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Der Neurologe Oliver Sacks wurde eines Tages zu einem Patienten gerufen, der auf der Station aus dem Bett gefallen war und sich weigerte, sich wieder hinzulegen. Als Dr. Sacks ins Zimmer kam, sah er den Patienten am Boden hocken und mit einem wütenden und verwirrten Gesichtsausdruck seine Beine anstarren. Er verweigerte weiter­hin, sich wieder ins Bett zu legen, und so hockte sich Dr. Sacks zu ihm. Der Patient erzählte, dass er nach einem kurzen Schlaf erwacht sei und links neben sich im Bett ein abgetrenntes menschliches Bein gefunden hatte. Es habe ihn unge­heuerlich geekelt, dennoch habe er begonnen, das Bein zu betasten, es schien vollkommen geformt zu sein, habe sich aber kalt angefühlt. Dann plötzlich sei ihm die Idee gekommen, dass es sich um einen Silvesterscherz der Schwestern und Ärzte der Station handeln könnte. Diese Erklärung erleichterte ihn ein wenig, wenn er den Scherz auch als makaber und unange­bracht verurteilte und deshalb das tote Bein aus dem Bett warf. Der Patient wurde aschfahl, als er das berichtete und begann zu zittern, er sei, als er das Bein rausgeworfen hatte, irgendwie hin­terher gefallen, und nun sei das falsche Bein links an ihm festgewachsen! Er war entsetzt und begann auf das Bein einzu­schlagen. »Haben Sie jemals schon so etwas Widerwärtigeres gesehen?«, fragte er den Arzt. Dr. Sacks versuchte den Patienten zu beruhigen. Der Patient konnte sein eigenes linkes Bein nicht als solches wahrnehmen und beschrieb es als fremd, nicht richtig und nicht wirk­lich. Dr. Sacks fragte, wem denn dieses linke Bein dann gehören könnte, wenn es nicht seines war, worauf der Patient wieder blass wurde und beteuerte, dass er es nicht wisse, »es ist verschwunden, es hat sich in Luft aufgelöst und ich kann es nirgends finden«.

Der französische Arzt Patrick Versti­chel betreute einen Patienten, Nicolas, der mehrfach davon überzeugt war, ein Fremder liege links neben ihm in seinem Bett. Nach einem Schlaganfall war seine rechte Gehirnhälfte stark geschädigt. Nicolas berichtete, er sei einmal aus dem Bett gefallen, als er versuchte, diese fremde Person, die sich neben ihn in sein Bett geschlichen hatte, hinauszu­werfen, auch er war hinterhergefallen. Bei der Demonstration für die Ärzte, die wissen wollten, wie er das gemacht hatte, schleuderte er den rechten Arm über die Körpermitte, packe den gelähmten linken Arm und zog so kräf­tig, dass er erneut fast aus dem Bett fiel. »Da, schauen Sie!« rief er, »die Person, die sich ständig an meine linke Seite legt, ist schon wieder da, das gibt’s doch nicht!« Nicolas konnte seinen linken Arm nur manchmal als zugehörig erken­nen, wenn er am Finger den Ehering wiedererkannte.

Die Leugnung einer offenbaren Beein­trächtigung nennt man Anosognosie.

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Die Erwartung, dass linke Zeitgenoss*innen anders, sprich solidarischer und menschen­freundlicher miteinander sprechen, agieren oder sich gegenseitig unterstützen, ist mehr als berechtigt – und illusorisch zugleich.

VON BÄRBEL DANNEBERG

Linke sind die »besseren Menschen«? Der Anspruch ist edel und gut, kollidiert aber mit der Wirklichkeit. Moral und Vor­satz schlagen sich mit Irrtümern und Fehl­einschätzungen herum. Umso heftiger fal­len Enttäuschungen und unerfüllte Erwar­tungen aus. Wenn ich zurückblicke auf die unterschiedlichsten linken Kollektive mei­nes 77-jährigen Lebens, dann komme ich zum Schluss, dass meine eigenen Erwartun­gen oft größer waren als die Augen real erblicken konnten.

Schule der Menschenkenntnis

Ende der 1960er, Anfang der -70er Jahre war es modern, sich in linken Kollektiven zu organisieren. Als ich meine gutgehende In-Kneipe in Westberlin, in welcher sich etliche K-Gruppen zu Demobesprechungen trafen, wegen sorglos wirtschaftlicher Nachlässigkeit verkauft hatte, investierte ich das Geld in ein Projekt für haftentlas­sene Jugendliche in einer aufgelassenen Fabrik unter den Bülowbögen, Handdrug ­store genannt. Wir waren jung, unbedarft und voll unschuldigem Idealismus, die Welt zu verbessern. Von Sozialarbeit hatten wir keine Ahnung, wirtschaftliche oder politi­sche Einsichten waren uns fremd. Nach der ersten Messerstecherei und als meine links­radikaldemokratischen Genossen, männ­lich, von denen ich oft nur den Vornamen wusste, mit der Kasse durchgebrannt waren und mein Auto zu Schrott gefahren hatten, wurde ich realistischer.

Ich ließ die idealistischen Flausen mit finanziellem Verlust, aber um menschliche Erfahrungen reicher, hinter mir. Ich wid­mete mich der politischen Arbeit und Schu­lung in der SEW (Sozialistische Einheitspar­tei Westberlins, welche die marxistische Abendschule MASCH organisierte). Marxis­tische Philosophie, Dialektik und der Anspruch, einem kommunistischen Men­schenbild zu entsprechen, waren für mich eine Schule kollektiven Miteinanders. Das hatte ich allerdings schon zuvor in der Evangelischen Jugendbewegung kennenge­lernt, deren hehre Ziele und Moralvorstel­lungen sich eigenartiger Weise in vielem mit denen der kommunistischen Ideale deckten, nur eben mit anderen Göttern.

Der Neue Mensch

In der MASCH lernten wir neben den öko­nomischen Grundlagen einiges über das Menschenbild bei Karl Marx und Theoreti­sches über Lenins Staatstheorie. Dreh- und Angelpunkt war für Marx die Entfremdung, die sich in drei Bereichen des menschlichen Lebens abspielt: Ökonomie und Wirtschaft, Politik und Staatswesen und Ideologie und Religion. Nur indem der »wirkliche Mensch« durch zwischenmenschliche Beziehungen seine Entfremdung überwin­det, kann er zum »wahren Menschen« wer­den. Im wirtschaftlichen Sektor findet die Entfremdung hauptsächlich durch den Besitz an Produktionsmitteln statt, der meist wenigen Firmenbesitzer*innen obliegt und eng verbunden ist mit der daraus folgenden Arbeitsteilung.

Das marxistisch-theoretische Menschen­bild-Konzept, das durch Literatur, Spiel- oder Dokumentarfilme aus den 1920er Jah­ren nach der Revolution und vor dem Stali­nismus idealisiert wurde, zeichnete das (Wunsch-)Bild des jungen Sowjetstaats: lebensfrohe, gesunde und arbeitsfähige Mitglieder der Gesellschaft werden als Typus des Neuen Menschen propagiert. Das Alte und Bourgeoise – ob Alkoholiker*innen, Bürokrat*innen oder Obdachlose – soll verschwinden. Ein neues Frauen- und Familienbild, zentrale Themen des Sowjet­staats wie Industrialisierung und kollektive Landwirtschaft, Alphabetisierung, Kampf gegen den Alkoholismus usw. spiegelten sich in diesen Alltags-Melodramen und -Komödien wider.

»Revolutionäre Maßnahmen können für die von ihnen Betroffenen hart sein, die Jakobiner waren nicht zimperlich, die Bol­schewiki auch nicht. Wir hätten ja gar nicht bestritten, dass wir in einer Diktatur leb­ten, der Diktatur des Proletariats. Eine Übergangszeit, eine Inkubationszeit für den neuen Menschen, versteht ihr?« Ein harter Satz, den die Heldin in Christa Wolfs Roman »Stadt der Engel« spricht. Die Leitidee vom sozialistischen »Neuen Menschen« hat das Erziehungswesen der DDR – und auch die junge Christa Wolf – geprägt. Von heute aus rückblickend verbirgt die Autorin in ihrer autobiografischen Reflexion keineswegs die Herkunft: Der »Neue Mensch« war Heilsziel vor allem der Revolution von 1917 und der frühen Sowjetunion; es wurde mit pseudo­religiösen Hoffnungen verknüpft, die die Leiden und Schrecknisse einer Diktatur als zeitbedingt und begrenzt erträglich zu machen schienen. Ein Erlösungsschema. »Und wenn eine Revolution ihr Ziel ver­fehlt hat und am Ende ist, sagte ich, stellen diejenigen, die sie beerben, als erstes die alten Besitzverhältnisse wieder her.«

Lust und Last auf linken Schultern

Wir »68er« hatten andere Moral- und Frei­heitsvorstellungen. Zwar galt es, Ver­trauen, Solidarität, Weltoffenheit und ideo­logische Standhaftigkeit »für die Sache« zu zeigen und Egoismen wie Eigennutz und persönliche Vorteilssuche hintanzustellen. Die Verbrechen linker Menschheitsge­schichte wie der Stalinismus, die der Klas­sengegner uns immer wieder an den linken Kopf warf, ließen uns ideologisch kleinlaut werden. Doch das Parieren mit dem men­schenfeindlichsten kapitalistischen Gegen­bild, dem Faschismus, oder religiösen Geschichts- und Gegenwartsbildern war lediglich ein Schlagabtausch, ohne sich mit dem »Eigenen« zu beschäftigen. Für mich hieß das, sich auch mit den Dunkelkam­mern sozialistischer Menschenbilder aus­einanderzusetzen. Die Erzählungen von Hass und Ausgrenzung quer durch KPÖ-Familien, die 1968ff wegen unterschiedli­cher politischer Einschätzung des »Prager Frühlings« zur Parteispaltung führten, blie­ben mir immer unverständlich. Wie auch jene späteren (bis heute anhaltenden) Trennungskonflikte hierzulande nach dem Ende der Sowjetunion, in die ich selbst involviert war, und welchen die KPÖ, geschwächt nach der Enteignung durch die westdeutsche Kapitalmacht ›Treuhand‹, mit zumindest ernsthaft bemühter Erneue­rung der Partei begegnete.

Vor allem die Frauenbewegung, ausge­hend vom Hinterfragen des sog. Haupt- und Nebenwiderspruchs, schuf durch neuere soziologische und psychologische Fragen ein anderes, ein feministisches Solidaritäts­verständnis. Texte von Rosa Luxemburg oder Alexandra Kollontai lasen sich neu für mich zu den marxistischen Klassikern und später zu denen der Frankfurter Schule und der Neuen Frauenbewegung. In diese Zeit fallen meine kollektiven Erfahrungen im »Arbeitskreis schreibende Frauen« im Wie­ner WUK, in welchem ich die Bereicherung linken Tuns und Gestaltens erlebte. Ebenso im Bund Demokratischer Frauen und in der Redaktion »stimme der frau«, deren Lei­tung ich lange Jahre ausübte. Fragen wie politischer Zusammenhalt, Solidarität, Umgang mit Andersdenkenden und vor allem: »Freund, wie gehst du um mit deiner Freundin?«, wie es meine Namensschwes­ter Erika Danneberg in ihrem Gedicht »Fehlfronten« (siehe Seite 23) formulierte, bewegten uns.

Der Zusammenbruch der real-sozialisti­schen Welt Ende der 1980er Jahre war eine Zäsur. Die Reibung an einem Gegenentwurf fiel weg, die neoliberale Wirtschaftsord­nung kam unverhüllt zu sich selbst und schuf neue Moral- und Menschenbilder in einer »Ich-Welt«, die uns bis heute zurück­wirft auf den harten Boden entsolidarisier­ter kapitalistischer Ausbeutung. Der Mensch wird nach Marx auf ein Rädchen im Getriebe herabgestuft und von seinem eige­nen Wesen entfremdet. Das »Endprodukt«, ebenso seine Mitmenschen, bleiben ihm fremd. Haben wir Linken den philosophi­schen – nicht moralischen! – Unterschied von idealistischem und materialistischem Zugang zur Welt nicht begriffen? Für mich hat die Besetzung der KPÖ-Wieland­schule, heute Ernst Kirchweger Haus (EKH), immer wieder die Frage aufgewor­fen, weshalb Linke sich aggressiv gegen Linke wenden und nicht in erster Linie gegen ihren Klassenfeind; warum in lin­ken Zusammenschlüssen bis hin zu man­chen linken WGs oder alternativen Bau­ernhaus-Gemeinschaftsprojekten statt Solidarität der Aneignungs- und Selbst­zerfleischungsprozess gewählt wird. Der Hass muss auch einem nicht eingelösten Heilsversprechen entspringen. Wir sind eben ein katholisches Land. Ähnliche Gedanken hatte ich bei meiner Reportage über die Mühl-Kommune am Friedrichs­hof: Welche Machtstrukturen und Men­schenbilder formen sich in geschlossenen Denk- und Gesellschaftssystemen heraus? Ich verglich das Mühl-Dilemma mit der damals noch existierenden DDR, die demokratische Prozesse zwar am Pro­gramm hatte, aber grundlegende Kritik am System (ich will sagen: auch zurecht) als Bedrohung sah. Das vom Außen abge­kapselte Innen schuf isolierte Moral-, Macht- und Lebenswelten in Untreue zum Entwurf. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

Scheitern oder linke Verantwortung?

Die Mitbestimmungsmodelle, die ich per­sönlich erlebte, scheiterten letztlich am realen Leben (dialektischer Materialismus nach Marx: das Sein bestimmt das Bewusstsein), sei es aus ökonomischen Einschränkungen und Besitzstrukturen, ideologischen Widersprüchen oder per­sönlichem Unvermögen, Eigennutz oder Krisengewinnlerei im Frontenwechsel. Hinzu kommt, dass viele Menschen sehr gerne eigenverantwortliches Handeln ablehnen und sich gar keine selbststän­dige oder wenigstens selbstbestimmte Arbeit wünschen. Es gibt sog. alternative oder linke Arbeitsfelder im Gesundheits- oder Esoterikbereich, die sich den demo­kratischen Umgang mit Mitarbeiter*innen als verbales Sahnehäubchen aufsetzen, sich aber schlimmer als die ärgsten Aus­beuter*innenbuden über gewerkschaft­liches Arbeitsrecht z. B. durch Kettenver­träge hinwegsetzen, überhöhte Arbeitsan­forderungen bei Unterbezahlung praktizie­ren und moralischen Druck bis hin zum Mobbing ausüben. Die Frage, die LINKS-Mitinitiator Kurto Wendt auf einem Face­book-Eintrag stellte, halte ich für berech­tigt: Wieso setzen sich grüne Linke in Wien nicht offensiver und lautstark für ein ande­res, z. B. digitales Wahlrecht ein, um klei­neren Parteien das Sammeln von Unter­stützungserklärungen für eine Kandidatur zu erleichtern und nicht in Österreich geborenen Menschen das Wahlrecht zu ermöglichen – rund ein Viertel aller in Wien lebenden Menschen im wahlfähigen Alter dürfen kein Kreuzchen für den Land­tag und Gemeinderat machen.

Am meisten hat mich der Suizid einer jungen Frau betroffen gemacht, die in einer NGO gearbeitet hat und an ihrem Engage­ment »für die Sache« gescheitert ist. In ihrem Abschiedsbrief, der mir zugänglich wurde, schrieb sie ihren Weltschmerz nie­der. Carla, so der Name der Frau, schreibt von Kränkung, mangelnder Wertschätzung, strukturellen Mängeln, unklaren Arbeits­feldern, Überforderungen und psychischen Verstrickungen. »Ich weigere mich, diese Existenz akzeptieren zu müssen. Und ich weigere mich, in einer Welt leben zu müs­sen, in der mich die vermeintlichen Gut­menschen stärker zur Feindin machen als diejenigen, mit denen ich mich gerne anlege: den politischen und wirtschaftli­chen Eliten weltweit.« Mit ihrem Freitod hat diese junge Frau eine Forderung im menschlichen Umgang in linken Zusam­menhängen hinterlassen: achtsamer und verantwortungsvoller einander wahrzu­nehmen. Carlas letzter Appell: »Ihr Linken da draußen: Es macht einen Unterschied, wie ihr einander behandelt. Menschen sind nicht austauschbar, schätzt einander.«

Ich möchte meine Gedanken nicht so pessimistisch ausklingen lassen, sondern meiner Hoffnung Nachdruck verleihen, dass wir uns nicht selbst umbringen, son­dern im Sinne von Bini Adamczak und im Sinne von Carla im Weitergehen lernen und im Erkennen Neues schaffen. An unserem linken Menschenbild sollten wir uns im urchristlich-marxistischen Sinn erkennen. Die Kandidatur von LINKS ist eine Einladung.

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Freund, wie gehst du um
Mit deiner Freundin?
Genosse, wie gehst du um
Mit deiner Genossin?

Es gibt Genossen, die sagen -
Und sie meinen’s als Anklage
Gegen das herrschende System –
Wer zehn Jahre am Fließband gestanden hat –
Zehn Jahre denselben Handgriff,
Gehetzt vom Sekundenmesser –
Der kann nicht mehr denken,
Nur konsumieren.
Auf den kann man nicht mehr zählen
Für die Revolution.
Und mit solchen ist auch kein Staat mehr zu machen.
(Aber mit wem sonst?)

Es gibt Genossen, die sagen –
Und sie meinen’s als Anklage
Gegen das herrschende System –
Wer aufgewachsen ist in der Heuchelei des Kapitalismus,
der den Menschen sich selbst entfremdet
Und zu einer Ware macht,
Männer wie Frauen –
Wer so aufgewachsen ist,
Mit dem ist keine Revolution und kein Staat mehr zu machen,
Und nicht einmal ein Leben zu zweit.
(Aber mit wem sonst?)

Du und ich und viele von uns,
Wir glauben das nicht.
Aber:
Ob du unbrauchbar bist oder brauchbar
Für die Welt, die wir wollen,
Erweist sich nicht allein daran,
Ob du zu dieser Gruppe gehörst oder zu jener
Der »Alten« oder der »Neuen« Linken,
Ob du deine Arbeit tust
Im Interesse der Arbeiterklasse,
Ob du linke Bücher liest und linke Platten hörst –
Die alten aus Spanien
Und die neuen aus Cuba und Chile –
Ob du demonstrierst, wenn es gegen die Folter geht
Und für Solidarität mit den Opfern;
Es erweist sich auch daran
Wie du es hältst mit der Frau:

Ob du ihrer Stärke dich freust und
Ihre Schwäche nicht ausnützt,
Ob du nicht Angst haben musst, sie zu benützen
Oder von ihr benützt zu werden –
Für Arbeit, für Lachen, für Ausruh’n,
Für Trost oder Lust –
Wie du mit ihr schläfst und wie du sie liebst,
Wie du gegen sie kämpfst und
Selbst noch, wie du sie verlässt –
Auch das erweist dich einen,
Der unbrauchbar ist oder brauchbar für die Welt,
Die wir wollen:

Wie du umgehst mit deiner Freundin, Freund,
Wie du umgehst mit deiner Genossin, Genosse.

---

Erika Danneberg (1922–2007), Psychoanalytikerin, Mitglied des KPÖ-Bundesvorstands; das Gedicht ist im »Arbeitskreis schreibende« Frauen geschrie­ben und in der Märznummer 1984 in der stimme der frau veröffentlicht.

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Als am 11. Jänner diesen Jahres LINKS gegründet wurde, war es ein Versprechen; im August wurde der Wahlantritt in ganz Wien auch amtlich. Mehr als 5.000 Unterstützungserklärungen wurden von der jungen Partei gesammelt, die gemeinsam mit der KPÖ in allen Bezirken und auf Gemeindeebene zur Wahl steht, um der Rede vom »kleineren Übel« und der »verlorenen Stimme« eine starke Alli­anz entgegenzustellen. Bei einer ersten Pressekonferenz präsentierten die drei SpitzenkandidatInnen zentrale Punkte aus dem Programm.

HEIDE HAMMER und HOLGER VAN DORDRECHT

Anna Svec, Angelika Adensamer und Can Gülcü nehmen die ersten drei Plätze auf der Gemeinderatsliste ein, die in einem aufwendigen Hearing- und Wahl­verfahren erstellt wurde. Die Drei waren bereits in der Gründungsphase aktiv und sind auch in der Koordinierung der Partei tätig. Zu tun gibt es jedenfalls genug – in den letzten Monaten wurden eine Struktur aus Bezirks- und Interessensgruppen auf­gebaut, ein Entscheidungsgremium, der Bezirkeausschuss, etabliert und unter der Beteiligung vieler AktivistInnen ein Partei­programm geschrieben. In den zentralen politischen Positionen sind sich KPÖ- und LINKS-Mitglieder einig, nur hat sich das Erscheinungsbild mit diesem Zusammen­schluss deutlich verjüngt. Popkulturelle Elemente und eine starke Präsenz im Social Media Bereich sowie die entschlos­sene Durchsetzung von Quoten und Listen­plätzen für FLINT* Personen und Men­schen mit Migrationserfahrung zeichnen LINKS zusammen mit historisch gewachse­nem KPÖ-Selbstverständnis aus. So man­chen GenossInnen mag die Einsicht in die Notwendigkeit solcher Schritte fehlen, viele WählerInnen sollte diese konse­quente Haltung diesmal doch dazu befähi­gen, ihre Stimme anhand von politischen Inhalten und ihren RepräsentantInnen und nicht von vermeintlichem Kalkül zu vergeben.

Can Gülcü betonte auch bei der Presse­konferenz, dass er aus der Erfahrung des politischen Aktivisten und Kulturarbeiters ebenso spricht wie aus der marginalisier­ten Position der Migration, der Prekarität und des Engagements für eine leistbare und auch zukunftsfähige Stadt für alle. Wie das gute Leben für alle als Synonym für das Kommunistische konkretisiert wird und was dieses »für alle« tatsächlich bedeutet, ist auch immer wieder Gegen­stand zäher Auseinandersetzungen. Die Heterogenität der Partei spiegelt sich auch in einer der zentralen Fragen, jener nach dem Bedingungslosen Grundeinkommen oder einem Festhalten am Arbeitsfetisch, der einer Überwindung der herrschenden Verhältnisse im Wege steht. LINKS formu­liert nunmehr eine Position, die auf eine bedingungslose Existenzsicherung in der Höhe von 1.500 Euro für alle WienerInnen fokussiert. Diese soll allen Menschen – egal ob arbeitslos, teilzeitbeschäftigt oder im Haushalt arbeitend – ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Zen­trales Thema ist die soziale Gerechtigkeit und die radikale Verteilung des Wohlstands »Wir wollen Armut nicht bekämpfen, son­dern abschaffen«, so Can. Derzeit sind über 20 Prozent der WienerInnen armutsgefähr­det und über 15 Prozent erwerbsarbeitslos. Daher spricht sich LINKS auch für eine deutliche Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden pro Woche und einen Mindest­lohn von monatlich 1.950 Euro netto aus. Diese Forderung könnte für die 87.000 Beschäftigten der Stadt sofort umgesetzt werden. Zudem vergibt die Stadt viele Auf­träge an externe Firmen, in der Bekämp­fung prekärer Beschäftigungsverhältnisse könnte Wien eine richtungsweisende politi­sche Entscheidung fällen und ausschließ­lich an jene Firmen vergeben, deren Mitar­beiterInnen in sozialrechtlich gesicherten Vertragsverhältnissen arbeiten und das Konzept der Leiharbeit ablehnen.

Angelika Adensamer ist Juristin und kon­zentriert sich beruflich wie aktivistisch bereits seit Jahren auf die Themenbereiche, Demokratie, Mitbestimmung und staatliche Gewalt. Im von ihr herausgegebenen Hand­buch Überwachung wird der rechtliche und gesellschaftliche Rahmen polizeilicher Überwachung im Bereich von Strafprozes­sen und Verfassungsschutz detailliert dar­gestellt, rassistischer Kontrollen und Über­griffe auf marginalisierte Gruppen beleuch­tet. Die Wahlallianz setzt sich in diesem Jahr gemeinsam mit SOS Mitmensch und einem großen Wahlwexel im Rahmen der Wienwoche für das aktive und passive Wahlrecht aller Menschen mit Lebensmit­telpunkt in Wien ein. Angelika verweist auf den demokratiepolitischen Skandal, dass auch am 11. Oktober mehr als 30 Prozent der WienerInnen im wahlberechtigen Alter nicht wählen dürfen, die Vergabe der StaatsbürgerInnenschaft schon durch Ver­waltungsstrafen verweigert wird und die individuellen Kosten der Einbürgerung unverhältnismäßig hoch sind.

Anna Svec ist Rechtsberaterin und posi­tioniert sich wohl auch aufgrund ihres überaus sympathischen und offenen Zugangs zu Menschen am ersten Listen­ platz von LINKS. Sie präsentierte das fundierte wie innovative Kapitel Woh­nen, das Leerstandsvergabe ebenso wie MieterInnenrechte forciert. LINKS for­dert strenge Mietzinsobergrenzen, die Abschaffung der Befristungen von Miet­verträgen und des Lagezuschlags. Zudem spricht sich LINKS gegen Zugangsbeschränkungen zum sozialen Wohnbau aus, eine deutliche Ablehnung von SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwigs »Vienna First«-Politik. Das erfordert eine starke Konzentration der Widmun­gen und Bauvorhaben auf gemeinnützi­gen Wohnraum. Um eine gute Anbin­dung für alle WienerInnen an den öffentlichen Verkehr zu gewährleisten und eine klimagerechte Stadt zu errich­ten, steht LINKS für gratis Öffis, den Rückbau von Straßen und asphaltierten Plätzen und die gezielte Förderung des Fahrradverkehrs. Eine Klimaabgabe aller in Wien ansässigen Unternehmen nach Vorbild der U-Bahn-Steuer soll den Aus­stieg aus Öl- und Gas mitfinanzieren, um so das Ziel der Netto-Null-Treibhausgas­emissionen bis 2030 zu erreichen.

Ganz generell stehen die KandidatIn­nen auf der Gemeinderats- wie den Bezirkswahllisten für eine Stadt der Vie­len, die Konsequenz daraus ist eine City Card für Wien. Dieses Ausweis- und Zugangsdokument ermöglicht allen Wie­nerInnen unabhängig von ihrem Aufent­haltsstatus die Beteiligung an demokra­tischen Prozessen und die selbstver­ständliche Nutzung der städtischen Infrastruktur und ihrer Dienstleistun­gen. Sie schafft gleichberechtigten Zugang zum Gesundheitssystem sowie zu Betreuungs- und Pflegeeinrichtun­gen. Daher fordert auch die Ärztin Katharina Bruhn, Spitzenkandidatin in Hietzing und in der Koordinierung von LINKS, 500 neue Kassenstellen in Wien, um die bestmögliche medizinische Ver­sorgung in jedem Grätzl sicherzustellen. Zudem besteht sie auf ein Gesundheits­wesen, das alle Menschen so gut behan­delt wie Cis-Männer, denn im Moment werden anderen Geschlechtern Zugehö­rige weltweit schlechter behandelt und in der Forschung oft ignoriert. Wien ist da keine Ausnahme, aber mit LINKS kann es eine werden, so die Ärztin. Mit der Vergabe von Wissenschaftsförderun­gen, Primariatsposten und anderen Posi­tionen im Feld sollen hier erste Schritte gesetzt werden. Die Psychotherapeutin Helga Wolfgruber kandidiert auf Platz sechs für den Gemeinderat, zugegeben, das könnte diesmal knapp werden, doch sie steht – nicht zuletzt aufgrund ihrer langjährigen Arbeitserfahrung – für das »Recht auf Faulheit! Weil Müßiggang nicht aller Laster Anfang ist«, vielmehr gemeinsames Denken und politisches Engagement erst ermöglicht. Auch für sie wäre eine gesellschaftlich sinnvolle Arbeitsteilung und die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens ein Weg aus künstlich geschaffenen Bullshit-Jobs. Ihre feministischen Überzeugungen schärfte sie sowohl als Personalvertrete­rin und Gewerkschafterin wie als KPÖ-Mitglied und stetige Befürworterin der Zusammenarbeit mit LINKS.

Auch Didi Zach, Landessprecher der KPÖ Wien, könnte nicht nur sein Bezirks­ratsmandat im 15. Bezirk verteidigen und mit Katerina Anastasiou, der Spitzenkan­didatin der KPÖ bei der Europawahl 2019, Clubstärke erlangen. Auf Platz fünf der Gemeinderatsliste wäre er bei einem Ein­zug der Wahlallianz fix dabei, denn durch die 5-Prozent-Hürde wären bei einem gro­ßen Wahlerfolg fünf Gemeinderatsplätze errungen. Himali Pathirana kandidiert auf Platz vier, sie verweist in ihrem politi­schen Engagement explizit auf den Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Auf die Frage nach prägenden politischen Ereignissen nennt sie 9/11, das Ende des Bürgerkriegs in Sri Lanka, den Syrien­krieg und die Wahl von Obama sowie Trump. Bei der Bundespräsidentschafts­wahl und dem Duell Hofer vs. Van der Bel­len war sie ebenso selbstverständlich auf der Straße aktiv wie bei den Donnerstags­demonstrationen gegen die ÖVP-FPÖ-Koalition. Dass der Ibiza Skandal nicht nur zum Ende dieser rechtsextremen Regierung, sondern auch zur fulminanten Show der Vengaboys am Ballhausplatz geführt hat, ist ihr lautstarke Genugtu­ung, denn der Spaß am Widerstand ist für sie der treueste Begleiter konsequenter Politik von LINKS.

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Was als lang ersehnter Fortschritt inszeniert wird, ist das Abwandern der Kunst in Social-Media-Plattformen.

ELIAS HIRSCHL erzählt, dass es sich hierbei nicht um eine bloße Änderung der Form, in der Kunst produziert wird, handelt, sondern um einen fundamentalen Einschnitt in die Lebensrealität von Künstler*innen und damit zugleich in die Lebensrealität ihrer Konsument*innen.

»Neu« scheint eines von Sebastian Kurz Lieblingswörtern zu sein. Der neue Stil. Die neue Volkspartei. Die neue Normalität. Das ist einerseits ein Marketingtool, einem morschen Ast der Geschichte einen neuen, türkisen Anstrich zu verleihen, aber andererseits ist das vermutlich speziell im Falle der »neuen Normalität« auch der Versuch, an eine völlig normale menschliche Neigung zu appellieren: den Wunsch, einer Krise etwas Positives abgewinnen zu wollen. Scheitern als Chance, was dich nicht umbringt, macht dich stärker, etc. Man will sich irgendwie nicht eingestehen, dass etwas auch einfach mal nur schlecht sein kann.

Und dann wird eben positiv hervorgehoben, wie die Menschen jetzt wieder ihre Spiritualität entdecken, zu Hause meditieren, Yoga-Challenges machen, Bananenbrotrezepte verfeinern, einfach mal wieder zu sich selbst finden und die täglich neu im Netz aufploppenden Kultur- und Unterhaltungsangebote in Form von Livestreams, virtuellen Museums-Rundgängen und freigeschalteten Mediatheken genießen. Meine Timelines sind seit Wochen geflutet von neuen digitalen Erzeugnissen aller möglicher Kunstsparten sowie neuen Ratgebern, die einen zu den relevantesten und am besten produziertesten Anbietern verweisen, auf dass man seine wertvolle Online-Me-Time nur bloß nicht verschwendet – und ich weiß, von was ich rede, schließlich schreibe ich diesen Text zwischen vier Stunden Hydraulic-Press-Videos und vier Stunden Ancient-Aliens-Folgen. Aber wenn dann in all dem Trubel ein ORF-Artikel mit der Überschrift »Kulturszene erblüht im Netz«1 veröffentlicht wird, läuft es mir da doch recht kalt den Rücken hinunter. Denn wie in dem Artikel besteht die öffentliche Kunstwahrnehmung, vor allem vonseiten der Regierung, aber auch vieler anderer Menschen, offenbar in erster Linie und manchmal ausschließlich aus großen Theatern, Opernhäusern und Museen. Der Fokus liegt zudem meistens auf der Konsument*innenseite. Wie es im ORF-Artikel heißt: Man könne nun auch im Internet wieder die »Atmosphäre eines Jazzclubs […] erahnen«, es wird auf virtuelle Führungen und Ähnliches verwiesen und darauf, dass »Autorinnen und Autoren« jetzt auch »neue literarische Formen abseits des gedruckten Buches« erproben.

Zwangsdigitalisierung und Fortschritt

Das vermittelt insgesamt ein Bild des Fortschritts, so als wäre es schon längst an der Zeit gewesen, dass all diese Veranstalter*innen und Künstler*innen und vor allem die Autor*innen sich endlich vom eingestaubten Papier und physischen Kontakt abwenden, um endlich ins Internet abzuwandern, endlich die Welt 4.0 zu entdecken und sich von so martialischen, abstrus rückständigen Kunstformen wie dem gedruckten Wort zu distanzieren.

Nicht, dass das jetzt falsch verstanden wird: Ich finde es großartig, wenn auf all diese Angebote im Internet hingewiesen wird und diese überpositive Darstellung hilft möglicherweise sogar, neue Zuschauer*innen für diese Art von Internet-Kunst zu gewinnen, aber gleichzeitig sollte auch klar sein, dass nicht alle Autor*innen die letzten Jahrzehnte darauf gewartet haben, dass sie endlich von einer Pandemie am Auftreten gehindert werden, damit sie sich mal dazu überwinden können, in die utopische Welt des Streamens vorzustoßen. Nicht alle Schreibenden können gut vorlesen. Nicht alle Schreibenden können und wollen Videos aufnehmen, schneiden, hochladen und bewerben. Nicht alle Schreibenden wollen sich selbst vermarkten. Nicht alle wollen Youtuber*innen werden. Dieses Ausweichen ins Internet ist keine langersehnte Erweiterung des Buches, sondern eine Notlösung, die sich viele auch aus guten Gründen nicht leisten können oder wollen.

Im Grunde mussten viele Künstler*innen gezwungenermaßen einfach den Job wechseln. Und nicht alle haben eine gute Kamera, nicht alle wollen darauf hinweisen, dass man subscriben und auf den Patreon-Link in der description below klicken soll. Ich empfinde es schlicht nicht als positive Entwicklung, von öffentlich geförderten Lesungen auf Online-Almosen umzusteigen.

Das soll hier bitte auch keine Boomer-Anti-Internet-Tirade werden à la Heinz Sichrovsky beim diesjährigen Bachmannpreis. Ich will nur aufzeigen, dass Kunst und Streamen eben doch komplett unterschiedliche Berufe sind, die sich nicht isomorph ineinander übertragen lassen.

Von der finanziellen Möglichkeit einer »Zeit für sich«

Zugegeben gab es ein paar Versuche von öffentlicher Seite, die Verluste der Kunst- und Kulturszene auszugleichen: Die Stadt Wien hat ihren Fördertopf aufgestockt und ein Arbeitsstipendium von bis zu 3000 Euro zur Verfügung gestellt, doch auch dieser war recht schnell erschöpft und diejenigen, die die Förderung erhalten haben, haben das Geld auch erst mit starker Verzögerung bekommen.

Zudem konnte man nicht für Projekte einreichen, die schon einmal abgelehnt wurden. »Abgelehnt« bedeutet in dem Sinne jedoch nicht, dass sie generell als »nicht förderungswürdig« eingestuft wurden. Beispielsweise werden jährlich exakt vier Elias-Canetti-Stipendien für Literatur von der Stadt Wien vergeben. Hat man sich dafür schon einmal mit einem Projekt beworben und ist in der Auswahl zwar unter die Top 5, aber nicht in die Top 4 gekommen, gilt das Projekt als abgelehnt und man darf es laut Richtlinien nicht mehr für das Wiener Arbeitsstipendium einreichen.

Ebenfalls erhielt man kein Stipendium, wenn man studiert, Notstandshilfe, Geld vom AMS oder Mindestpension bezieht, oder anderweitig Geld durch nicht-künstlerische Arbeit verdient, was quasi alle Menschen ausschließt, die sich notgedrungenermaßen einen Job suchen mussten, weil sie ihrer künstlerischen Tätigkeit durch die Auftrittsausfälle nicht mehr nachkommen konnten.

Dementsprechend wirkt es recht zynisch darauf hinzuweisen, dass man während der Quarantäne jetzt endlich mal Zeit für sich hat. Kunstschaffende existieren nicht in einem Vakuum. Viele haben schlicht händeringend um Notlösungen gerudert, sind auf Spenden und Almosen umgestiegen, haben sich irgendwelche Nebenjobs gesucht, während sie sich in vielen Fällen gleichzeitig mit Homeschooling, Kinderbetreuung und sonstigen plötzlich aufgetretenen Erschwernissen herumschlagen müssen. Da mangelt es vielen schlicht an Zeit und Energie, sich jetzt auch noch eine völlig neue Karriere als Youtube- oder Twitch-Streamer*in aus dem Boden zu stampfen. Zudem mir der Begriff »You tuber« immer wieder kalte Schauer durch den Körper jagt; bei der Vorstellung, dass der Buchmarkt sich irgendwann genauso monopolisieren könnte wie der Online-Video-Markt und man sich anstatt als Schrifsteller*in irgendwann nur noch als »Rowohltler*in« bezeichnet.

Alle Autor*innen, die das Pech hatten, direkt in den Frühling hineinzupublizieren, sahen sich mit einer massiven Absagewelle konfrontiert, mit aufgeschobenen Veröffentlichungen, mit Druck-Verzögerungen und ausfallenden Buchverkäufen. Dadurch, dass Autor*innen ihr Geld nun mal meistens nicht regelmäßig, sondern spezifisch in der Phase nach einer neuen Publikation verdienen, ist so ein Gagenausfall nicht einfach nur fehlendes Geld für einen Monat, sondern es brechen Einkünfte weg, die einen sonst noch durch das nächste Halbjahr getragen hätten.

Ein weiteres Pech, das vor allem die Debütant*innen trifft, die im Frühling 2020 ihr erstes Werk veröffentlicht hätten, ist, dass sich manche erst dieses Jahr bei der Literar-Mechana, der Österreichischen Verwertungsgesellschaft für Literatur, angemeldet haben.

Die Literar-Mechana hat aus meiner Sicht wirklich die unbürokratischste und schnellste Soforthilfe für Autor*innen bereitgestellt, um die Gagenausfälle auszugleichen. Leider konnten diese Soforthilfe aber nur Künstler*innen erhalten, die sich schon vor 2020 bei der Verwertungsgesellschaft angemeldet haben. Daher fallen die meisten Debütant*innen, die jetzt ihre erste Lesereise anstehen gehabt hätten, komplett durch das Raster. Mit der zweiten Hilfsphase war zwar auch eine Hilfe für die erst 2020 Angemeldeten eingeplant, jedoch nur in der Höhe von 500 Euro, was einen jetzt auch nicht wahnsinnig lang über Wasser hält.

Genauso hilflos wie viele der öffentlichen Stellen mit den Notfallhilfen waren, war die Regierung auch mit den Lockdown-Öffnungen, deren Angaben sich mehrmals änderten und mit den Sicherheitsabständen und der Zuschauer*innenbeschränkungen viele Veranstaltungen nicht durchführbar oder finanziell nicht profitabel machten. Das mag medizinisch sinnvoll sein, kann in der Praxis aber oft nicht umgesetzt werden. Statt halbfertiger Öffnungsvorschläge hätte es da lieber noch länger unkomplizierte, schnelle und langfristige Finanzhilfen gebraucht. Die Kunstszene in Österreich verlangt nichts Aufwendiges, sie verlangt keine Sonderbehandlung, sie verlangt lediglich, ihrer Arbeit nachgehen zu können und, dass das Geld auch tatsächlich bei ihnen ankommt und nicht wieder mit 5,2 Millionen Euro bei der KTM Motohall landet.2

How to bake kunstloses Brot

In der singapurischen »The Sunday Times« ist »Artist« auf Platz 1 der nicht-systemrelevanten Jobs gewählt worden.3 Und zugegeben, vielleicht wären wir jetzt nicht alle sofort gestorben, wenn es plötzlich von einem Moment auf den anderen überhaupt keine Kunst mehr gegeben hätte, aber man fragt sich schon, was man so auf Dauer ohne Bücher, Filme, Serien, Musik, Ausstellungen und Veranstaltungen mit der Zeit anfangen soll, die man jetzt endlich hat.

Vor allem bei der Literatur, die immer dann vom Staat hochgehalten wird, wenn jemand trotz der inländischen Ablehnung überregionalen Erfolg hat, sollte man annehmen, dass es lohnenswert wäre, sie am Leben zu erhalten. Sonst kennt man Österreich irgendwann nicht mehr für Jelinek und Bachmann, sondern für perfektionierte Sauerteig- und Bananenbrotrezepte, Ischgl und Ibiza.

Und um mit einem saudummen Wortwitz abzuschließen, den ich mir bis jetzt verkniffen habe: Wenn es nur brotlose Kunst gibt, gibt es bald auch nur noch kunstloses Brot.

Mahlzeit.

1 https://orf.at/kulturjetzt/stories/3158546/

2 https://kontrast.at/ktm-kulturfoerderung-oberoesterreich/

3 https://www.classicfm.com/music-news/times-newspaper-survey-artists-non-essential-jobs/

Elias Hirschl wurde 1994 in Wien geboren, ist Romanautor, Spoken-Word-Künstler und Musiker. Zuletzt erschienen der Roman »Hundert schwarze Nähmaschinen« (2017, Jung und Jung) und die Kurztextsammlung »Glückliche Schweine im freien Fall« (2018, Lektora).

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Ein Erinnerungs-Beitrag zur österreichischen Hoch- und Basiskultur von GERALD GRASSL.

Eine Welt, die – und wäre es auch nur vorübergehend – der produzierenden Kunst beraubt wäre, das heißt der Dimension, die sich nicht auf das Materielle zurückführen lässt, jener Offenheit für die nicht entfremdbaren Räume des Imaginären und der Phantasie, wäre ein ebensolcher Albtraum wie ein riesiges, gut organisiertes Konzentrationslager, in dem die Nahrung reichlich, die Arbeit leicht, die Decken warm, die Dächer der Baracken dicht wären, in dem aber nicht mehr Menschen hausen, sondern Tiere.

(Claude Simon (1913–2005), Literatur-Nobelpreis 1985)

 

1. Bekanntlich kennen sich die ZuschauerInnen eines Fußballspiels besser aus als der Schiedsrichter am Feld; Gleiches gilt für die Kunst: Jede*r glaubt sich nach eigenem »Kunstgeschmack« als besondere/r »Kenner/in«. Der Unterschied: Die einen sitzen auf ungemütlichen Bänken, die anderen in bequemeren Logen …

Peter Weiss schreibt in den Notizen zur »Ästhetik des Widerstands« dass Kunst immer links ist. Das scheint eine verblüffende Ansicht zu sein, denn die meisten produzierenden Kunstschaffenden (im Unterschied zu reproduzierenden Künstlern wie etwa des Theaters, Films, also Schauspieler*innen Regisseur*innen usw.) behaupten von sich, unpolitisch (gar parteipolitisch) zu sein. Was Peter Weiss meint: Kunst ist immer widersetzlich, entwirft kühne Zukunftsvisionen, die (oft unbewusst) das herrschende Gesellschaftsgefüge in Frage stellen, Kunst ist im Wesen antikapitalistisch und daher das Gegenteil vom Kommerz. Das Kunsthandwerk hingegen orientiert sich am Markt der Gefälligkeit. Viele Künstler*innen entwickeln einen eigenen »Stil«, der sich gut vermarkten lässt, reproduzieren nur mehr diesen »Stil«, sodass sie dann nicht mehr Kunst, sondern Kunsthandwerk herstellen.

Die Kunstfeinde verkünden: »Kunst kommt vom Können!« Und alles, was ihrem geschmäcklerischen Urteil widerstrebt, wird von ihnen abgelehnt bis bekämpft.

Damit kein Missverständnis entsteht: Je besser Künstler*innen ihr »Handwerk« verstehen, umso besser werden ihre Ergebnisse sein. Aber perfektes Handwerkskönnen garantiert nicht unbedingt interessante Werke, andererseits gibt es unzählige Beispiele der sogenannten naiven Kunst (Art-Brut), die seltsam »berühren«. Ein Architekt mit bestem Diplom, doch bar eigener kreativer Ideen baut jede Menge Fadesse, doch wohnliche Räume. Friedrich Hundertwasser hatte mangelndes Wissen über Architektur, durfte dennoch ein großes Wohnhaus nach seinen Visionen errichten lassen. Die Bewohner beklagen diverse Mängel, fühlen sich trotzdem in ihren Behausungen zwar wohl, doch vom täglichen TouristInnen-Auflauf vor dem Haustor unwohl.

Der kommunistische Kulturstadtrat von Wien von 1945 bis 1949, Viktor Matejka (1901–1993), wollte, dass Kunstförderungen abgeschafft werden, denn sie machen Künstler*innen zu Bittsteller*innen; stattdessen wollte er, dass die »öffentliche Hand« Kunsterzeugnisse kauft.

Für das »Kulturland« Österreich ist es symptomatisch, dass es zwar ein eigenes Tourismus-, doch kein Kulturministerium gibt. Was (auch aktuell während der Corona-Krise) als Kulturförderung der Öffentlichkeit präsentiert wird, ist (als »Umwegrentabilität« für Gastronomie und Hotelerie) eine verdeckte Tourismuswerbung. Daher wäre es ehrlicher, die Kunstsektionen in Bund und Ländern gleich der Verwaltung des Tourismusministeriums zu überlassen.

2. Es bleibt bis heute im antifaschistischen Diskurs die Behauptung, dass erst »ab der Affäre Waldheim« eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus begonnen hätte.

Wahr hingegen ist, dass bereits unmittelbar nach 1945 eine Fülle von Büchern und Broschüren mit Erinnerungen und Berichten von Überlebenden der Konzentrationslager, WiderstandskämpferInnen und im Exil lebenden AutorInnen in winzigen Auflagen in Eigen- oder Kleinverlagen oder im kommunistischen Globus-Verlag erschienen sind. Außerdem zählte seit der Gründung der kommunistischen Tageszeitung Volksstimme und allen Publikationen der KPÖ die Aufarbeitung der Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus als einer der Schwerpunkte in der Berichterstattung.

Allerdings herrschte in der Atmosphäre des Kalten Krieges im »Kulturleben« Österreichs nicht nur ein offener Boykott gegenüber sämtlichen (Presse-) Publikationen und Büchern wie zum Beispiel aus dem Globus-Verlag, sondern gegen linkes Kunstschaffen insgesamt. Zur Erinnerung einer der markantesten Fälle der Nachkriegsgeschichte: Der Brecht-Boykott bis in die 1970er Jahre hinein. Gesellschaftskritische Autor*innen, die auch zeithistorische Ereignisse thematisierten, publizierten ihre Werke hauptsächlich in der DDR (etwa Franz Kain, Karl Wiesinger und andere) oder in der BRD.

Auf Initiative von Viktor Matejka wurde im Wiener Künstlerhaus am 14. September 1946 die Ausstellung »Niemals Vergessen!« als Staatsakt eröffnet, in der Künstler*innen die Räume gestalteten und vor allem mit dem Mittel der Kunst die Verbrechen des Nationalsozialismus aufgearbeitet wurden. Es sollte für Jahrzehnte die letzte (Groß-) Ausstellung sein, die sich einem Thema der Zeitgeschichte widmete.

3. Die (Nach)-68er-Bewegung politisierte auch zahlreiche Kunstproduzent*innen. Die AutroInnengruppe „»literaturproduzenten« erhielt im Jugend&Volk-Verlag die Möglichkeit, eine kleine, inhaltlich sehr »bunte« Reihe herauszugeben – Texte zwischen Sprachexperimenten und Gesellschafts- (und Medien-) Kritik. Kunstschaffende jeden Genres wurden vom Finanzamt wie Kleingewerbetreibende eingestuft. Dem entsprechend war das Bewusstsein der (auch linker) Schriftsteller*innen. Sie sahen sich gegenseitig als Konkurrent*innen. Junge Autor*innen spotteten über die Mitglieder des alt-ehrwürdigen PEN (gegründet 1921; Abkürzung für Poets, Essayists, Novelists) als »PENner«. Sie traten der GAV (Grazer Autorenvereinigung) bei, in der ein anderes Berufsbewusstsein herrschte: Bis auf etwa zwei Dutzend sehr gut verdienenden, und vielleicht drei Dutzend mit einem Einkommen eines Facharbeiterlohns, lebten mehr als 90 Prozent der Kolleg*innen am oder unter dem Existenzminimum. Vielen fehlt jede Form von sozialen Absicherungen. Ihre Lebens-, Produktions- und Einkommenssituation ist vergleichbar mit Heimarbeiter*innen (gegenwärtig vergleichbar mit der Situation von Leiharbeiter*innen). Außerdem erweiterte die GAV den Autor*innen-Begriff, er inkludierte jede (produzierende) künstlerische Arbeitsweise (bildende Kunst, Musikkomposition, Lieder-»macher*innen«, Film, Kabarett usw.).

Die General- und Vollversammlungen der Organisation, an der immer weit mehr als 100 Kolleg*innen teilnahmen, waren jedes Mal streitbare Diskussionsveranstaltungen, die mit zahlreichen Resolutionen zu kultur- und gesellschaftspolitischen Fragen beendet wurden.

Die Schriftsteller Gerhard Ruiss und Johannes Vyoral erarbeiteten eine Dokumentation zur Lage der Schriftsteller*innen in Österreich und bereiteten gleichzeitig den »1. Österreichischen Schriftstellerkongress« im Wiener Rathaus vor, der von Bundeskanzler Bruno Kreisky eröffnet wurde und den Versammelten zurief: »Organisiert euch!«

Die IG-Autor*innen, Vereinigung aller Autor*innen und Schriftstellervereinigungen Österreichs, dämmerte bislang bedeutungslos dahin und entwickelte sich nun zu einer kämpferischen Organisation mit gewerkschaftlicher Stoßrichtung, der es im Laufe der folgenden Jahre gelang, gewisse Mindeststandards an sozialer Absicherung und diverse Schutzbedingungen (z. B. Copyright usw.) zu erwirken.

Große Ausstellungen wie »1934« in der Straßenbahnremise Meidling oder die große »Wehrmachtsausstellung« eröffneten endlich eine breite Auseinandersetzung zur Zeitgeschichte; es begann parallel dazu, durch Bücher die Leistung des Widerstands einerseits aufzuzeigen und andererseits die »Opferrolle« Österreichs während der nationalsozialistischen Besetzung infrage zu stellen und aufzuarbeiten.

Ein weiteres markantes Ereignis der kulturpolitischen Entwicklung Österreichs war die ARENA-Besetzung im »kurzen Sommer der Anarchie« (© Lutz Holzinger) während der Sommer- und Herbstmonate bis 1976.

Die Rechte bezeichnet(e) die Zeit des Nationalsozialismus verharmlosend stets als »dunkle Zeit«; die Nachkriegsjahrzehnte Wiens können kulturell und auch optisch als »graue Zeit« bezeichnet werden.

Das Fernsehprogramm endete wochentags um 22 Uhr, ebenso wie die meisten Cafés und Wirtshäuser Sperrstund‘ hatten. Das einzige Kabarett »Simpl« verbreitete Bruhaha-Humor, die Staatstheater staatstragende »Tra-ra-Hochkultur« (© Fritz Herrmann ), spätestens ab 20 Uhr eilten nur mehr wenige Leute durch die Kärntner-Straße (vor einem Modehaus warteten allerdings einige Damen vom Gewerbe auf »Kunstschaft«), die letzte »blaue« Straßenbahn fuhr vor Mitternacht aus Grinzing zur Remise ab...

Die ARENA-Besetzung wirkte nach deren »Aushungern« (im Spätherbst drehte die Gemeinde Wien einfach die Stromzufuhr und andere Versorgungsnotwendigkeiten ab) wie eine »Initialzündung« für die weitere Stadtentwicklung: Aus herabgekommenen Häusern und Fabriken wurden nach weiteren Hausbesetzungen Kulturzentren (WUK, Amerlinghaus, Gassergasse), Alternativ-Beiseln, Kabaretts und neue Galerien für Gegenwartskunst entstanden usw.

Kurz: Mit der Ära Kreisky wurden längst fällige »Modernisierungen« im Land eingeleitet; ab der ARENA hoffte vor allem die Jugend, dass ab nun eine kulturpolitisch »liberale« Zeit angebrochen sei …

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Überlegungen zum Kunstmarkt und einer Alternative von FRANZ BRAUN.

Ich studierte vier oder fünf Jahre Malerei und hatte mir vorgestellt, dort – an der Kunstuni – endlich Leute zu treffen, die eine ähnliche Gedankenwelt mit mir teilen, die ähnliche Ziele, Anschauungen und ein ähnliches Kunstverständnis haben. Ich musste erkennen, dass ich unter den am Rand der öffentlichen Aufmerksamkeit stehenden Kunstschaffenden (denn – ernsthaft – wer interessiert sich schon für Kunst) Teil einer Minderheit war und bin, jedenfalls was das Verständnis von Kunst betrifft. Das ist so, glaube ich, weil aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Zugehörigkeiten jeweils andere Dringlichkeiten von gesellschaftsrelevanter Kunst beziehungsweise gesellschaftsgestalterischer Kraft von Kunst resultieren. Man könnte auch von unterschiedlicher Klassenzugehörigkeit sprechen.

Vom Privileg, Kunst zu studieren

Kunststudierende leben nicht alle unter prekären Verhältnissen. Ich glaube, es ist sogar eher umgekehrt. Jene, die Kunst studieren, kommen in der Mehrheit aus wohlhabenden Familien. Diese haben tendenziell auch einen höheren Bildungsstandard. Aus diesen beiden Faktoren, finanzielle Sorgenlosigkeit und höherer Bildungsstandard, entspringt erst die Option Kunst zu studieren. Junge Menschen aus einer finanziell schwachen Schicht haben es schon schwer genug, sich zur Entscheidung durchzuringen, überhaupt zu studieren. Hier liegt, meiner Auffassung nach, unglaublich großes künstlerisch-gesellschaftliches Potenzial brach.

Wenn man es aber doch aus finanziell schwierigen Verhältnissen heraus an die (Kunst-)Uni schafft, dann ist es nicht gesagt, dass man institutionelle und kollegiale Anerkennung erfährt und obendrein noch finanziellen Erfolg verbuchen kann. Und da reden wir darüber, die Grundkosten decken zu können. Ohne Integritätsverlust, also ohne sich anzubiedern, haben am Kunstmarkt nur jene Aussicht auf Erfolg, die schon Kontakt zu ihm hatten, bevor sie Kunst produzierten. Das heißt, dass die Kunst in ihrem Alltag bereits einen gewissen Stellenwert gehabt hatte.

Erstrebenswerter Erfolg am Kunstmarkt?

Eine Frage wird viel zu selten gestellt: Ist es als Künstlerin oder Künstler überhaupt erstrebenswert, Erfolg am Kunstmarkt zu haben? Er bringt eine bestimmte Art und Weise, mit Kunst umzugehen, begründet durch geschichtlich etablierte Konventionen, die un- oder überreflektiert bis hin zum Ritual wiederholt werden, institutionell abgesegnet sind und die Kunstwerke zur Staffage für diesen Ritus verkommen lässt. Den Kunstwerken wird dadurch ihr Kunstcharakter entzogen. Das ist für mich der Kunstmarkt. Aber so erleben viele die Kunst. Und es wird ihnen gesagt, so muss man sie erleben. Etikettiert.

Wenn man Kunst so begreift, dass sie dem Etablierten entgegentritt, also die Konventionen hinterfragt und die gewohnten Wertvorstellungen zu sprengen versucht, ohne (!) institutionelle Rückendeckung, dann kann sie kein Teil des Kunstmarktes sein. Dann muss sie befreit sein vom Druck des finanziellen »Erfolgs«.

There is an Alternative

Für mich ist der Kunstmarkt keine Alternative. Vor allem aber ist er nicht alternativlos. Und ich kann mir vorstellen, dass es anderen genauso geht. Zum Beispiel dieser kleinen Gruppe von Kunstschaffenden, die Ende 2014 die Idee ausarbeitete, ein Faltblatt mit künstlerischem und kunstkritischem Inhalt mit Bild und Text auf acht Seiten herauszugeben. Seit 2015 erscheint in der Regel zwei Mal jährlich eine farbige Ausgabe PIROL mit Beiträgen aus den Bereichen Bildende Kunst und Literatur in unterschiedlichen Städten Deutschlands und Österreichs. Dazu kommen Sonder- und Spezialausgaben zu entsprechenden Ausstellungen, die gemeinschaftlich organisiert werden. Von der ersten Ausgabe in Schwarz und Weiß mit einer Auflage von 105 Stück bewegte sich PIROL bis zu 1.000 Stück der zehnten und elften Ausgabe. Finanziert wird das Projekt durch freiwillige Druckkostenbeiträge der in einer Ausgabe publizierenden Künstlerinnen und Künstler, je nach selbst eingeschätzten finanziellen Möglichkeiten. Bislang kamen 22 Menschen dazu, im Faltblatt ihre Werke zu veröffentlichen. Manche von ihnen gehören bereits zum PIROL-Kern.

»Ohne Netz«

PIROL versteht sich als Beitrag zur Belebung des Kunstdiskurses und soll eine Möglichkeit darstellen, aus freiem Geisteswillen erzeugte Kunst vorurteilsfrei zugänglich zu machen. Es ist ein Gegenentwurf zu marktorientierten Kunstausstellungen in kommerziellen Galerien und selektiven Publikationen in etablierten Kunstzeitschriften. Es war ein logischer Schritt, zusätzlich zum Printmedium, Ausstellungen zu organisieren, indem mit Vereinen, öffentlichen Galerien und anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammengearbeitet wurde. Nach etlichen Gruppen-, Doppel- und Einzelausstellungen mit Positionen, die im Heft vertreten waren und sind, steht jetzt die PIROL-Jubiläumsveranstaltung mit Namen »Ohne Netz« zu fünf Jahren und zehn Ausgaben PIROL vor der Tür (siehe unten).

Im Zuge der Vorbereitungen auf »Ohne Netz« ist es mir wieder besonders klar geworden, dass Pirol – neben vielen anderen, ähnlichen Unternehmungen – eine unbedingte Notwendigkeit für nicht wenige Kunstschaffende ist, die es schwer haben, eine Möglichkeit der Präsentation zu finden, abseits der Zerreißprobe, zwischen integrer Kunstproduktion und finanziellen Erfolg versprechenden Prestige-Events.

PIROL »Ohne Netz«

5 Jahre / 10 Ausgaben Pirol

Eröffnung am 1. August 2020 ab 17 Uhr mit Comic-Lesung von Janne Marie Dauer und PUBIC live in concert

Ausstellung mit Franz Braun, Janne Marie Dauer, Xenia Fumbarev, Johannes Grammel, Manuel Gruber, Jasmin Rehrmbacher, Gert Resinger, Stefanie Salzburger, Thomas Schrenk, Jonathan Seiffert, Anny Wass, Stefan Wirnsperger, David Zeller.

Finissage am 7. August 2020 ab 18 Uhr mit Comic-Lesung von Jasmin Rehrmbacher

»Dessous«, Anton-Scharff-Gasse 4, 1120 Wien Besichtigung der Ausstellung nach Vereinbarung: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

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Soziale Absicherung von Kunst- und Kulturschaffenden.

VON CLEMENS CHRISTL

Der Ausgangspunkt der Misere liegt bei den geringen Einkommen im Feld. In den letzten 20 Jahren sind spärlich aber doch einige Studien zur sozialen Lage von Künstler_innen, spartenbezogen, generell oder auch geschlechterspezifisch erschienen, die Einkommen weit unter dem gesellschaftlichen Durchschnitt belegen. Die Einkommen direkt aus der künstlerischen Tätigkeit liegen nochmal niedriger, im Median bei rund 5.000 Euro/Jahr/Person. Ein Einkommens- und Tätigkeitenmix ist die logische Folge – und daraus resultierend das zweite Kernproblem: Die Architektur der Sozialversicherung wie auch jene der sozialen Sicherheitsnetze stammt aus einer Zeit, in der lineare Beschäftigung die Regel war – paralleles Arbeiten als Selbstständige, Unselbstständige und vielleicht noch Landwirtin führt zu serien weisen Problemen, umso mehr, wenn in Zeiten der Joblosigkeit auch noch Arbeitslosenversicherung oder Mindestsicherung ins Spiel kommen. Dazu kommt: Die Gesetzeslage ist so wenig aufeinander abgestimmt, dass viele Alltagsprobleme von Kunst- und Kulturschaffenden zur individuellen Auslegungsfrage werden; und: die Spezialist_ innen in den jeweiligen Ministerien, Sozialversicherungsanstalten usw. kennen in der Regel ihre Institution, die Regelungen zum Zusammenspiel mit anderen aber nicht.

Ein aktuelles Beispiel

In der Coronakrise werden Arbeitsstipendien für Künstler_innen in den Bundesländern eingeführt, die natürlich hochwillkommen sind (künstlerisch tätig sein können und bezahlt werden!). Nicht geklärt wurde seitens der Fördergeber_innen leider, welche steuerrechtlichen und in der Folge sozialversicherungstechnischen Folgen dieses Einkommen (von in der Regel maximal 3.000 Euro pro Person) hat. Sind sie einkommenssteuerfrei? Die Länder verweisen auf unterschiedliche Paragraphen und Gesetze, eine ja/nein-Antwort? Gibt es Mitte Juni 2020 nicht. Werden sie von der Notstandshilfe, von der Mindestsicherung abgezogen? Keine Antwort. Sind sie von Personen mit befristetem Aufenthaltsstatus bedenkenlos beantragbar, oder gelten diese Arbeitsstipendien letztlich als Sozialhilfe? Eher ersteres, aber entschieden wird das wohl erst bei anstehenden Verlängerungen von Aufenthaltstiteln.

Einzelne Künstler_innen und Interessenvertretungen im Feld gehen diesen Fragen seit Wochen nach, einfache Antworten gibt es nicht. Es gibt auch keine einzelne Institution, die dies qua Expertise und Entscheidungsbefugnis beantworten könnte, ein Problem, das auch insbesondere bei der Arbeitslosenversicherung kulminiert.

Arbeitslos im Kunst- und Kultursektor

In Zeiten der Erwerbslosigkeit Geldleistungen aus dem AMS zu erhalten ist eine Selbstverständlichkeit für alle, die ihr Geld entlang des Musters »Job – Erwerbslos – Job« verdienen. Kunst- und Kulturschaffende, aber auch viele andere verdienen ihr Geld aber heutzutage in einer Kombination aus selbstständigen und unselbstständigen Tätigkeiten, tageweise Beschäftigungen oder dazu langfristig geringfügig. Problem eins im Sektor ist ganz simpel, dass die Jobsuche nicht am AMS stattfindet – AMS-Betreuer_innen kommen da schneller auf die Idee, Umschulungen oder irgendwelche Jobs weitab der Qualifikationen und Jobwünsche vorzuschlagen, Konkretes für die Situation der Betreffenden haben sie schlicht nicht. Wirklich kompliziert wird es aber mit selbstständigen Einnahmen: Regelungssysteme wie die rollierende Berechnung bei angenommener durchgehender Selbstständigkeit (innerhalb der Zuverdienstgrenzen) basieren auf einem monatlichen Rausschmiss und einer wiederkehrend rückwirkenden Aufnahme ins AMS. Wer einen Monat über die Grenzen kommt, ist bei Feststellung immer schon einen Monat leistungslos. Das Perfide: Selbstständige Einnahmen beziehen sich auf das Jahreseinkommen, auch beim AMS – Leistungen bekommt nur die Person, die das ganze Jahr unter der zwölffachen Geringfügigkeitsgrenze bleibt, selbst wenn es nur um einen Monat Arbeitslosengeld geht. Kleine, über die letzten Jahre erkämpfte Verbesserungen oder auch nur erkämpfte Informationen machen den Zugang zwar leichter, aber nicht unkomplizierter.

Dass eine Pflichtversicherung in einem Versicherungszweig Leistungen aus dem AMS generell ausschließt, gehört zu den am dringendsten zu lösenden Problemen. Alternativ wäre dies via Umweglösung Ruhendmeldung für alle neuen Selbstständigen umsetzbar (gewerblich Selbstständige haben das seit Jahrzehnten). Derart grundlegende Änderungen der Kompatibilitätsprobleme liegen aber auf Eis: Der zuständige Sektionsleiter meint seit zehn Jahren, dass es diese Probleme gibt, Lösungen aber nicht möglich sind. Regierungsseitig war seither auch nie anderes zu hören.

Künstler_innensozialversicherungs fonds (KSVF)

Wenn es um soziale Absicherung der Künstler_innen geht, fällt schnell das Wort KSVF: Der KSVF (gegründet 2001) hat die Aufgabe, Sozialversicherungszuschüsse an selbstständige Künstler_innen zu vergeben – mit einem sehr engen Set an Zugangsbedingungen. Hintergrund war schlicht die Einführung der Pflichtversicherung und damit einhergehend die politische Anerkennung der Tatsache, dass Künstler_ innen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen, von dem nicht in erster Linie sie selbst profitieren – eine Umverteilungsmaßnahme. In den letzten Jahren gab es etliche kleine Verbesserungen, in der Regel leider umgesetzt durch Verkomplizierung statt an grundsätzlichen Schrauben zu drehen; und zwei neue Aufgaben kamen hinzu, deren eine aktuell in der Coronakrise so richtig sichtbar wird: Zum KSVF gehört seit 2015 ein Unterstützungsfonds für Künstler_innen in sozialer Not (eine Aufgabe, die bis dahin die Kunstsektion selbst zu erledigen hatte). Das liefert nicht nur Argumente für die Beschreibung des KSVF als Sozialtopf (was er nicht ist), sondern sorgt auch für einen weiteren Quell ständiger Probleme und kleiner Änderungen – Grundlegendes konnte noch nicht erreicht werden. Symptomatisch: Die jährlich zu vergebende Höchstsumme von 500.000 Euro ist noch nie auch nur annähernd ausgeschöpft worden. Aktuell betreut der KSVF mit dem Covid-19-Fonds einen der Entschädigungs-Töpfe für Künstler_innen – als Parallelstruktur zum Unterstützungsfonds.

Was wäre aber beim KSVF-Zuschuss-System zu tun: Endlich öffnen für alle Tätigen im Kunst- und Kultursektor, eine Abkehr von der qualitativen Bewertung der künstlerischen Arbeit durch Kurien hin zu einer Bewertung der Arbeitssituation, ein Abschaffen der Mindesteinkommensgrenze, um nur drei langjährige Forderungen aus dem Sektor aufzuzählen: Es ist ja auch wirklich zu absurd, dass ausgerechnet die Geringstverdiener_innen ausgeschlossen sind (respektive via zahlreicher Ausnahmebestimmungen detailreich nachweisen müssen, wieso sie vielleicht doch genug verdienen).

Sozialversicherungsprobleme?

Spezifische Probleme der Kunst- und Kulturschaffenden liegen weniger an den Sozialversicherungen selbst, sondern am Zusammenspiel mit anderen Institutionen wie dem AMS oder dem Finanzamt. Allgemeiner Verbesserungsbedarf insbesondere für neue Selbstständige, beispielsweise ein Krankengeld ab dem ersten Tag, steht natürlich auch auf der Wunschliste der Künstler_innen ganz oben.

Kompliziertheit und Inkompatibilitäten führen oft und schnell zu einfachen Forderungen, etwa dem Abschaffen der Mehrfachversicherung oder der Einführung einer Künstler_innensozialversicherung. Beides ist im Rahmen des aktuellen Sozialversicherungssystems sicher machbar – die damit verbundenen Forderungen, eine billigere bzw. einfachere Sozialversicherung für alle im Feld, ist damit aber nicht umsetzbar. Eine Mehrfachversicherung ist für sich genommen allenfalls ein bürokratisches Problem, die Versicherungsbeiträge selbst werden dadurch nicht höher (Sozialversicherungsbeiträge fallen schlicht auf jeden Euro Verdienst an – leider Flattax-artig, aber mit Obergrenze; d. h. Reiche zahlen verhältnis mäßig weniger). Eine eigene Künstler_ innensozialversicherung würde das Problem zunächst nur verschieben: Mehrfach versichert wäre nicht mehr die Schauspielerin, die sowohl angestellt als auch selbstständig ihrer Tätigkeit nachgeht, sondern z. B. die Musikerin, die daneben auch einem Job ausserhalb des Kunstkontexts nachgeht. Dazu kommt das Solidarprinzip in der Sozialversicherung: Eine Sparte mit durchschnittlich sehr niedrigen Einkommen ist schlecht beraten, freiwillig auf die Solidargemeinschaft zu verzichten.

What’s to do?

Zum einen haben Interessenvertretungen in den vergangenen Jahren eine ganze Menge an Detailvorschlägen zusammengetragen – im besten DIY-Sinn wurden viele zu Sozialversicherungs- und oder Steuerexpert_innen, weil die Zuständigen (Politik wie auch Verwaltung) sich kaum für Verbesserungen einsetzen. Zum anderen muss es endlich möglich sein, von Arbeit auch zu leben. Mit dem Schlagwort Fairpay wird auf eine faire und angemessene Bezahlung gedrängt (Mindestlohndebatte aber auch darüber hinaus). Das beinhaltet auch absurde Beschäftigungen mit dem Wettbewerbsrecht (in Österreich wie auch auf EU-Ebene) – eine Honorarempfehlung als Grundlage für Kunst- und Kulturschaffende wie auch deren Auftraggeber_innen ist nicht einfach straffrei zu veröffentlichen. Ein anderer Schauplatz der politischen Auseinandersetzung um Fairpay ist das Urheber_innenrecht: Ein Vertragsrecht für Urheber_innenverträge, angelehnt beispielsweise an das Mietrecht zum Schutz der Mieter_innen, steht seit Jahrzehnten aus, ist derzeit aber zumindest in Ansätzen in greifbare Nähe gerückt.

Eine grundlegend andere Perspektive würde ein bedingungsloses existenzsicherndes Grundeinkommen bringen: Arbeit und Einkommen entkoppeln, mit vielen Einschränkungen aber doch: tun zu können, ohne auf Auftraggeber_innen, Fördergeber_innen, Sponsor_innen Rücksicht nehmen zu müssen. Kein Betteln mehr um 500 Euro Materialkosten, Ringen um Gehalt oder Honorar in Projektanträgen auf Augenhöhe. Alleine dafür lohnt es sich, zu kämpfen. Und dann darum, das Grundeinkommen auch wirklich allen hier Lebenden zukommen zu lassen, und wahrscheinlich um Kämpfe für das Sozialsystem, das mit einem Grundeinkommen sicher unter Druck gerät. Pardon. Nicht unterkriegen lassen!

Clemens Christl arbeitet seit vielen Jahren für den Kulturrat Österreich und ist gelernter Historiker.

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Durch die Eindämmungsmaßnahmen gegen das Corona-Virus erfährt die österreichische Gesellschaft zum ersten Mal seit langer Zeit einen tiefgreifenden Wandel. Mit solchen Schocks kennt sich die Kunst gut aus, und nur mit ihrer Hilfe ließe sich die Krise sinnvoll gestalten. Es sieht leider nicht danach aus.

VON FRANK JÖDICKE

Kurt Waldheim hatte die Angewohnheit, früh aufzustehen und zunächst ganz heiß und dann ganz kalt zu duschen. Andreas Khol sagte ähnliches von sich und damit wäre ausreichend belegt, dass der österreichische Konservativismus ein vegetatives Phänomen ist. Ziel ist es, das sich nachts im »Schlaf der Gerechten« befindliche Bewusstsein am möglichst frühen Morgen in die österreichische Alltagsrealität hinein zu foltern. Damit es dann frisch rasiert am Frühstückstisch sitzen kann, um das Frühstücksei zu genießen, das genauso wie der eigene Geist durch heißes und kaltes Wasser »abgeschreckt« wurde.

Warum ist dies anscheinend nötig? Vermutlich, weil der Alltag nach Betäubung und Folter verlangt. Zugleich erscheint das Immer-Gleiche und zu gering die Hoffnung auf irgendeinen Wandel, der insgeheim auch nicht gewünscht wird. Eine vegetative Existenz fühlt sich dann am wohlsten, wenn alle Fluchttunnel fest verstopft sind. Die Frage danach, ob es irgendwo oder irgendwann etwas Anderes hätte geben können, erübrigt sich so, und die eigene Höhle darf von ganzem Herzen geliebt werden. Aber dann kam das Virus.

Das Veto des Virus

Zum ersten Mal in ihrem Leben haben viele Menschen eine gesellschaftliche Änderung erlebt. Übrigens erleben sie keinen »Ausnahmezustand«, denn alles wird in Österreich vom Epidemie-Gesetz geregelt. Der Staat funktioniert lediglich nach einem etwas anderen Rule-Book. Dennoch war der Alltag von einem Tag zum nächsten keiner mehr. Züge fuhren nicht, die Flugzeuge blieben am Boden, die Menschen durften nicht mehr zur Arbeit gehen. Genau darin darf man einen alten Traum der Kunst erkennen: Der Betrieb steht still und der Alltag ist keiner mehr. Augenblicklich machte sich eine gewisse Nervosität in Vielen breit. Befürchtungen darüber, wie sehr sich die Situation noch verschlimmern könnte. Ein argwöhnischer Blick auf die Regale im Supermarkt. Ist die Versorgung wirklich gesichert?

Ein Baufehler der Mediendemokratie wurde sichtbar. Wenn in den USA, in UK oder auch in Österreich medienschlaue Blender an der Macht sind, dann glaubt man denen (zu Recht) Nichts, wenn sie ihre beschwichtigenden Reden halten. Sebastian Kurz ist ein Mensch, dem zugetraut werden darf, auf einem sinkenden Schiff dessen Fahrtüchtigkeit wortreich zu loben – mit beiden Beinen fest im Beiboot stehend. Die Anfangspanik führte aber zu nichts Schlimmeren als übermäßigem Klopapierkauf und verflog bald, weil der Staat ja doch funktionierte. Aber lag nicht noch tiefer in dieser allgemeinen Unruhe eine Lust am Aufbruch verborgen? Eine allgemeine Frage flüsterte leise in den Herzen: Ändert sich jetzt endlich etwas? Fliegen bald die alten Statuen von ihren Sockeln? Heißt dies vielleicht, dass auch ich selbst anders leben kann und sogar sollte? Wäre nun die Chance dazu?

Woran erkannt man Geschichte?

Aus dem Faktum der Geschichte an sich darf geschlossen werden, dass es ja bereits Änderungen gegeben haben muss. Eine nicht unwichtige Beobachtung für ein betäubtes Bewusstsein. Wie haben sich diese Änderungen in dem Moment angefühlt, als sie passiert sind? Als plötzlich immer mehr Menschen klar wurde, dass es so nicht weitergeht. Dies ist aber allein deswegen schwer vorzustellen, weil es so schwer zu beschreiben ist. Genau hier hat Kunst und künstlerisch-ästhetische Analyse ihren Auftritt.

Wer Kunst schätzt, mag nicht unbedingt den Betrieb. Eine gewisse anarchistische Ader gehört in den Mix, weil diese das Erbe der Moderne ist. Wenn Kunst nicht Kult ist und damit rituelle Wahrung der bestehenden Verhältnisse (was zugegeben einige Jahrhunderte ganz gut funktioniert hat), sondern nun modern ist, dann gibt es nur Sprengung, Auflösung und Hinterfragung. Solange Kunst einen Kult ausstaffiert hat, durfte auch gerne die Herrschaft unterstützt werden. Das alles darf heute als bekannt vorausgesetzt werden. Auch ohne Theorie, denn jedes Werk, das dem Sprengzwang nicht folgt, offenbart sich schnell als muffig und betäubend.

Ohne ein gerüttelt Maß an Anarchie also keine moderne Kunst. Wobei hier die Obrigkeit das Problem ist, nicht aber die Regeln und Ordnung. Dieser Unterschied wird gerne von konservativer Seite verwischt, wo sich die Obrigkeit mit der Ordnung verwechselt. Ruhe und Ordnung ist dann Problem, wenn sie zum Diktat wird. Auch Anpassung ist nicht per se verurteilenswert, denn ein kluges Zusammenleben braucht diese und damit auch eine gewisse Einordnung. Und genau an dieser Stelle wird es knifflig, und hier liegt vielleicht der Grund dafür verborgen, warum auch diese Krise wieder sinnlos verstreichen wird.

Die Änderung, der Aufbruch, die Revolte sind dialektisch rotierend, denn in einer Gesellschaft, in der alles außergewöhnlich sein muss, in der die überhitzte Selbstanpreisung ohne Ausbruch und dauernde Regelverletzung kaum möglich ist, erscheinen die meisten Revolten schnöselig, selbstbezogen und dumm. Tatsächlich müssen wir heute von jedem Buch lesen, es sei bahnbrechend, jeder Film ist eine Offenbarung und das Tanztheater ist sowieso chronisch revolutionär. Belegt wird damit nur eines: die Worte sind abgeschabt, sie meines nichts mehr außer die werbliche Lüge. Allerdings, ohne Worte ist schlecht was sagen.

Analyseopfer Austria

Genau diese Misere zeigt nun wiederum die Kunst selbst auf. Allerdings ist auch hier der Erfolg fraglich. Österreich ist beispielsweise überanalysiert. Das Land wird seit Generationen von Trupps kluger Autor*innen und Künstler*innen durchleuchtet. Vielfach ist das Ergebnis eine Provinzliteratur, die nichts bewirkt.

Warum sich überhaupt mit einer historischen Besonderheit beschäftigen, die zehn Jahre später von niemandem mehr verstanden wird?

Meist liegt der Grund darin, dass in Österreich die letzte Instanz die Touristiker*innen sind. Alles kann zur Außendarstellung des Landes dienen und wird somit gefördert. Die Nestbeschmutzung ist nur eine Ausprägung werblicher Selbstanpreisung. Auch darf ein intellektuelles Publikum nicht mit Lobpreisung gelangweilt werden. Deswegen kommt es gut an, wenn Österreich »pfui gack« erscheint. Genau so weit kam die Revolte der Kunst in Hietzing an.

Nun wohnt aber der Reflexion ja doch eine gewisse Reflexion inne. Und Haslinger, Menasse, Jelinek, Schuh etc. sind Autor*innen, die sich mutig des Provinzthemas Österreich angenommen haben und von denen nicht gesagt werden darf, sie hätten dem Land nicht ordentlich was ins Stammbuch geschrieben. Nur leider war die Versöhnung mit der Verdorbenheit immer schneller als der Schrecken an ihr. Die Covid-Krise zeigt deswegen heute erbarmungslos, wie verfestigt die konservative Mehrheit ist.

Die Sozialist*innen gewinnen einzig dann, wenn sie auf bewahrend machen, und ansonsten gibt es jetzt drei Volksparteien in den Modefarben türkis, pink und grün. Über tiefgreifenden Wandel machen sich alle drei Volksparteien aktuell lustig. Die einen betonen die Wahrung des Bestehenden in einem etwas mehr christlichen Sinn (wobei Christus hier den Erfolg meint), die anderen sind ein bisschen mehr »pro Wirtschaft«, und die letzte Volkspartei macht halt etwas auf Öko, so lange das nur niemandem irgendwie wehtut. Ihr aller Motto aber lautet: keine Experimente! Oben muss oben bleiben und Unten unten.

Is this the End?

Aus dem aufgezwungenen Wandel durch das Virus haben sie nichts gelernt, und sie sind sogar stolz drauf. Die Krise wurde quasi überwältigt. Heißes Bad, kaltes Bad, und alles ist wieder beim Alten. Die Volksparteien haben auch ein anderes gemeinsames Kriterium: Kunst ist ihnen komplett blunzn. Wer an der Macht ist, lässt gerne die Hofkasper aufkreuzen, aber will sich bloß nicht mehr in Diskussionen verwickeln lassen, die gefährlich werden könnten. Der technokratische Machterhalt verlangt die vage Formel, die nichts anderes meint als: »Vertrauen Sie mir«. Darüber hinaus wird alles im getäfelten Hinterzimmer ausgedealt. Dass die Grünen hierbei allenfalls am Katzentisch mit dabeisitzen, scheint sie wenig zu stören. Den Revolutionsdiskurs (der eben jener der Kunst wäre) trotz aller seiner kniffligen, dialektischen Widersprüche verbieten sich die Machthaber*innen, und sie fahren anscheinend gut damit.

Und dennoch. Die nach wie vor größte Sünde für Künstler*innen ist das verstockte Herz. Wir dürfen uns heute ziemlich sicher sein, dass nie jemand Christus am Wegesrand hat stehen sehen, die Aufgabe für die Kunst war und ist es aber, dies zumindest für möglich zu halten. Das Leben von Künstler*innen mag sinnentleert erscheinen und ihre Kunstübung ermüdend öde, dennoch sollten sie etwas in sich bewahrt haben, das es für möglich hält, dass sich eines Tages doch noch etwas fundamental ändert. Zur aktuellen Situation in den USA meinte der marxistische Theologe Cornel West sinngemäß: »Wir können nur über die Kunst unsere wichtigen Anliegen kommunizieren, ohne die bleibt alles theoretisch und nur für winzige Kreise interessant. Unsere wichtigste Botschaft ist, dass wir fest daran glauben, jetzt eine bessere Welt erreichen zu können.« Vielleicht tut sich ja doch genau jetzt etwas, vielleicht werden jetzt uralten Fesseln abgelegt und vielleicht hören jetzt, im Zeitalter des Virus, viele den Weckruf. Allerdings, ohne den afrofuturistischen Beat von Bootsy Collins wird es vielleicht nicht gehen, denn ohne den bleiben doch alle wieder bewusstlos-trüb im Bett liegen und müssen sich morgens nach dem Aufstehen erst einmal foltern. Für Österreich ist es also noch ein weiter Weg.

Frank Jödicke ist Chefredakteur von skug, dem Magazin für Musikkultur (www.skug.at). Den Lock-Down mit zwei kleinen Kindern im Home-Office hat er gerne hinter sich und freut sich sehr, dass es BAM!, das Bündnis alternativer Medien, gibt.

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