrzehnt wirtschaftli­cher Stagnation beschert1. Die Arbeitslo­senquoten der Jungen zwischen 15 und 24 Jahren sind in Griechenland, Spanien und Italien unmenschlich hoch. Sie liegen zwi­schen 25 und 40 Prozent2, und die Wirt­schaftsleistung dieser Länder ist immer noch niedriger als vor der Krise von 2008, die überdies von fast niemandem erwartet wurde.3 In Österreich haben immerhin der »paläoliberale« Universitätsprofessor Erich Streissler und der Wirtschaftsforscher Ste­phan Schulmeister die große Krise kommen sehen.

Angesichts des Versagens einer für die Menschen so wichtigen Wissenschaft hat sich der deutsche Ökonom Klaus Müller die Frage gestellt, wie es den Wirtschaftswis­senschaftlerInnen gelingt, so viele Jahre lang falsche Konzepte zu vertreten. In sei­nem neulich erschienenen Buch »Auf Abwegen – Von der Kunst der Ökonomen, sich selbst zu täuschen«4 zeigt er anhand vieler Beispiele auf, wie es zu dieser massi­ven Selbsttäuschung der WissenschaftlerIn­nen kommt. Dabei hat ihm das Studium der Schriften von Marx und Engels die Hand geführt, wobei er einerseits belegt, welche unpassenden Methoden die mainstream-ÖkonomInnen verwenden und welche pro­blematischen Thesen sie vertreten. Ande­rerseits versucht er auch ein Stück weit, eine durch Marx inspirierte Alternative zu formulieren.

Druck auf Abweichler

Ein erster gewichtiger Grund für das Ver­treten falscher Positionen der ÖkonomIn­nen stammt aus dem Umfeld, in dem sie arbeiten. »Heute müssen die Gelehrten, anders als im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, nicht mehr um Leib und Leben fürchten. Aber Ökonomen, die vom Main­stream ihres Faches abweichen, haben mas­sive Probleme zu publizieren, werden igno­riert und sind faktisch ohne Chancen auf eine akademische Karriere« (11).

Es ist auch nicht verwunderlich, dass WirtschaftswissenschaftlerInnen mit einer bestimmten Sichtweise an die Wirtschaft herangehen. In der Vergangenheit gehör­ten sie allein durch die Möglichkeit eines akademischen Studiums den gehobenen Schichten an. Daher blieb ihr Interesse gering, sich in ihrer Wissenschaft auf die Seite der ausgebeuteten Menschen zu stel­len. Wer, wie Marx und Engels, dies den­noch getan hat, wurde mit Verachtung, aber auch Verleumdung und Vertreibung bestraft.

Leider sind überdies Eitelkeit, Selbstbe­stätigung, Standesdünkel, der Wunsch, den eigenen Status aufrechtzuerhalten usw. weit verbreitete Eigenschaften von Wissen­schaftlerInnen, die ihre Sicht auf die öko­nomische Wirklichkeit verstellen oder ver­zerren. Kritik von außen gleitet dann oft an den psychologischen Panzerungen der For­scherInnen ab.

Die Wirtschaft: Ein komplexes dynamisches System

Die Schwierigkeit, Wirtschaft zu verstehen, liegt allerdings nicht nur an der menschli­chen Unvollkommenheit. Auch der Gegen­stand der Wissenschaft, die Ökonomie selbst, hat ihre Tücken. Während in den Naturwissenschaften die Natur als von den ewig gleichen Gesetzen regiert erscheint, ist die Wirtschaft ein höchst komplexer Bereich, der vom Einfluss widersprüchli­cher Interessen geformt wird, von Men­schen, die ihre Praktiken im Lauf der Geschichte verändern, neue Technologien erzeugen und die Arbeitsorganisation umstellen. Unser Wirtschaftssystem lässt sich auch nur schwer neutral betrachten, da es sich dabei um eine Maschinerie han­delt, die ihre TeilnehmerInnen höchst unterschiedlich behandelt, manche bevor­zugt, jedoch andere (die Mehrheit) am Rand des Existenzminimums hält. Und der Einfluss des Wirtschaftens hört nicht bei den Menschen auf, er setzt sich in der Natur fort. Immer mehr hat die menschli­che Wirtschaftstätigkeit Einfluss auf das Klima, die Rohstoffe, das Artensterben, die Umweltverschmutzung in den unterschied­lichsten Formen.

Welche methodischen Fehler machen die mainstream-ÖkonomInnen häufig? Müller zählt eine lange Liste auf, aus der ich nur einige herausgreife:

  • Das Gesamtsystem wird auf (womöglich unrichtige) Teilzusammenhänge redu­ziert. Beispiel: die Politik ist schuld, die Wirtschaft würde ohne staatlichen Ein­griff problemlos funktionieren.
  • Einzelinteressen und Allgemeininteresse werden oft nicht unterschieden: Verrin­gert ein Unternehmen die Löhne seiner Beschäftigten, kann tatsächlich der Gewinn erhöht werden. Machen dies aber alle, wird der Umsatz einbrechen, da die Kaufkraft geringer wird.
  • Die mainstream-Wissenschaftler untersu­chen nur die Oberfläche, die Erscheinung, das Beobachtbare, und vernachlässigen das Wesen. Beispiel: Sie sehen zwar den Preis einer Ware, fragen aber nicht nach den Menschen, die für ihre Herstellung arbeiten müssen. Daher kommen sie auch zum Schluss, dass Geld selbst arbeite. Man brauche es nur anzulegen (wenn man es hat) und es vermehre sich auto­matisch.
  • Die gespenstische Konstruktion des »homo oeconomicus«, der angeblich zur Maximierung seines Vorteils völlig ratio­nal entscheidet, wenden sie nicht nur auf ökonomische Bereiche wie Märkte und Unternehmen an, sondern auch immer mehr auf menschliche Beziehungen wie Heiraten oder Freundschaft.
  • Sie nehmen die Eigentumsverhältnisse als gegeben hin und stellen sie nicht in einen geschichtlichen Zusammenhang. Beispiel: Der Profit ist die Entlohnung für unternehmerische Tätigkeit, der Zins ist
  • der Preis für geliehenes Geld, die Pacht der Preis für Grund und Boden, die Miete ist das Entgelt für die Nutzung einer Wohnung. Vernachlässigt wird, zu fra­gen, wie jemand überhaupt in die Lage versetzt wird, ein Unternehmen, Geld, eine Wohnung oder ein Grundstück in seinem Besitz zu haben, um es anderen zur Verfügung stellen zu können.
  • Sie nehmen es mit der Begriffsbildung nicht genau, etwa beim Kapitalbegriff: bei mainstream-ÖkonomInnen (wie auch bei Piketty) gilt das Vermögen einer Person oder einer Institution in stofflicher oder finanzieller Form als Kapital, während bei Marx Geld, Grund und Boden, Produk­tionsmittel, Vorleistungen oder Arbeits­kräfte nur dann zu Kapital werden, wenn letztlich damit Profit gemacht wird.
  • Besonders der Begriff der Ware wird oberflächlich definiert. Während sich die zeitgenössischen Wirtschaftswissen­schaftlerInnen mit den Begriffen Güter und Dienstleistungen begnügen, denen am Markt durch Angebot und Nachfrage ein Preis zugeteilt wird, geht die Analyse von Marx wesentlich tiefer. Er nützt Ein­sichten aus der Antike (Aristoteles) und der klassischen Ökonomie (Adam Smith), um den Doppelcharakter der Ware als Gebrauchs- und Tauschwert herauszuar­beiten, dem zwei Aspekte der menschli­chen Arbeit entsprechen, konkrete und abstrakte Arbeit. Die (konkrete) Arbeit eines Schusters erzeugt Schuhe, bei der abstrakten Arbeit wird von allen spezifi­schen Eigenschaften abgesehen außer von der geleisteten Arbeitszeit. Geld kann gegen alle Waren getauscht werden und wird dabei zum Ausdruck des Tausch­werts schlechthin.
  • Die mainstream-Ökonomie leitet die Preise nicht aus der Arbeit ab, sondern aus der persönlichen Nützlichkeit, die ein Ding für seine Konsumentin/seinen Nut­zer besitzt. Dadurch handelt sie sich aber große Schwierigkeiten bei der Messbar­keit des Nutzens ein, denn mit welcher Maßeinheit soll die Nützlichkeit von bei­spielsweise Computern und Äpfeln mitei­nander verglichen werden?

Mathematik – ja oder nein?

In Müllers Buch finden sich viele weitere Beispiele, die aufzeigen, dass die derzeitige mainstream-Ökonomie voll von unsinni­gen Behauptungen, Widersprüchen und falschen Vorhersagen ist. Als Sozialkyber­netiker teile ich allerdings seine Kritik an der Verwendung von mathematischen Modellen in der Ökonomie nicht. Ich stimme ihm zwar zu, dass die Kunst der Modellbildung darin besteht, »die wesent­lichen Beziehungen zu erfassen und sie zu analysieren, (aber) abzusehen von zufälli­gen und unwesentlichen Zusammenhän­gen« (311). Aber welche Beziehungen sind denn wesentlich? Die Antwort darauf setzt langwierige wissenschaftliche Forschung voraus. Müller meint, es wäre ein Irrweg, eine komplexere Welt mit stets komplexe­ren Modellen erfassen zu wollen. Aber wäre es erfolgreicher, eine immer komple­xere Wirtschaft in simplen mathemati­schen Gleichungen abzubilden zu wollen? Irgendwann muss sich eine Wissenschaft, die sich zu Recht so nennen darf, einen Test an der ökonomischen Wirklichkeit gefallen lassen. Das gilt natürlich auch für marxistische Theorien. In den »Erinnerun­gen« von Paul Lafargue, Marx‘ Schwieger­sohn, liest man die Zeilen: »In der höheren Mathematik fand er (Marx) die dialekti­sche Bewegung in ihrer logischsten und zugleich einfachsten Form, wieder; seiner Meinung nach war auch eine Wissenschaft erst dann wirklich entwickelt, wenn sie dahin gelangt war, sich der Mathematik bedienen zu können.«5 Es wird noch viel Arbeit kosten, bis eine heterodoxe und an Marx orientierte Wirt­schaftswissenschaft so weit ist.

1 https://leedsbeckett.ac.uk/blogs/leeds-business-school/2018/04/secular-stagnation-and-imbalances-in-the-eurozone/

2 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/74795/umfrage/jugendarbeitslosigkeit-in-europa/

3 Dies ist allerdings keine große Neuigkeit. Ich habe im Jahr 1980 eine Untersuchung über die Qualität der Wirtschafts­prognosen in Österreich veröffentlicht, die zeigte, dass in den 1970er Jahren die Prognosen der beiden Forschungsinstitute WIFO und IHS genauso gut waren wie wenn man die Ergeb­nisse erwürfelt hätte. Wie durch ein Wunder war die Überein­stimmung zwischen den Prognosen der beiden »unabhängi­gen« Institute sehr hoch (siehe Fleissner, P., Wirtschaftsprog­nosen zwischen Orakel, Politik und Wissenschaft. In: Wirt­schaftspolitische Blätter, September/Oktober 1980, S. 37–49.).

4 Papyrossa Verlag, Köln 2019

5 https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lafargue/1890/09/marx.htm

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Erwin Riess’ jüngster Roman erzählt davon, dass Drangsalierte ihre Opferrollen ablegen und zu politischen Subjekten werden.

VON FRANZ FEND.

» Lasst, die ihr hier eintretet, alle Hoff­nung fahren!«, dieser Spruch Dantes über dem Eingang in dessen Inferno könnte gut auch über den Eingängen von Einrichtungen und Heimen stehen, in wel­chen behinderte Menschen in ganz Europa untergebracht sind. Sie sind es, denen am übelsten mitgespielt wurde beim neolibe­ral-autoritären Umbau Europas. Die Taktik der Herrschenden ist seit langem bekannt, wurde immer wieder praktiziert und zeigt eine stupende Wirkung: Zuerst werden die Allerschwächsten einer Gesellschaft nie­dergemacht, jene, die nicht den Verwer­tungserfordernissen des realen Kapitalis­mus entsprechen, Geflüchtete oder Behin­derte zumeist. Dann kommt die nächste Gruppe dran, die Alten oder die Arbeitslo­sen. Gesellschaftliche Errungenschaften, die den ärmeren Bevölkerungsgruppen ein halbwegs erträgliches Auskommen ermöglichten, werden sukzessive abge­schafft, meist unter dem Jubel jener, die noch nicht davon betroffen sind. Die Sozi­alpolitik wird ersetzt durch ein stände­staatliches Armen- und Fürsorgewesen, das statt gesetzlich garantierten Leistun­gen Schikanen, Drohungen und Demüti­gungen bereithält. Die Staaten Europa sind unterschiedlich weit auf dem Weg der Umwandlung der bürgerlichen Demokra­tien in autoritäre Systeme mit christlicher Prägung und antisozialer, rassistischer und nationalistischer Grundierung. Der Ort, der für die unteren Klassen – so sie sich nicht unterwerfen – vorgesehen ist, ist das Gefängnis. Der Prozess des Aussor­tierens, der Selektion ist voll im Gange. Das Gefängnis, die Herrschenden scheuen sich nicht, es zu betonen, ist erst der Anfang.

Randständige werden zu Aufständigen

Vor diesem politischen und gesellschaftli­chen Hintergrund handelt Erwin Riess’ neuer Roman »Herr Groll und die Donau­piraten«. Groll, der Protagonist und Ich-Erzähler, wartet, wie wir es kennen, mit einer trefflichen Analyse der Lage auf. Diese fällt, im Unterschied zu früheren Romanen, keineswegs sarkastisch oder gar ironisch aus. Zu sehr hat sich die Lage in Europa gewandelt. »Der große europäi­sche Umbau kennt zwei Sieger: die Groß- und Finanzindustrie sowie ein weit rechts stehendes Parteienbiotop, das große Gruppen der subalternen Klassen und kleinbürgerliche Schichten aufsaugt und radikalisiert. Die einen scheffeln Rekord­gewinne, die anderen schwindelerregende Zuwächse bei den Wahlen.« Es regieren »zwielichtige Figuren, alerte Blender, rachsüchtige Studienabbrecher, ausge­buffte Halunken und Schlägertypen«, wel­che mittels Hetze gegen Minderheiten, Hass auf Andersartige, bis zur Hysterie geschürte Ängste sämtliche zivilisatori­schen Standards und soziale Sicherheiten niederreißen. Vor allem behinderte Men­schen, Geflüchtete und Armutsreisenden sind der Gewalt der neuen Herren ausge­setzt.

Groll sucht im Auftrag seines New Yor­ker Freundes Mister Giordano nach einer Gruppe von Jugendlichen, die getarnt als Zirkustruppe aus Europa zu flüchten gezwungen sind. Es habe sich, so Gior­dano, im östlichen Donauraum eine soziale Revolte entwickelt, Randständige aller Art, zumeist Jugendliche, würden plündernd und brandschatzend durch die Lande ziehen, um herrschaftliche Einrich­tungen wie Gerichte, Gefängnisse, Polizei­stationen, aber auch Behindertenheime anzugreifen. Es kam vor, dass ungarische Jobbik-Bürgermeister vor den Augen der Verwandtschaft in ihrem Auto abgefa­ckelt wurden. Unter den Aufständischen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass ducken und stillhalten keine Option mehr sei. Dass es an der Zeit sei, die Opfer-Rolle abzulegen und zum Handeln überzuge­hen. Diese Einsicht setzte voraus, dass in Zeiten des aufstrebenden Faschismus, in Zeiten des eliminatorischen Krieges der Herrschenden gegen die unteren Klassen und gegen alles »Volksfremde« ein Hoffen auf Besserung aussichtslos ist, im Gegen­teil, der Faschismus vor allem durch Still­halten seiner GegnerInnen nur an Stärke gewinnt. Es setzte ein kategorisches und praktisches Nein zu den herrschenden Verhältnissen voraus. Wenn man so will, ist das vielleicht das Thema des Romans, die grundsätzliche Weigerung, sich auch nur in der geringsten Weise mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu arrangieren.

Gehetzt vom heimattümelnden Mob

Groll, der eine der widerständigen Grup­pen bald gefunden hat und sich ihr anschließt, wird dadurch selber zum Gejagten. Die Zirkustruppe beabsichtigt, sich donauaufwärts nach Österreich und später über einen Adriahafen nach Nord­afrika durchzuschlagen. Vom Medien-Mob zu Verbrechern gestempelt, werden sie von Polizei, Militär, ungarischen Faschisten, österreichischen Heimwehr­lern verfolgt. Unterstützung erhalten die Flüchtigen, das ist ebenfalls ein bemer­kenswerter Aspekt des Romans, von Ver­treterInnen des Kulturlebens. In Ungarn ist es ein ehemaliger Schauspieler und Fernseh-Publikumsliebling aus der Zeit, als das Land noch Volksrepublik Ungarn hieß, und in Österreich sind es Mitarbei­terInnen des Stieglerhauses in der Süd­weststeiermark. Dort kommt es schließ­lich zur finalen Schlacht zwischen der dortigen völkischen Heimwehr und den Flüchtigen. Das Stieglerhaus wird verwüs­tet, der Angriff jedoch zurückgeschlagen. Hilfe, die Flucht fortsetzen zu können, kommt von unerwarteter Seite.

Der komplex gebaute Roman bezieht seine Spannung von einer vielschichtigen Erzählstruktur, die da besteht aus dem Logbuch des Cornel Vanators, des Anfüh­rers der aufständigen Zirkustruppe, dem Bericht von Groll und der E-Mail-Korres­pondenz von Giordano und Grolls Freund, dem Dozenten. Riess besticht auch in diesem Roman durch eine unglaubliche Fülle von historischen, wirtschaftlichen, politischen und kultu­rellen Fakten, die gekonnt in die Roman­handlung eingeflochten werden. Der neue Riess ist der Roman zu den politi­schen Verwerfungen, welche Europa gegenwärtig erschüttern. Er ist auch ein Roman, der zeigt, dass diese Episode nicht mit Ducken und Durchtauchen zu bewältigen ist. Denn die Kräfte, die nun das Sagen haben, sind von einem missio­narischen Eifer und einem terminatori­schen Furor getrieben.

Erwin Riess: Herr Groll und die Donaupiraten. Roman, Salzburg: Otto Müller Verlag 2019, 302 Seiten, 23 Euro.

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