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Unpassend zum 75. Jahrestag der Befreiung wurde eine Jahrzehnte alte Forderung der KPÖ erneut abgelehnt. Die Entscheidung traf ein Geheimausschuss der Stadt Wien, basierend auf einem geheimen Gutachten.

Von Manfred Mugrauer

Die KPÖ startete erstmals im Jahr 1976 die Initiative, eine öffentliche Fläche oder ein Wohnhaus in Wien nach ihrem langjährigen Vorsitzenden Johann Koplenig (1891–1968) zu benennen. Dieser stand von 1924 bis 1965 an der Spitze der Partei. Als die KPÖ im April 1945 gemeinsam mit SPÖ und ÖVP die Zweite Republik mitbegründete, gehörte Koplenig als Staatssekretär ohne Portefeuille der Provisorischen Regierung an. Bis 1959 war er Abgeordneter zum Nationalrat. Im Juli 1977 begründete der damalige Wiener Bürgermeister Leopold Gratz (SPÖ) seine Ablehnung damit, dass noch mehr Zeit zu den Jahren 1945 und 1955 vergehen müsse, bis ein solcher Schritt möglich werde. Offenbar ist auch im Jahr 2020, exakt 75 Jahre nach der Befreiung Österreichs vom Faschismus, noch nicht genügend Zeit vergangen, eine entsprechende Ehrung Koplenigs umzusetzen.

Beschlüsse der Bezirksvertretung

Zunächst kam im Jänner 1988 – anlässlich des bevorstehenden 50. Jahrestags des »Anschlusses« Österreichs an das Deutsche Reich – Bewegung in diese Angelegenheit: Damals fand ein Antrag der beiden grünalternativen Bezirksräte von Wien-Brigittenau, eine Verkehrsfläche nach Johann Koplenig zu benennen, die Zustimmung aller fünf Parteien der Bezirksvertretung, also – neben SPÖ, Grünalternativen und KPÖ – auch jene von ÖVP und FPÖ. 30 Jahre später, am 21. November 2018, wiederholte sich dieses Procedere: Mit den Stimmen von SPÖ, Grünalternativen, NEOS und einer Bürgerliste (die KPÖ bzw. Wien Anders sind in der Brigittenauer Bezirksvertretung nicht vertreten) wurde ein Antrag beschlossen, einen Teil des Höchstädtplatzes nach dem KPÖ-Politiker zu benennen. Dem vorausgegangen war ein beharrliches Lobbyieren der KPÖ Brigittenau für den »Johann-Koplenig-Platz«.

Ein wesentlicher Unterschied der Initiative des Jahres 1976 zu jenen von 1988 und 2018 besteht darin, dass es der KPÖ zunächst um eine Umbenennung des Höchstädtplatzes ging, wo sich bis 1992 die Parteizentrale befand. Der Platz erinnert an den Ort jener Schlacht, in der Prinz Eugen 1704 im Spanischen Erbfolgekrieg über die Truppen Frankreichs und Bayerns siegte. Da ein solcher Schritt jedoch mit Kosten für die AnrainerInnen verbunden wäre, ist eine Umbenennung einer Verkehrsfläche in Wien de facto nicht durchzusetzen. Aus diesem Grund zielten die späteren Beschlüsse der Bezirksvertretung darauf ab, nur einen Teil des Höchstädtplatzes – nämlich jenen, auf dem sich ein Denkmal für Koplenig befindet – nach ihm zu benennen. Mit einer solchen Maßnahme wären keine Adressänderungen und keine Neubeschilderungen verbunden.

Sowohl 1988 als auch 2018 wurde als Begründung für die beabsichtigte Benennung hervorgehoben, dass Koplenig als Vizekanzler der Provisorischen Regierung ein Mitunterzeichner der Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 war und darin auch die Verdienste der KPÖ im antifaschistischen Widerstand und um die österreichische Unabhängigkeit zum Ausdruck kämen. Nichtsdestoweniger folgten in beiden Fällen wie auf Knopfdruck antikommunistische Reflexe: 1988 warnte der damalige ÖAAB-Landessekretär vor einer »Verewigung des Möchtegern-Stalins« und empfahl der SPÖ, sich vom »Antifaschismus-Weihrauch« nicht »völlig benebeln zu lassen«. 30 Jahre später rückten mit Andreas Unterberger und Christoph Ortner zwei altbekannte Speerspitzen der Reaktion aus, um Koplenig eine Mitverantwortung »für die millionenfachen Morde des Stalinismus« anzulasten. 1988 wie 2018 wurde die Legende vom versuchten »Kommunistenputsch« im Oktober 1950 aufgewärmt, für den Koplenig verantwortlich gemacht wurde. »Alle Linken sind gut und alle anderen sind böse und Nazi«, ließ Unterberger aus seinem politischen Online-Paralleluniversum Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) als dessen angebliches politisches Motto ausrichten.

Stadt versus Bezirk

Eine weitere Parallele zwischen 1988 und heute besteht zuletzt darin, dass die Brigittenauer Initiative jeweils am Straßenbenennungsausschuss der Stadt scheiterte. So wurde Ende Februar dieses Jahres bekannt, dass der Unterausschuss für Verkehrsflächenbenennungen den Antrag der Bezirksvertretung des 20. Bezirks vom November 2018 abgelehnt habe. Die Öffentlichkeit wurde nur deshalb über diesen Beschluss in Kenntnis gesetzt, weil Bezirksvorsteher Hannes Derfler (SPÖ) am 19. Februar eine diesbezügliche Anfrage in der Sitzung der Bezirksvertretung zu beantworten hatte.

Die Anfrage kam vom parteifreien Bezirksrat Erwin Krammer (bis 2017 NEOS), der es sich aufgrund seiner politischen Bedeutungslosigkeit zur Lebensaufgabe gemacht hatte, gegen den geplanten Koplenig-Platz ins Feld zu ziehen. Ende November 2018 mobilisiere er die »Kronen-Zeitung« und kritisierte Rot-Grün dafür, »kommunistisch-marxistischen Massenmördern« Denkmäler setzen zu wollen. In den folgenden Monaten packte er im Verlauf einer Pressekampagne sein gesamtes Oberstufenwissen über den Kommunismus aus, mit bemerkenswertem Mut zur Lücke. So entblödete er sich nicht, Koplenig dafür anzuprangern, bis 1945 in Moskau »in einer warmen Stube« gesessen zu sein und Beiträge für Radio Moskau gesprochen zu haben. Mit diesem Vorwurf zielte der Sales Manager einer großen österreichischen Bank darauf ab, auf das angeblich privilegierte Los der antifaschistischen ExilantInnen und Vertriebenen gegenüber ihren kriegsgebeutelten Landsleuten anzuspielen. Dass Koplenig Vorsitzender jener Partei war, die im antifaschistischen Kampf den größten Blutzoll zu entrichten hatte, und er in seinen Radiobeiträgen zum Widerstand gegen den Hitlerfaschismus aufrief, vergaß Krammer zu erwähnen.

Empört reagierte die KPÖ Brigittenau auf die bekannt gewordene Ablehnung durch das Rathaus. Bürgermeister Ludwig habe mit dieser Aktion seinen Parteifreund Derfler »auflaufen« lassen, so die kommunistische Bezirksorganisation in einer ersten Stellungnahme. Dem Vernehmen nach hatte die Rathaus-SPÖ gegenüber dem Brigittenauer Bezirksvorsteher ihr Einverständnis signalisiert, nach Jahrzehnte langer Obstruktion nun doch einen Teil des Höchstädtplatzes nach Johann Koplenig zu benennen. Andernfalls ist es auch kaum erklärbar, dass die SPÖ Brigittenau selbst im November 2018 einen dahingehenden Antrag in der Bezirksvertretung einbrachte.

Geheimsache Koplenig

Was die SPÖ letztlich zu einem Umdenken bewog, bleibt ebenso rätselhaft wie mehrere andere Umstände der Ablehnung. Fest steht, dass die Benennung neuer Verkehrsflächen vom Gemeinderatsausschuss für Kultur und Wissenschaft beschlossen wird. Dem gehen ein Erhebungsverfahren der Kulturabteilung (MA 7) der Stadt Wien und eine Vorberatung im Unterausschuss für Verkehrsflächenbenennungen voraus. Eben dieser Ausschuss hat sich nun gegen Koplenig ausgesprochen, wobei laut einem Online-Bericht der Gratiszeitung »Heute« ein Gutachten der MA 9 (Wienbibliothek) ausschlaggebend gewesen sein soll. In diesem Papier wird wörtlich zu bedenken gegeben, dass Koplenig »zeit seines Lebens die totalitäre Ideologie des Kommunismus sowie die Politik der Sowjetunion auch unter der Terrorherrschaft Stalins bedingungslos unterstützt« habe und – horribile dictu – sein Ziel die »Diktatur des Proletariats« gewesen sei. Angesichts der Tatsache, dass von den HistorikerInnen der Wienbibliothek ein Minimum an wissenschaftlichem Anspruch erwartet werden kann, drängte sich die Frage auf, ob es sich hierbei tatsächlich um die offizielle Begründung der Ablehnung durch den Unterausschuss handelt, oder ob diese erstaunlich Argumentation womöglich durch andere Passagen im genannten Gutachten relativiert wird. Dies herauszufinden war jedoch trotz intensiver Recherchen genauso unmöglich wie Näheres über den Unterausschuss selbst in Erfahrung zu bringen.

Weder aus der Informationsdatenbank des Wiener Landtages und Gemeinderates noch in den zugänglichen Protokollen lassen sich Informationen darüber gewinnen, wie sich der Unterausschuss für Verkehrsflächenbenennungen konkret zusammensetzt und welche Beschlüsse er wann genau gefasst hat. Eine Anfrage im Büro der zuständigen Stadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ), wieviele stimmberechtige und beratende Mitglieder ihm angehören und wie genau das Abstimmungsergebnis über den Johann-Koplenig-Platz lautet, hat immerhin ergeben, dass zehn (namentlich nicht genannte) Mitglieder aller im Wiener Gemeinderat vertretenen Parteien dieses Gremium formieren und dessen Entscheidung einstimmig – also auch mit den Stimmen von SPÖ und Grünen – gefasst worden sei.

Darüber hinaus kann das am 5. März ausgefertigte Schreiben der zuständigen Abteilungsleiterin und der Leiterin des Referats »Kulturelles Erbe« als Musterbeispiel einer wenig informierten und wenig konstruktiven – und damit letztlich auch ineffizienten – Verwaltung gelten, wurde darin doch erschöpfend darüber informiert, aus welchen Gründen eine »Umbenennung« des Höchstädtplatzes grundsätzlich nicht in Frage komme, obwohl der zuständigen Behörde bekannt sein sollte, dass der Antrag der Brigittenauer Bezirksvertretung nicht auf eine Umbenennung, sondern auf die Benennung einer Teilfläche abzielte. Insofern gingen sämtliche Belehrungen über die »weitreichenden Konsequenzen für die betroffenen BewohnerInnen und Unternehmen« ebenso am Kern der Sache vorbei wie der groteske Hinweis, dass »Firmen die komplette Korrespondenz und Aufschriften auf Firmenfahrzeugen ändern müssten«. Kein Wort wurde jedoch über das Gutachten der MA 9 verloren, um dessen Übermittlung gebeten worden war, um eine transparente Auseinandersetzung über diese zu einem Politikum gewordene Angelegenheit zu ermöglichen. Einzuwenden wäre ferner, dass das Procedere einer Teilbenennung eines Platzes in Wien bereits erprobt wurde, etwa beim Helmut-Zilk-Platz als Teil des Albertinaplatzes, also selbst rein formale Ablehnungsgründe ins Leere führen.

Der Eindruck, dass geschichtspolitisch weitreichende Entscheidungen in Wien von geheimen Ausschüssen getroffen werden, wurde in weiterer Folge bestätigt. Die Sitzungen der Gemeinderatsausschüsse und -unterausschüsse seien nicht öffentlich, weshalb „auch deren Beschlüsse, wie die Einrichtung eines Unterausschusses für Verkehrsflächenbenennungen sowie dessen Mitglieder nicht öffentlich“ seien, wie die zuständige Referatsleiterin und Abteilungsleiterin informierten. Die konkrete Nachfrage, ob sich die in »heute.at« zitierte Begründung tatsächlich im Gutachten der MA 9 finden lasse, blieb erneut unbeantwortet, weshalb weiter der Verdacht im Raum stehen bleibt, dass die konsultierten ExpertInnen der MA 9 gut beraten wären, das aktuell verordnete Home-Office dafür zu nutzen, online einen Taferlklassler-Grundkurs »Politische Bildung« zu absolvieren.

Eine Mauer des Schweigens wurde jedoch nicht nur vom Wiener Rathaus aufgebaut: Hatten sich die Brigittenauer Bezirksgrünen im November 2018 noch über den antikommunistischen Fanatismus von Bezirksrat Krammer lustig gemacht und die antifaschistischen Verdienste Koplenigs betont, war dem Grünen Rathausklub keine Stellungnahme zu entlocken, ob und warum Koplenig im Unterausschuss die Zustimmung verweigert wurde. Dasselbe gilt für den Sinneswandel der SPÖ. Erübrigt hatte sich eine Anfrage bei den NEOS, die zwar den Beschluss der Brigittenauer Bezirksvertretung mitgetragen hatten, in einschlägigen Facebook-Postings aber frühzeitig durchklingen ließen, einem Koplenig-Platz im Kulturausschuss letztlich nicht zuzustimmen. Von der Bezirksvertretung wiederum war nicht in Erfahrung zu bringen, ob und mit welcher inhaltlichen Begründung der Unterausschuss seine Ablehnung in Richtung Brigittenau kommunizierte. Zuletzt war auch die »Heute«-Redaktion zu keiner Auskunft darüber bereit, auf welcher Grundlage wörtlich aus einem nicht öffentlichen und von der MA 7 für geheim erklärten Gutachten zitiert werden konnte. In Summe läuft die Geheimniskrämerei darauf hinaus, eine seriöse Auseinandersetzung über diese geschichtspolitisch brisante Ablehnung des Koplenig-Platzes zu verhindern, obwohl im 75. Jahr der Befreiung Österreichs zweifelsohne ein öffentliches Interesse daran vorhanden sein sollte.

Verweigerte Anerkennung

Es greift dennoch zu kurz, allein plumpen Antikommunismus für die Ablehnung des Johann-Koplenig-Platzes verantwortlich zu machen. Peter Autengruber, Herausgeber des Lexikons der Wiener Straßennamen, hat in einem aktuellen Beitrag in den »Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft« insgesamt 41 Verkehrsflächen festgestellt, die in Wien nach KommunistInnen benannt wurden. Bemerkenswerterweise fanden 21 – also mehr als die Hälfte – der bisherigen Benennungen in den letzten 20 Jahren statt, was insgesamt von einer Entspannung des in den Jahrzehnten davor dominierenden Antikommunismus zeugt. Nicht zu übersehen ist jedoch die Tatsache, dass fast alle dieser Verkehrsflächen nach kommunistischen Opfern der NS-Justiz und nach solchen KommunistInnen benannt wurden, die sich in weiterer Folge wieder von der KPÖ abwandten. Bei diesen Personengruppen findet der im Gutachten genannte Maßstab einer »totalitären Ideologie« offenbar keine Anwendung. Für sie gilt nicht, dass die Haltung zur Sowjetunion zum wichtigsten Entscheidungskriterium erhoben wird.

Demgegenüber würde ein Platz für Johann Koplenig, den damaligen Vorsitzenden und wichtigsten Repräsentanten der Partei, eine Anerkennung nicht nur des antifaschistischen Widerstands der KPÖ, sondern auch ihrer Aufbauleistungen nach 1945 bedeuten. Vor einem solchen Schritt schreckt die SPÖ auch im Jahr 2020 weiterhin zurück. Die KPÖ war die einzige politische Kraft, die im März 1938 zum Kampf für die Wiederherstellung eines selbstständigen demokratischen Österreich aufrief. In den folgenden Jahren trug sie die Hauptlast des antifaschistischen Widerstandskampfes. Folgerichtig trug die Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945, in der der »Anschluss« für null und nicht erklärt wurde, auch die Unterschrift ihres Vorsitzenden Koplenig. Wenn dieser Tage der Unterzeichnung dieses Gründungsdokuments der Zweiten Republik gedacht wird, werden sämtliche im Rathaus vertretene Parteien daran erinnert werden müssen, dass sie der KPÖ geradezu demonstrativ eine Anerkennung ihrer geschichtlichen Leistungen verwehrt haben.

Weblinks:

https://www.meinbezirk.at/brigittenau/c-lokales/wirbel-um-platzumbenennung-nach-einstigem-kpoe-chef-johann-koplenig_a3150684

https://www.heute.at/s/spo-grune-derfler-krammer-brigittenauumbenennung-rathaus-lehnt-spo-wunsch-ab-46232537

https://www.wienerzeitung.at/meinung/kommentare/2051863-Kein-Platz-fuer-Koplenig.html

http://www.kpoe.at/innenpolitik/landespolitik/2020/die-kalten-krieger-im-wiener-rathaus

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Ist das moderner Kannibalismus, ohne sich schmutzig zu machen? Die psychiatrischen und psychosomatischen Rehas und Stationen sind voll mit diesen Menschen – im Volks­mund heißt es Burnout, aber es ist viel mehr als das.

VON MARTINA WITTELS

1. Wer ist krank? Ich? Krank bin ich nicht, das ist nur der Körper, der nicht mehr so möchte, wie ich. Das ist alles. Ich bin fleißig, so war ich immer, eigentlich seit ich denken kann. Niemand hat je gefragt, wie das alles zu schaffen sei. Ich bin mit zehn Jahren schon in der Kälte im Hof gestanden und habe Holz gehackt oder Wäsche gewaschen. Das war keine Frage von Können, das war eine Frage von Wat­schen oder keine Watschen. Aber jetzt bin ich ein Nichts, denn der Körper macht nicht mehr mit. Ich will ja und ich könnte auch, aber er, der Falott, macht schlapp. Seitdem fühle ich mich nutzlos und muss weinen, wenn ich daran denke, was ich frü­her mühelos in derselben Zeit erledigt habe. Zu Hause hat mein Mann, weil ich ihn gebeten habe, den Geschirrspüler auszu­räumen, zu mir gesagt: »Ich bin nicht Deine Putze! – na ja, irgendwie hat er ja recht. Er hat nie im Haushalt geholfen, warum sollte er jetzt wissen, wie das geht?

2. Ich arbeite in der Reinigung und habe zehn Studentenheime betreut. Das hat immer perfekt geklappt. Ich habe meine Mitarbeiterinnen gut koordiniert und der Chef hat zu Weihnachten regelmä­ßig das höchste Lob über uns ausgeschüt­tet. In den Sommermonaten haben wir die Zimmer der Studentenheime an Gäste ver­mietet, da konnte ich mehr Personal ein­stellen, und auch das hat gut geklappt. Alles hat funktioniert wie am Schnürchen.

Ich bin aus Bosnien und vor dem Krieg schon nach Österreich gekommen. Ein Neffe von mir ist im Krieg getötet worden, er war erst sieben Jahre, aber sonst habe ich keine Menschen aus meinem näheren Umfeld verloren. Ja, von Nachbarn und Bekannten gab es Berichte, aber nicht innerhalb meiner Familie.

Ich habe zwei Kinder und habe fast durchgehend Vollzeit gearbeitet, es hat mir Freude bereitet und ich habe trotzdem alles für die Familie gegeben. Mein Mann wollte sich scheiden lassen, seit Jahren spricht er schon davon. Ich habe die Familie stets hochgehalten und hätte alles für ihren Fortbestand getan, aber vor ein paar Wochen hat es mir gereicht und ich habe mir die Scheidungspapiere geholt und sie unterschrieben. Jetzt sind wir geschieden und ich bin traurig.

Seit ein paar Monaten bin ich krankge­schrieben. Mein Chef hat seine Frau zu sei­ner Stellvertreterin gemacht, seitdem ist sie mir ständig in die Quere gekommen und hatte an Abläufen, die vorher für alle gepasst haben, etwas auszusetzen. Sie hat begonnen, mir überall dreinzureden, sie wollte sich profilieren. Mir haben die Worte gefehlt, auch in Bosnisch. Ich habe mich nicht verteidigen können und habe eines Tages unter Tränen meinem Chef die Schlüssel – das waren viele, ich hatte Schlüssel für alle Studentenheime und für alle Zimmer – auf den Tisch gelegt und bin gegangen. Seitdem hat er versucht, mich zurückzuholen, aber er hätte nichts an der Situation mit seiner Frau geändert. Ich kann das nicht. Ich habe sehr viel gearbei­tet und ich habe sehr gut gearbeitet. Jetzt kann ich nicht mehr. Ich schlafe schlecht, ich bin traurig, nichts interessiert mich mehr und ich bin mutlos geworden. Das war ich nie, ich war immer eine starke Frau!

3. Ich war nach der Umschulung in der Altenbetreuung tätig. Da war ich schon 38 Jahre, als ich im Heim begonnen habe, und ich habe die alten Menschen geliebt. Sie brauchen Schutz und ich redete gerne mit ihnen, ich hörte ihnen gerne zu, sie haben so viel erlebt und so viel Erfah­rung, und nun welken sie dahin. Sie brau­chen unsere Anerkennung. Aber ich konnte nicht länger bei meinen Alten stehen blei­ben und ihnen meine Aufmerksamkeit schenken, denn ich musste jeden Handgriff dokumentieren und mich rechtfertigen, wenn ich zum Waschen statt neun Minuten zwölf gebraucht hatte. Stellen Sie sich das vor. Neun Minuten zum Waschen eines ganzen Menschen. Sie können erahnen, wie das abgelaufen ist. Und dann kam die Che­fin, eine 36-jährige Madame, die aufsteigen wollte und der es nur wichtig war, die Vor­gaben ihrer Vorgesetzten zu erfüllen. Sonst wär’s ja auch mit dem Aufstieg vorbei gewesen. Manchmal war sie sogar ganz nett und sagte, sie verstehe schon, dass es nicht zu schaffen sei, aber die Vorgaben seien eben so und basta. Wer das nicht einsehe, könne ja gehen. Die hat leicht lachen mit ihren 36 Jahren, aber ich, was soll ich machen, ich bin jetzt 54! Wohin soll ich wechseln? In ein anderes Heim, in dem es genauso ist wie hier? Manchmal geraten ganz junge Menschen in die Altenpflege, die lachen anfangs viel und scherzen mit den Alten, aber die verstehen das gar nicht, ist ihnen alles zu schnell, zu verschieden. Beim dritten Wochenende, an dem jemand von den Jungen einspringen musste, weil eine Kollegin erkrankt ist, sind die wieder weg. Klar, die lassen sich ihre Freizeit nicht durch den Job vermasseln. Ich habe zu allem Ja und Amen gesagt und habe die Not der anderen verstanden, auch die der Che­fin. Immer war ich die erste, die sie anrief, wenn jemand ausfiel, und nie habe ich sie im Stich gelassen. Das habe ich 16 Jahre durchgehalten. Mein Mann und meine Kin­der haben oft gefragt, ob ich nicht weniger arbeiten wolle, aber wer hätte den Kredit abbezahlt? Heute sind wir schuldenfrei. Dann habe ich einen Bandscheibenvorfall bekommen mit rasenden Schmerzen im Bein. Ich habe wirklich nicht mehr können. Zwei Tage habe ich es noch mit Schmerz­mittel versucht, aber am Abend habe ich geweint, so weh hat das getan. Dann bin ich in Krankenstand gegangen und habe Phy­siotherapie angefangen. In der dritten Woche habe ich einen Brief bekommen – die Kündigung. Seitdem erhole ich mich nicht mehr. Ich weine und weine, ich kann es einfach nicht fassen. Nach 16 Jahren mit all meinem Einsatz und meiner Hilfsbereit­schaft, nach all den Nachtdiensten, für die ich eingesprungen bin. Kein persönliches Wort – ein Zweizeiler – Ende.

* * *

Drei Geschichten, die Auswirkungen von Dauerbelastung spiegeln. Das menschliche Stresssystem ist ein uraltes und es hat sich entwickelt, um das Überleben zu sichern: Angriff, Flucht oder Erstarrung. Mehr gibt es nicht, mehr braucht es nicht. Die Menschheit hat mit diesen drei Fähigkeiten überlebt, lange bevor das Großhirn wach­sen konnte. Nicht gefressen zu werden, nicht aus den Bäumen zu fallen und sich verschiedensten äußeren Bedingungen anzupassen – diese waren die wesentlichen Leistungen. Die kürzeste Zeit in der Menschheitsentwicklung fürchten sich Menschen vor Vorgesetzten und werden durch die Zeitmangel gedreht. Sie haben den Kampf der Unterdrückten um Gerech­tigkeit abgeschrieben und bangen um ihre Zukunft, mit allem Reichtum, Konsum, Wohlstand und einem funktionierenden Sozial- und Gesundheitssystem. Dauerhaf­ter Stress ist dennoch nichts, womit der Körper zurechtkommt, ohne dauerhaft Schaden zu nehmen.

Die Bereitstellung von vermehrter Ener­gie, um ein Projekt oder eine besondere Arbeitsaufgabe zu schaffen, setzt voraus, dass es sich um einen begrenzten Zeitraum handelt und Aussicht auf Bewäl­tigung besteht. Nach Vollendung stellt das Belohnungssystem Dopamin zu Verfügung; es durchflutet das Gehirn und ein Gefühl von Sicherheit und Zufriedenheit stellt sich ein. Danach kann das System seine zusätzlichen Energiereaktoren herunterfahren und sich erholen.

Geht man in eine Bar und bestellt Moji­tos, wird man den Barkeeper beobachten können, wie er mit einem Holzklöppel den Limetten zu Leibe rückt, um damit den köstlichen Saft aus ihnen zu stampfen. Er würde niemals für den nächsten Drink die­selben Limetten nochmals auszupressen versuchen. In der heutigen Arbeitswelt, besonders in den Bereichen, in denen wenig ausgebildete Frauen arbeiten, wird hingegen versucht, immer noch ein paar Lebenstropfen, Leistungstropfen aus den bereits Erschöpften herauszuquetschen. Und sie sind willig, sie wollen den Lebens­saft hergeben unter allen Umständen unter Aufwendung der unmenschlichsten Kraft, denn es ist das, was von ihnen verlangt wurde und wird und was sie von sich selbst erwarten: alles zu schaffen, gleichgültig, wie schwer und unmenschlich der Aufwand sein mag.

Bei dauerhaft anhaltendem Stress – Aktivierung des sympathischen Nerven ­systems – wird das Regulationssystem zwischen Anspannung und Entspannung dereguliert. Verschiedene Hormone stellen die Energie fürs Überleben bereit, aber es kommt nicht zur Flucht, es kommt nicht zum Kampf, diese Reaktionen werden der gesellschaftlichen Norm geopfert – sicher zu Recht, sonst gäbe es Mord und Totschlag –, aber es kommt dadurch zu keiner Entladung dieser massiven Mobilisierung von Kraft und muskulärer Anspannung. Die Reaktion, die in unserer Gesellschaft sehr gut erhalten blieb, ist die Erstarrung – das Totstellen. Nach jahrelangen übergroßen Anstrengun­gen, dem Druck standzuhalten, zu funktio­nieren und das Erwartete zu »bringen«, saust die nervliche Übererregung ins Gegen­teil – in eine parasympathische Starre –, und die Menschen fühlen sich wie tot, leer, erschöpft, fühllos, wie Hüllen, innerlich auf­gefressen. Ist das moderner Kannibalismus, ohne sich schmutzig zu machen?

Die psychiatrischen und psychosomati­schen Rehas und Stationen sind voll mit diesen Menschen – im Volksmund heißt es Burnout, aber es ist viel mehr als das. Es ist eine potentielle Lebensbedrohung, denn im Körper kommt es zu konstant am Köcheln gehaltenen Entzündungsreaktionen, zur Schwächung des Immunsystems, zu Dys ­regulation von Blutdruck und Puls, und dies führt wiederum zu vielen anderen Erkran­kungen. Belastungen sind wie Samenkörner, die auf einen fruchtbaren oder weniger fruchtbaren Boden fallen und dort entspre­chend der Vorbelastungen und der aktuel­len Bedingungen aufgehen, wuchern oder begrenzt werden können. So schrecklich die Auswirkungen des COVID 19 Virus ist, die gesellschaftliche Ruhe, die es bewirkt, ist wohltuend. Leider wird nachher das Schwungrad doppelt und dreifach so schnell gedreht werden, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Aber vielleicht, wenn die Qua­rantäne noch länger dauert, können sich einige erschöpfte Menschen jetzt gerade erholen.

Dr. Martina Wittels, Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin, Fachärztin für psychosomatische und psychotherapeutische Medizin (in D), arbeitet im Kardinal Schwarzenberg-Klinikum im Pongau.

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Seelisches Leid und der Wunsch nach einem gelingenden Leben.

VON EVA LEUTNER

Das Leben hierzulande als psychisch kranker Mensch ist ein individuelles Projekt, das Großteils von Stigma und Scham geprägt ist. In vielen Fällen sind manifeste Armut, Diskriminierung und Exklusion die Folge. Mit Manfred Lütz bleibt zu ergänzen: »Wenn man als Psychiater und Psychotherapeut abends Nachrichten sieht, ist man regelmäßig irritiert. Da geht es um Kriegshetzer, Terroristen, Mörder, Wirtschafts­kriminelle, eiskalte Buchhaltertypen und schamlose Egomanen – und niemand behandelt die. Ja, solche Figuren gelten sogar als völlig normal. Kommen mir dann die Menschen in den Sinn, mit denen ich mich den Tag über beschäf­tigt habe, rührende Demenzkranke, dünnhäu­tige Süchtige, hochsensible Schizophrene, erschütternd Depressive und mitreißende Mani­ker, dann beschleicht mich mitunter ein schlim­mer Verdacht: Wir behandeln die Falschen! Unser Problem sind nicht die Verrückten, unser Problem sind die Normalen!«1

Vergangenheit wissen, um Gegenwart zu begreifen

Die Beziehungen von Menschen, Organi­sationen und Institutionen werden über­wiegend von den Interessen derjenigen bestimmt, die über Kapital und Macht verfügen.

Die Geschichte der Versorgung von psy­chisch kranken Menschen legt, so wie das in allen gesellschaftlichen Bereichen der Fall ist, die jeweiligen Machtverhältnisse und die damit verbundenen Werthaltun­gen offen.

Vor der Zeit der Aufklärung wurden die »Irren« in »Tollhäusern« untergebracht und mit Eisenketten an Pritschen gefesselt. Mit der Aufklärung und ihrem zentralen Begriff der »Vernunft« setzte sich langsam die Idee durch, dass Irresein heilbar ist, die Rückführung der »Unvernünftigen« zur Vernunft schien machbar. Die Verrückten wurden als kranke Menschen anerkannt, die einer ärztlichen Behandlung bedürfen, Gewaltanwendungen an ihnen wurden nachweislich reduziert.

Mit dem Übergang zum industriellen Zeitalter änderten sich auch die Prioritäten staatlicher Fürsorgepolitik. Die Separation der psychisch kranken Menschen von den »Normalen« war die neue Stoßrichtung, die häusliche Betreuung wurde durch die zunehmende Urbanisierung erheblich schwieriger. Die Folge war eine perma­nente Überbelegung der Irrenhäuser, die letztendlich in der Anstaltspsychiatrie endete. Die Behandlung der Menschen erfolgte also außerhalb ihres sozialen Umfeldes, die Konsequenzen dieser Politik, dieses separierenden und verwahrenden Charakters der Krankenbehandlung, ist bis heute eine wesentliche Grundlage für Stigma und Diskriminierung.

Bereits vor dem 1. Weltkrieg wuchsen zarte Pflänzchen einer »Sozialen Psychia­trie«, deren VertreterInnen dafür plä­dierten, Unterstützungsmaßnahmen auch gemeindenah, außerhalb der Anstalten auf­zubauen. Durch den Krieg rissen diese reformerischen Ansätze ab. Die von den Herrschenden eingeforderte »Gefechtsbe­reitschaft für den Krieg« befeuerte Kon­zepte über die Nutzlosigkeit von psychisch kranken und behinderten Menschen, Sozi­aldarwinismus und Degenerationslehre waren Futter für die sich ausbreitende Menschenfeindlichkeit.

Das nahmen die NationalsozialistInnen begierig auf und setzten es mit mörderi­scher Konsequenz zuerst durch Zwangsste­rilisierungen und dann durch tausende Morde im Rahmen des »Gnadentoderlas­ses« um.

Aktuelle Herausforderungen

Am 26. September 2008 wurde die »UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen« von Österreich ratifi­ziert. Österreich hat sich damit verpflich­tet, diese Bestimmungen umzusetzen.

Der zentrale Begriff dieser Konvention ist »Inklusion«. Inklusion ist vorwiegend eine Anpassungsleistung der Gesellschaft, während sich beim Integrationskonzept der Mensch an die vorhandenen Struktu­ren anzupassen hatte. Es distanziert sich von einem paternalistisch orientierten Fürsorgegedanken. Dieses Konzept sollte aus meiner Sicht für alle Menschen gültig sein, nicht nur für Menschen mit Behinde­rung. Es geht letztendlich um eine Akzep­tanz der Vielfalt des Seins.

Am Arbeitsmarkt hat sich diese österrei­chische Verpflichtung zur UN-Konvention jedoch noch nicht herumgesprochen: Trotz Zeiten der Hochkonjunktur waren Menschen mit Behinderungen bzw. auch Menschen mit gesundheitlichen Vermitt­lungseinschränkungen deutlich häufiger und länger von Arbeitslosigkeit betroffen als Menschen ohne diese Handicaps.

Und trotz dieser Tatsachen werden aktu­ell arbeitslose Menschen aufgrund ihrer Vermittlungswahrscheinlichkeit vom AMS mittels Algorithmus unterteilt und unter­schiedlich behandelt: Klasse A (rasch ver­mittelbare Servicekunden), Klasse B (Betreuungskunden mit mittleren Chan­cen) sowie Klasse C (Beratungskunden, die schwer vermittelbar sind). Von der Eintei­lung abhängig ist dann, welche AMS- Fördermaßnahmen – etwa Qualifizierungs­kurse – gewährt werden. So eine Vor­gangsweise geht eindeutig auf Kosten von Menschen mit Behinderungen, insbeson­dere von Menschen mit psychischen Pro­blemen. Sie sind überwiegend in die Klasse C eingestuft, obwohl sie nur nachweislich dann in der Arbeitswelt wieder Fuß fassen können, wenn sie durch geeignete Trai­ningsangebote in einer wertschätzenden Atmosphäre und mit Hilfe des unendlich wertvollen Faktors Zeit Stabilität und Selbstsicherheit wiedererlangen. Vor der Entscheidung, dieses System einzusetzen hat, keine Evaluierung der Auswirkungen stattgefunden. Die Folgen tragen die Betroffenen.

Neben Inklusion sind für Menschen mit psychischen Erkrankungen »Empower­ment und Recovery« zentrale Konzepte. Empowerment meint eine Haltung von ProfessionistInnen, die ermöglicht, dass psychisch kranke Menschen Würde, Stärke, Kraft und Mut wiedererlangen. Das ist nicht das Ergebnis einer gelungenen Therapie, sondern der mutigen Auseinan­dersetzung der betroffenen Menschen mit sich und ihrer Erkrankung. Das funktio­niert jedoch nur, wenn diese Professionis­tInnen im Rahmen von flachen Hierar­chien in den Dienstleistungsbetrieben sel­ber ein größtmögliches Maß an Transpa­renz und Entscheidungskompetenzen erfahren.

Recovery meint »einen persönlichen Prozess von Wachstum und Entwicklung, in dem Betroffene die persönlichen, sozia­len und gesellschaftlichen Folgen einer psychischen Erkrankung überwinden und zurück zu einem sinnhaften, erfüllten und selbstbestimmten Leben finden«.

Sowohl Inklusion als auch Empower­ment-Orientierung sind große politische Konzepte, die aus meiner Sicht nicht nur für Menschen mit psychischen Beeinträch­tigungen relevant sind – wenn sie denn als politische Konzepte verstanden und umge­setzt werden.

Miniresümee

Die moderne Sozialpsychiatrie braucht das Know-how der psychiatrieerfahrenen Menschen, um mit ihnen gemeinsam inno­vative Unterstützungskonzepte auf Basis von Empowerment und Recovery zu erar­beiten. Und sie braucht ein hohes sozial ­politisches Engagement, das Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen übt, anstatt Missstände abzufedern und damit zur Einzementierung der bestehenden Verhältnisse beizutragen.

Eva Leutner, MAS, ist Geschäftsführerin der pro mente kärnten GmbH.

Literaturempfehlung: Sozialpsychiatrie – theoretische Grundla­gen und praktische Ein­blicke. Herausgeber Werner Schöny, Sprin­ger Verlag

1 Dr. Manfred Lütz (Chefarzt der psychiatrischen Alexianer Kli­nik in Köln-Porz): »Irre! Wir behandeln die Falschen – unser Problem sind die Normalen: Eine heitere Seelenkunde«.

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Was mache ich aus dem, was mit mir gemacht wurde?

VON HELGA WOLFGRUBER

In den letzten Jahren hat die Depressions­forschung mit einer Unzahl von Studien über Entstehung/Ursachen und Verlauf von Depressionen aufgewartet. Unter ande­rem aufgrund unterschiedlicher Interessen der AuftraggeberInnen wird aber die Frage, wie äußere, soziale Belastungs-Faktoren zu inneren Risiko-Faktoren werden können, nicht immer einhellig beantwortet.

Befürchtet das medizinisch-therapeuti­sche Feld den Verlust von Deutungshoheit und Macht, fürchtet die Pharmaindustrie den Verlust ihrer Profite? Als in den 1960er Jahren Psychopharmaka den Markt erober­ten, hat sich der »Marktwert« der Depres­sion deutlich erhöht und die Diagnosezah­len stiegen rasant an.

Die Bewertung von normal/abnormal, gesund/krank ist immer auch kulturhisto­rischer Beeinflussung ausgesetzt und bewegt sich innerhalb unscharfer Grenzen, bestimmt aber die Richtung der Behand­lung.

Fakten

Die WHO betont, dass im Rahmen der »Glo­bal Burden of Disease« Depressionen seit 2015 einen Spitzenplatz unter jenen Erkrankungen einnehmen, die weltweit zu den meisten gesundheitlich eingeschränk­ten Lebensjahren führen. Und für 2030 bedeutet das, dass in den westlichen Indus­trieländern die Depression die größte indi­viduelle und volkswirtschaftliche Krank­heitslast sein wird. Derzeit übersteigt die Zahl der Erkrankten die 300 Millionen­grenze. Obwohl bei Frauen die Diagnose dreimal so häufig gestellt wird wie bei Män­nern, ist deren Selbstmordrate dreimal so hoch.

Von Mythen zur Realität

Mit einigen Mythen der Vergangenheit wurde aufgeräumt: Depression trifft NICHT nur schwache Menschen (aber: der Krank­heitsverlauf von sozioökonomisch unter­privilegierten Menschen ist ungünstiger); Psychopharmaka allein heilen NICHT (sie kön­nen sogar das Kranksein-Gefühl und Chro­nifizierung fördern); Depression hat NUR genetische Ursachen (endogene Depression wurde aus dem Diagnosemanual gestri­chen; soziale Faktoren werden berücksich­tigt).

Aber Wissenschaft, gesellschaftliche Institutionen und vor allem eine verände­rungsscheue Politik widmen sich zu wenig den krankmachenden, sozialen Lebensbe­dingungen. Dazu bedürfte es des Hinterfra­gens hyperindividualisierter, autonomie­versessener Leistungsparadigmen unserer kapitalistischen Arbeits- und Lebenswelt. Aber es ist kein Zufall, dass den »Leiden an der Arbeitswelt« (Burnout, früher Erschöp­fungsdepression genannt) große öffentliche Beachtung geschenkt wird. Menschen müs­sen »arbeitskräftig« bleiben, um das »Werkl am Laufen zu halten«. Depressive Menschen begehren zwar nicht auf, aber sie fallen aus dem Produktionsrad. Den stil­leren Leiden von Kindern, alten Menschen, Hilfsbedürftigen, Geflüchteten, Reproduk ­tionsarbeiterInnen wurde noch keine »eigene Diagnose« gewidmet. Obwohl sich in den Räumen der Privatheit sehr viele Hamsterräder zur Produktion von seeli­schen Erkrankungen drehen, finden sich diese Personengruppen eher als störender »Kostenfaktor« in den Medien wieder. Das Leid vieler depressiver, überforderter Hausfrauen inspirierte zwar schon in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Pop.Musik, die Psychiatrie reagierte aber fast ausschließlich mit der Verord­nung von Tranquilizern, jenen besungenen »mother’s little helpers«. Eine gendersensi­ble Medizin steckt leider noch immer in den Kinderschuhen.

Spätkapitalistische Depressions-Theorien

Der Soziologe Martin Dornes führt die Depressionszunahme auf erweiterte indivi­duelle Gestaltungsspielräume und Wahl­möglichkeiten zurück. Die damit verbunde­nen Überforderungsgefühle können letzt­lich zu Erschöpfung und Depression führen: Wer die Wahl hat, hat die Qual.

Verdankt sich diese Entwicklung also dem neoliberalen Dogma der Lebensgestaltung unter möglichst großer Eigenverantwort­lichkeit?

Oder besteht das Pathogene weniger in einer übergroßen, strukturarmen Freiheit, wie es der Philosoph Byung Chul Han beschreibt, sondern vielmehr in den gleich­zeitig steigenden, konkreten Leistungsan­forderungen an das Individuum? Müdigkeit und Erschöpfung als Zeichen gesellschaftli­chen Wandels und Vor-Zeichen von Depressivität spielen in beiden Theorien eine zentrale Rolle.

Ich möchte aber nicht jede als falsch empfundene, individuelle Entscheidung dem Kapitalismus oder ausschließlich exo­genen Faktoren in die Schuhe schieben. Das käme einer völligen Entmachtung des Sub­jekts gleich. Daher ein Aspekt, der sich dem intrapsychischen Anteil des depressiven Erlebens widmet.

Die psychoanalytische Theorie versucht das Entstehen einer späteren Depression mit einem missglückten Versuch der Verar­beitung von Verlusten/Trennungen in der frühen Kindheit zu erklären. Genauer gesagt werden (Liebes-)Enttäuschungen oder direkte Verluste (Tod, Abwesenheit) begehrter Bezugspersonen angenommen, die in vergleichbaren Enttäuschungssitua­tionen des Erwachsenenlebens eine Dispo­sition für das Wiedererleben verdrängter Gefühle bedeuten können.

Die Reaktion auf Kränkung und Enttäu­schung kann in narzistische Regression und in Symptome einer Depression münden: Hemmung, Apathie, Rückzug, Herabset­zung des Selbstwertgefühls, Verharren in der Opferrolle, Gier nach Entschädigung, Wut als Ausdrucksform der Trauer und letztendlich die Wendung der Aggression gegen die eigene Person sind Ausdruck davon.

Verlusterfahrungen INNEN und AUSSEN

Inneres Erleben und äußere Bedingungen stehen aber immer in einem dialektischen Zusammenhang, formen biographische Besonderheiten und begünstigen auch den angst- und verlustreichen Weg »in die Dun­kelheit«.

Angesichts der globalen Informations- und Bilderflut kann leicht der Faden oder die Übersicht verloren gehen. Der Imperativ zu Leistung und permanenter Betriebsam­keit gefährdet Denk- und Erlebnisräume als Orte der Kreativität und kann uns die Fähig­keit zum »kontemplativen Verweilen« verlie­ren lassen. Die Langlebigkeit des Patriar­chats könnte, besonders bei Frauen, zum Verlust der Geduld oder Beherrschung füh­ren. Verliere ich die Arbeitsfähigkeit oder den Arbeitsplatz, verliere ich auch oft die Wohnung, Ansehen, Sicherheit, Orientierung oder FreundInnen. Können das erste Schritte in die soziale Isolation sein? Was bedeutet der Verlust von Schlüssel oder Schirm gegen den Verlust von Heimat oder des Lebens naher Menschen durch Krieg und Tod? Legt das nicht den Grundstein zu Traumatisierung mit depressiven Folgen? Ein Spiel oder eine Wette zu verlieren wird mein inneres Gleichgewicht nicht nachhaltig erschüt­tern. Wie geht es mir aber, wenn mir mein Glaube an Gerechtigkeit oder Selbstachtung verloren geht? Weil ich mich gegen Demü­tigungen und Entwertungen durch Schule, am Arbeitsplatz oder durch geliebte Perso­nen nicht ausreichend zur Wehr setzen konnte?

Nähere ich mich einer Depression, wenn Hoffnung auf Veränderung schwindet? Wenn Antrieb und Energie nachlassen oder ein Gefühlsverlust innerer Leere (Entfrem­dungsgefühlen) Platz macht, nachdem ich jahrelang gegen Ohnmachtsgefühle ange­kämpft habe? Bin ich immer krank, wenn ich die Gesundheit verliere?

Betrachtet man diese Verlusterfahrungen durch die »symptomsuchende« Brille, dann wird sichtbar, wie fruchtbar der Boden des Alltagslebens für Depressionen ist.

Widerstandsressourcen

Warum es manchen Menschen, trotz ver­gleichbarer Verlust- und Belastungserfah­rungen, besser gelingt, gesund zu bleiben oder zu werden als anderen, versucht das Konzept der Salutogenese zu erklären.

Aaron Antonovsky, der Begründer dieses Modells, macht drei Komponenten für den Erwerb von Resilienz/Widerständigkeit verantwortlich: Erstens das Gefühl von Ver­stehbarkeit: ich begreife mein Tun, ich weiß um mein Wissen. Zweitens das Gefühl von Bewältigbarkeit: ich schaffe die an mich gestellten Anforderungen, fühle mich nicht überfordert. Und drittens das Gefühl von Sinnhaftigkeit bzw. von Bedeutsam­keit: das, was ich tue, ergibt für mich (oder andere) Sinn und ich bekomme dafür Aner­kennung. Wer auf diese weitgehend in der Kindheit erworbenen Ressourcen zurück­greifen kann, wird mit individueller Krank­heitserfahrung besser umgehen können. Vorausgesetzt die sozioökonomischen Ver­hältnisse ermöglichen das. Den Zusammen­hang zwischen steigender sozialer Ungleichheit und dem steilen Anstieg von »Verzweiflungsopfern« in der Klasse der ArbeiterInnen durch Suizid, Drogen und Alkoholmissbrauch belegen zwei US Ökono­men (Case, Deaton) in ihrem jüngst erschie­nenen Buch.

Ein langer Weg

Das Problembewusstsein hat zwar allge­mein zugenommen, das Wissen über Hilfs­angebote hat sich verbreitert und die gesellschaftliche Stigmatisierung hat abge­nommen, trotzdem finden psychisch Kranke noch immer sehr spät den Weg in eine ärztliche oder psychotherapeutische Praxis. Dieser Weg ist dann oft gepflastert mit falschen Diagnosen und Medikamen­ten, aber auch mit der Scheu vieler Betrof­fenen, das schambesetzte Gefühl der Wert­losigkeit – ein Symptom depressiven Lei­dens – »herzuzeigen«. Das lange Verber­gen-müssen von psychischem Leiden, das vermeintliche Aushalten-Müssen belasten­der Lebenssituationen kostet Kraft und endet oft im totalen Verlust von Lebens­qualität oder im Selbstmord.

In berührenden Selbstzeugnissen hat Mark Fisher, ein britischer linker Autor, festgestellt, dass man in dem undurch­dringlichen Labyrinth eines depressiven Lebens einer Aufgabe nicht gewachsen ist: der Selbstwerdung.

Was hilft?

Die Voraussetzung für dieses »Sein oder Werden« müsste durch notwendige struk­turelle Maßnahmen von Politik geschaffen werden. Auch das Gesundheitswesen, im Besonderen die Psychiatrie, sollte, ausge­hend vom Sozialen, neu gedacht werden. Es ist die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich, es sind die vielen Stressfak­toren durch ungleiche Macht- und Chan­cenverteilung, es ist die Hierarchisierung vieler Lebensbereiche, es ist die zuneh­mende Prekarisierung der Arbeitswelt mit Einkommensunsicherheit und es ist die Zunahme sozialer Frustration, die depres­sive Erkrankungen zu einem alltäglichen »Abfallprodukt« des neoliberalen Indivi­dualisierungsprozesses machen. Und die nach einer radikaleren Umgestaltung unse­res gesellschaftlichen Lebens schreien.

Kritik ein Lebenselixir?

Friedrich Nietzsche hatte sicher nicht die Absicht, mit seinen Aussagen Depressions­prophylaxe zu betreiben. Ein Zitat könnte aber als Empfehlung dazu gelesen werden: »Wenn wir Kritik üben, so ist es nichts Will­kürliches und Unpersönliches. Es ist oft ein Beweis davon, dass lebendige, treibende Kräfte in uns sind, welche eine Rinde absto­ßen. Wir verneinen und müssen verneinen, weil etwas in uns leben und sich bejahen will. Etwas, das wir vielleicht noch nicht kennen, noch nicht sehen.«

Ein Ort, an dem diese Form der Widerständigkeit praktiziert werden könnte, ist politisches Engagement. Wenn individuelle Empörung den Weg über Kritik in sinnvolles, kollek­tives Handeln schafft und ein bewäl­tigbares Ziel anpeilt, dann wäre die­ses solidarische Handeln auch für das Individuum ein Weg zu einem bedeu­tungsvolleren Leben.

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Das Gesundheitssystem ist krank! Aber, ist es das Gesundheitssystem? Woran ein Recht auf Gesundheit scheitert.

VON ANKE STRÜVER

Wenn es um die Gesundheitsversor­gung in den EU-Mitgliedsstaaten geht, wird meist auf das vorherrschende Solidar- und Gleichheitsprinzip und die großen Unterschiede zu den USA verwie­sen. Wer hierzulande älter als fünfzig ist, wird sich aber auch an die großen Unter­schiede zu den 1970er Jahren erinnern. Seitdem sind die Abgaben für die gesetzli­chen Krankenkassen kontinuierlich gestie­gen und die Versorgungsleistungen gesun­ken; wer es sich leisten kann oder will, gleicht Letzteres heutzutage durch private Zusatzversicherungen aus. Diese Bestands­aufnahme ist allgemein bekannt und vor allem weitgehend anerkannt. Dennoch – oder gerade deswegen – gehen Politiker*innen gerne mit stolzen Aussagen wie diesen an die Öffentlichkeit: »Der Gesundheitszustand der Bevölkerung ist Spiegel für den Wohlstand der Gesellschaft.« Sie verweisen damit auf eine (individualisierte) Wohlstandsgesellschaft, die sich von der (kollektiven) Wohlfahrtsgesellschaft seit den 1980er Jahren erfolgreich emanzipiert hat und die in den neoliberalen Gesellschafts- und Gesundheitsreformen und der Verschiebung von Versorgung auf Selbstsorge ihren erschreckenden Höhepunkt gefunden hat.

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Versorgung

Der oft zitierte Ausspruch des römischen Dichters Vergil »der größte Reichtum ist Gesundheit« ist auf Englisch viel eingängi­ger (»the greatest wealth is health«) und wird seit fünf Jahren als Teil der Agenda 2030 der UN bzw. der Sustainable Develop­ment Goals als Slogan plakativ vermarktet (siehe bspw. https://www.unenviron­ment.org/news-and-stories/story/ greatest-wealth-health). Für das Erreichen dieser Art von Reichtum steht, zumindest in Mitteleuropa, der gesicherte Zugang zu hochwertigen grundlegenden Gesundheits­diensten im Mittelpunkt. Doch genau das, der Zugang zu Gesundheitsdiensten, und seien sie noch so gut (oder gar umsonst) reicht bei weitem nicht aus für eine gesunde Gesellschaft. Vor ziemlich genau zehn Jahren haben Wilkinson & Pickett (2010) ihre Studie zu den gesundheitlichen Auswirkungen gesellschaftlicher Ungleich­heiten publiziert: Sie machen deutlich, dass sich gesamtgesellschaftliche Ungleichhei­ten stärker auf die Gesundheit der margi­nalisiert und prekarisiert lebenden Men­schen auswirken als auf die der Situierten. Umgekehrt hängt eine Reduktion gesund­heitlicher Ungleichheiten von der Steige­rung der gesellschaftlichen Gleichheit ab. Kurz gesagt: sozial gleichere Gesellschaften sind auch gesündere Gesellschaften.

Verhältnisse und Verhalten

Bereits 2008 hatte die Weltgesundheitsor­ganisation einen Bericht zu sozialen Deter­minanten von Gesundheit betitelt mit »Soziale Ungerechtigkeit ist für den Tod von Menschen im großen Stil verantwort­lich« (WHO 2008). Der Bericht bezieht sich vor allem auf globale Ungleichheiten. Doch er macht erstens verständlich, dass und inwiefern gesellschaftliche Ungerechtigkeit der zentrale Faktor für Gesundheit und Krankheit ist. Und er stellt zweitens heraus, dass eine Verbesserung der globa­len Gesundheitssituation nur über eine Verbesserung der gesellschaftlichen Ver­hältnisse erreichbar ist.

In den Debatten um Gesundheit spielt der Begriff der Verhältnisse eine umkämpfte Rolle. Anders als Ansätze zur Public Health, die in der Regel die sozialen Determinanten von Gesundheit über quantitativ orien­tierte Risikoanalysen bestimmen und/oder auf Verhaltensänderungen abzielen, spricht die WHO gesellschaftliche Konstel­lationen an, wodurch sich die WHO-Kritik durchaus auf nationale Gesellschaften übertragen lässt. Denn sozioökomische Armut, fehlende Bildung, Migrationserfah­rung, Wohnraummangel, Umweltgifte etc. resultieren nicht zwangsläufig in schlech­ten sozialräumlichen Verhältnissen; sie machen nicht direkt krank und verringern nicht automatisch die Lebensqualität und Lebenserwartung. Vielmehr handelt es sich dabei um gesellschaftlich ungerecht struk­turierte und vermittelte Prozesse.

So zeigt sich bspw. in vielen europäi­schen Städten, dass Menschen, die sozio­ökonomisch, soziokulturell oder sozial­räumlich marginalisiert werden, eine kür­zere Lebenserwartung haben und über­durchschnittlich häufig an psychischen wie physischen chronischen Krankheiten lei­den (vgl. Poliklinik 2020). Dies kann nicht – oder zumindest nicht allein – über einen gesicherten Zugang zu Gesundheitsdiens­ten (s. o.) und/oder eine verbesserte Quali­tät der medizinischen Versorgung refor­miert werden, da soziale Faktoren wie Wohnungsgrößen und Mieten, Arbeitslosig­keit und Einkommensunsicherheiten, Alters-Diskriminierung oder Rassismus die Gesundheit nachweisbar stärker beeinflus­sen als lokale räumliche oder soziale Ver­hältnisse oder individuelles (Fehl-)Verhal­ten.

Gesundheitliche Ungleichheiten sind also nicht nur Effekte von Verteilungsungleich­heiten, sie werden nicht direkt und unmit­telbar durch Umweltfaktoren oder sozialen Stress hervorgerufen. Denn sonst müsste bspw. eine hohe Konzentration von Umweltgiften in der direkten Wohnumge­bung alle dort lebenden Menschen krank und »gleich krank« machen. Gesundheitli­che Ungleichheiten sind aber auch nicht nur auf individuell krankmachendes Ver­halten oder fehlende Selbstsorge zurückzu­führen.

Verteilung

In Ergänzung zum oben zitierten »wealth is health« ist mittlerweile der Ausspruch »health is wealth« auf dem Vormarsch (Stanwell-Smith 2017). Er definiert Gesund­heit als Lebensstil und Lebensziel, als Voraussetzung für Freiheit und Wohlbefin­den und verwehrt damit nicht nur chro­nisch wie akut Erkrankten diese Rechte, sondern reduziert (vermeintliche) Freiheit auf erfolgreiche Selbstsorge oder zumin­dest einen risikoarmen Lebensstil; d. h. das Recht auf Gesundheit wird individualisiert. Im Umkehrschluss bedeutet Gesundheits­gerechtigkeit in einer Gesellschaft der Gleichheit, dass alle ihre Lebensumstände wählen und gestalten können. Das ist aller­dings weniger im Sinne eines bewusst ver­folgten gesunden Lebensstils und damit verbundenen Verhaltensänderungen zu verstehen (z. B. geringer Nikotin- und Alkoholkonsum, gesteigerte sportliche Aktivität, Umzug in »bessere« Nachbar­schaft etc.). Es geht viel grundlegender um die basalen Möglichkeiten der Teilhabe und Einflussnahme; darum, die eigenen Wohn-, Arbeits- und Lebensbedingungen selbst, aktiv und in Solidarität mit anderen verän­dern zu können.

In der EU ist derzeit absolute Armut weniger ein Problem als die relative Ungleichheit in der Gesellschaft – von der alle in einer ungleichen Gesellschaft betrof­fen sind. Aber der in niedrigeren sozialen Statusgruppen durch das Erleben von Ungleichheit erhöhte und teilweise chroni­sche Stress steigert das Krankheitsrisiko (vgl. Exner 2013; Wilkinson & Pickett 2010, 2018). Der soziale Stress kann zu gesund­heitsschädlichem Verhalten führen (Niko­tin- und Alkoholsucht, Bewegungsarmut, Über- oder Untergewicht) und ist somit kein individuelles, sondern ein gesell­schaftliches Problem. Gesundsein ist dadurch genauso wenig individuelle Leis­tung wie Kranksein individuelles Versagen. Strukturelle Ungleichheit, die sich u.a. in Gesundheit oder Krankheit verkörpert, kann durch Umverteilung und gesellschaft­liche Teilhabe bekämpft werden – und zwar im Sinne einer Verteilungsgerechtigkeit, die viel komplexer als Gleichbehandlung oder Gleichverteilung wäre (Fraser 2009). Erst die Anerkennung struktureller Ungleichheit ermöglicht, durch ökonomi­sche Umverteilung und politische Teilhabe Ungerechtigkeit zu bekämpfen – und Gleichheit zu erreichen.

Verwertung versus Verantwortung

Ökonomische Umverteilung und soziale Teilhabe sind gleichwohl kaum ausrei­chend, um das kranke System zu heilen. So lange kapitalistische Verwertungsprinzi­pien dominieren, reproduzieren sich struk­turelle soziale Ungleichheiten, die sich durch neoliberale Regierungspraktiken und Austeritätsmaßnahmen noch verstärken. Im übertragenen Sinne sind hier weniger akut oder chronisch erkrankte Menschen krank, als ein System, das nur über die ( Re-)Produktion von Ungleichheiten funk­tioniert. In ihrem neuen Buch fokussieren Wilkinson & Picket (2018) die Auswirkun­gen von Austeritätsmaßnahmen und der wachsenden Arbeits- und Einkommensun­gleichheiten auf (vermeintlich individuelle) Probleme wie fehlendes Gefühl von Aner­kennung und Angstzustände, die in physi­schem wie psychischem Stress resultieren. Sie mahnen zudem den Rückbau des finan­zialisierten Kapitalismus zu egalitär-koope­rativen Gesellschafts- und Wirtschaftsfor­men an – und koppeln damit viel stärker als die Sustainable Devlopment Goals die Stei­gerung der sozialen Gleichheit an wachs­tumskritische ökologische und ökonomi­sche Produktions- und Arbeitsformen. Wenn »der Gesundheitszustand einer Bevölkerung Spiegel für den Wohlstand einer Gesellschaft ist«, dann wäre ein etab­liertes Recht auf Gesundheit Ausdruck von Verantwortung – und Spiegel für den Gleichheitsgrad einer Gesellschaft.

Anke Strüver ist Professorin am Institut für Geographie und Raumforschung der Universität Graz.

Zitierte Literatur:

Exner, Andreas (2013): Gesundheit und soziale Gleichheit. In: Initiative Solidarisch G’sund (Hrsg.): Gesundheit für alle! Wien: Mandelbaum, S. 26–55.

Fraser, Nancy (2009): Scales of Justice. Reimagining Political Space in a Globa­lizing World. New York: Columbia University Press.

Poliklinik (2020): Poliklinik Veddel. Hamburg. http://poliklinik1.org/kon­zeptvision (08.03.2020)

Stanwell-Smith, Rosalind (2017): Health is wealth. In: Perspectives in Public Health 137 (4), 198.

WHO (2008): Closing the gap in a generation. Health equity through action on the social determinants of health. Genf: WHO.

Wilkinson, Richard & Kate Pickett (2010): the Spirit Level : Why Equality is Bet­ter for Everyone. London: Penguin.

Wilkinson, Richard & Kate Pickett (2018): The Inner Level: How More Equal Societies Reduce Stress, Restore Sanity and Improve Everyone’s Well-being. London: Allen Lane.

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Zum Verhältnis von ideologischer Verblendung und Emanzipation.

Von LINDA LILITH OBERMAYR

Fetischcharakter

Es ist eine Eigentümlichkeit der warenpro­duzierenden Gesellschaft, dass die ökono­mischen Beziehungen der Menschen als sachliche Beziehungen von Dingen erschei­nen. Die Warenform, so Marx, spiegelt »den Menschen die gesellschaftlichen Charak­tere ihrer eignen Arbeit als gegenständli­che Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften der Dinge zurück« (MEW 23; 86). In der scheinbaren Verselbständigung des Wertes gegenüber dem lebendigen Arbeitsprozess fetischisiert sich unser Verhältnis zu den Arbeitsprodukten; darin gleicht der Waren­fetisch der religiösen Verehrung von Gegenständen, denen übernatürliche Eigenschaften zugeschrieben werden. In diesem Sinne stellt sich das Arbeitsprodukt als eine geheimnisvolle »gesellschaftliche Hieroglyphe« ihren Schöpfern gegenüber, die sich aber dadurch vom religiösen Fetisch unterscheidet, dass sich in letzte­rem die dem Gegenstand zugeschriebenen Eigenschaften niemals wirklich realisieren werden (außer wir glauben daran). Anders beim Warenfetisch: Tatsächlich beziehen sich die ­ProduzentInnen unter den Bedingungen kapitalistischer Produktion sachlich aufeinander, denn die voneinander unabhängigen, das heisst privaten Produzent*innen treten ausschließlich über den Austausch ihrer Produkte in gesellschaftliche Beziehung.1 ­­ Es ist daher auch völlig falsch, im Warenfetisch nur das falsche Bewusstsein, die bloße Ideologie zu sehen. Die Ideologie ist, und das ist eine entscheidende Pointe Marxens, wahr und falsch zugleich. 

Totaler Verblendungszusammenhang?

Das Bewusstsein der Menschen in der kapi­talistischen Gesellschaft wird also verkehrt durch die Form, in der sie sich aufeinander beziehen, denn diese Form – die allgemeine Wertform bzw. Geldform – verschleiert die Einsicht in den gesellschaftlichen Charak­ter dieser Form. Wie ist dieser »ideologi­sche Verblendungszusammenhang« (Adorno/Horkheimer) aber zu verstehen? Müssen wir es wortwörtlich nehmen, wenn Marx schreibt: »Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umge­kehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt« (MEW 13; 9)? Ja, aber nicht in der Variante eines umfängli­chen Determinismus, in dem sich die Rolle von Sein und Bewusstsein im Erkenntnis­prozess unerklärlicherweise dadurch umdreht, dass die geistlose Materie sich die Menschen unterwirft. Marx spricht ja immer noch von ihrem gesellschaftlichen bzw. vom gesellschaftlichen Sein, also einem Sein im Sinne der spezifischen materiellen und historischen Umstände, in denen sich die Sozialität des Menschen formiert. Damit ist der ideologische Verblendungszusam­menhang jedenfalls als gesellschaftlich und historisch bestimmt erkannt, denn er ent­springt ausschließlich den Formen der warenproduzierenden, das heißt wertför­mig vermittelten Gesellschaft.

Die Unmöglichkeit des externen Standpunktes

Die Kritik und Entschlüsselung der Fetisch-Verhältnisse kann nur innerhalb dieser Verhältnisse selbst stattfinden und nicht von außen an diese herangetragen werden. Ein solches Außen kann es nicht geben, denn die (Ideologie-) Kritik äußert sich immer nur von einem Standpunkt inner­halb der gesellschaftlichen Totalität. Das Beziehen eines externen Standpunkts bleibt ihr verwehrt, weil jede Kritik die Kri­tik eines Subjekts ist, das in der einen oder anderen Art ins Kapitalverhältnis verstrickt ist; sei es die Kritik seitens der eigentums­losen ArbeiterInnenklasse oder seitens der Kapitalfraktion. Eine moralisierende Kritik, deren angebliche Stärke ja gerade im Bezug auf externe, universale Maßstäbe liegt, müsste sich die Unmöglichkeit der Über­windung des Kapitalismus eingestehen.

Die Stärke der Immanenz

Demgegenüber sehe ich den internen Standpunkt dieser Kritik nicht als ihre Schwäche, sondern vielmehr als ihre Stärke an: »Es hindert uns also nichts, unsre Kritik an die Kritik der Politik, an die Partei­nahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien.« (MEW 1; 345). Die immanente Kritik ist sogar die einzig legitime Kritik, gerade weil sie ihre Maßstäbe aus den Verhältnissen selbst bezieht. So sind Freiheit und Gleich­heit als die zentralen, selbst verkündeten Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft nicht etwa als defizitär verwirklichte zu kritisieren, sondern es ist zu zeigen, dass Freiheit und Gleichheit gerade durch ihre (vollständige, nicht bloß formelle) Verwirk­lichung als Freiheit des Eigentums und des Verkaufs der Ware Arbeitskraft die Klas­senherrschaft vermitteln und reproduzie­ren. Persönliche Freiheit, Eigentumsfrei­heit und Gleichheit sind die wesentlichen Voraussetzungen des gelingenden Tausch ­akts, in welchem der/die ArbeiterIn als doppeltfreier seine Arbeitskraft dem Kapi­tal zur Verfügung stellt.

Daran anknüpfend ist auch die Erklärung des Proletariats zum revolutionären Sub­jekt nicht in dem erkenntnistheoretischen Sinne misszuverstehen, dass etwa nur das Proletariat in der Lage wäre, die Verhält­nisse zu begreifen oder dass nur das Prole­tariat die wirkmächtige Gewalt zur Bekämpfung der Verhältnisse besitzt, gerade weil sie die »Verlierer« des Systems wären, nein. Der Standpunkt des Proletari­ats ist deswegen der revolutionäre Stand­punkt, weil das Proletariat begreifen bedeutet, die Produktionsweise zu begrei­fen. Der dialektische Zusammenhang besteht darin, dass die Einsicht in das Pro­letariat als besondere Klasse die allgemeine Einsicht in die gesellschaftlichen Verhält­nisse vermittelt. Daher schreibt Marx: »Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat.« (MEW 1; 390).

Dadurch schließt sich aber auch der Bogen zu der eingangs skizzierten, sehr abstrakten Entwicklung des Fetischbegrif­fes. Den Fetisch als Fetisch zu durch­schauen, geht nicht allein aus der begriffli­chen Analyse der Wertformtheorie hervor, sondern ist gebunden an die Erkenntnis einer durch Klassengegensätze und -kämpfe strukturierten Wirklichkeit.

Immanente Kritik und Emanzipation

In diesem Sinne muss die immanente Kritik bzw. das Begreifen der Funktionsweise der gesellschaftlichen Formen Ware, Wert, Kapital usw. als Bedingung der Möglichkeit der Überwindung dieser Verhältnisse betrachtet werden. Die intellektuelle Leis­tung der Kritik zum entscheidenden Moment im Emanzipationsprozess zu erklä­ren, hieße aber, von Marx zu Hegel zurück­zugehen, denn bei Marx heißt es ja in Umkehrung der Hegelschen Philosophie: »Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Ver­wirklichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen.« (MEW 1; 386). Auch hier ist aber nicht von einer Wirklichkeit auszugehen, die dem mensch­lichen Bewusstsein entgegengesetzt oder dessen Zugriff gänzlich verschlossen wäre, sondern von einer Wirklichkeit, die wesentlich vom Menschen zu gestalten, zu verändern und umzuwälzen ist. Insofern sind antikapitalistische Wirklichkeiten zu schaffen, aufzufinden und an diese anzuknüp­fen. Das Bedingungslose Grundeinkommen wäre eine solche Institutionalisierung einer antikapitalistischen Wirklichkeit, dem zugleich – trotz seiner Institutionalisierung – ein systemtranszendierendes Moment inhäriert ist, da das Lohnarbeitsverhältnis an sich gesprengt wird, indem die Geldleis­tung gerade nicht von der Verrichtung der Lohnarbeit abhängig gemacht wird. Die Überwindung der Verhältnisse geschieht natürlich nicht durch eine Horde rebelli­scher Maschinenteile, die sich von ihrem geistlosen Dasein lossagen, sondern durch diejenigen Menschen, die der Verkehrtheit der Produktionsweise den Kampf ansagen, weil sie deren auf Ausbeutung, Entfrem­dung und Selbstwidersprüchlichkeit basie­rende Funktionsweise verstanden haben. Ideologiekritik ist daher auch eine soziale und insbesondere politische Praxis, die sich die Umwälzung der politischen Ökonomie zur Aufgabe macht. Als solche ist sie die sich konstituierende kommunistische Macht.

1 Darüber hinaus sehen wir uns alltäglich unter der Kontrolle der Bewegung von Dingen: Alles und jedes ist abhängig vom Geld, dessentwegen der morgendliche Gang in die Arbeit angetreten wird.

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Sie erweisen sich als empathielos und schamlos, unsere Systemjournalisten von rechts bis linksliberal.

Von WILHELM REICHMANN

Jeder Anlass ist den Medien recht, um die VR China als Land des Bösen dar­zustellen, in dem die Bevölkerung unter­drückt, irregeführt und mit ihrer Gesundheit gespielt wird. Behauptet wird »die verspätete Reaktion der chine­sischen Führung … Es ist das Verhaltens­muster autoritärer Regime … beunruhi­gende Informationen zu verschweigen. Aus Angst, Kontrolle und Macht könnten ihnen entgleiten.« Deshalb sei alles zu lange verschwiegen worden und die Maßnahmen seien viel zu spät gekom­men. Hätte man rasch reagiert, noch vor der Hauptreisewelle zum chinesischen Neujahr, wäre die Epidemie vermutlich (!?) vermieden worden. … Die öffentliche Warnung vor der Übertragung von Mensch zu Mensch kam am 20. Jänner. Dazwischen liegen Wochen der behördli­chen Vertuschung und Beschwichti­gung.« (Franz Kössler im Falter 6/2020).

Als Angelpunkt für diese Erzählung dienten die Aktivitäten des jungen Augenarztes Li Wenliang. Für die Abfolge der Ereignisse beziehe ich mich auf einen CNN-Bericht vom 4. Februar 2020. Am 30.12.2019 schrieb Li Wenliang in seiner Alumni-Chat-Gruppe, in seinem Spi­tal in Wuhan seien sieben Personen, alle mit Beziehung zu einem Fischmarkt, mit SARS-ähnlichen Symptomen unter Quaran­täne gestellt worden. Er hätte Tests gese­hen, die zu dem Zeitpunkt auf ein Virus der Corona-Gruppe, wahrscheinlich der SARS-Erreger, schließen ließen. Man möge auf­passen. Am gleichen Tag wurde von der Städtischen Gesundheitskommission an alle Spitäler in Wuhan eine Warnung gesendet, dass eine Reihe von Personen an einer Lun­genentzündung mit unbekanntem Erreger unter Behandlung stünden. Die Beziehung zum Fischmarkt war auffällig. Er wurde am nächsten Tag, den 31.12.2019, gesperrt. Parallel dazu wurde die Mitteilung des Augenarztes über das Internet verbreitet. Eine Polizeibehörde wurde darauf aufmerk­sam und hat seine Warnungen als unautori­sierte, Panik machende Aktivität eingestuft und die Löschung der Meldungen im Inter­net veranlasst.

Zeitraster

Am 31.12.2019 fand eine Dringlichkeitssit­zung der erwähnten Städtischen Gesund­heitskommission statt, in der der Arzt über die Quelle seiner Beobachtungen befragt wurde. Er wurde wahrscheinlich für sein unautorisiertes Vorgehen und nicht fun­dierte Informationen (gefürchteter SARS-Virus) kritisiert. Li Wenliang hat sich von seiner Meldung distanziert, aber die SARS-Warnung war nun einmal im Netz. Am Nachmittag des 31. Dezember informierte die Gesundheitsbehörde in Wuhan die Öffentlichkeit über den Ausbruch einer infektiösen Krankheit. Die Behörden infor­mierten offiziell die Weltgesundheits-Orga­nisation (WHO). Am 3.1.2020 wurde Dr. Li Wenliang bei der Polizei vorgeladen. Die Polizeibehörde hat gegen ihn formalistisch eine Rüge und Verwarnung ausgesprochen und ließ ihn ein Schuldeingeständnis unterschreiben. Diese polizeilichen Sank­tionen wurden beeinsprucht und der Oberste Gerichtshof hat sie am 20.1. aufge­hoben. Li Wenliang hat seine Arbeit trotz Wissens um die Infektionsgefahr fortge­setzt. »Ich konnte weiter nichts tun, alles musste den amtlichen Weg gehen«, sagte er im Interview mit China Youth Daily. Er steckte sich bei einer Augenbehandlung an und ist letzte Woche als tragischer Held gestorben. Für manche wird er wohl als Symbol für Meinungsunterdrückung benutzt, die meisten Chinesen dürften ihn als Held sehen, der seine Arbeit trotz aller Gefahren fortgesetzt hat.

In den sensationsgeilen Berichten in unseren Medien wird Li Wenliang jetzt sogar als Entdecker des Virus bezeichnet. Das ist nicht korrekt. Erst am 22. Jänner konnten die wesentlichen Merkmale des Virus 2019-nCoV (Genom Sequenz von 82 Virus-Strains) veröffentlicht werden. Bis 17. Jänner gab es nur 41 bestätigte Fälle, bis 20. Jänner stieg die Zahl sprunghaft auf 198. Zur gleichen Zeit wurde von dem Chef der staatlichen Gesundheitskommis­sion die Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch außer Zweifel gestellt.

Am 23. Jänner wurden drastische Qua­rantänemaßnahmen in der Provinz Hubei sowie andere landesweite Maßnahmen verfügt (Absage aller Veranstaltungen, Verlängerung des Neujahrs-Urlaubs). Die chinesischen Zeitungen sind voll von Berichten über Sicherheitsmaßnahmen, über die Mobilisierung der gesamten Gesellschaft im Kampf gegen die Verbrei­tung des Virus. Es wird offensichtlich kein Aufwand gescheut, um die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung abzuwenden. Die Reaktion eines autoritären Regimes, das die Interessen einer Elite an die erste Stelle setzt, ist das wohl nicht. Manche Menschen fragen sich sogar, ob die Reak­tion der chinesischen Regierung nicht übertrieben wäre, »bei uns sterben ja in einer normalen Grippesaison jedes Jahr auch 1000 Menschen«. Der Vergleich ist oberflächlich. Dieses neue Corona-Virus scheint ungleich aggressiver und anste­ckender zu sein und hat eine lange Inku­bationszeit. Es ist eben neu und wir wis­sen noch zu wenig über Herkunft und Übertragungsmechanismen. Der Krank­heitsverlauf entspricht einer schweren Lungenentzündung mit einer relativ hohen Sterblichkeitsrate, wenn auch viel niedri­ger als bei SARS oder MERS. Jedenfalls gefährlich und beängstigend.

Heroische Arbeit

Im Gegensatz zu unseren ideologischen China-Bashern hat die WHO von Anbeginn der Krise die chinesische Reaktion gelobt. »China hat eine heroische Arbeit geleistet, um die Epidemie einzugrenzen« (Prof. Robin Shattock vom Londoner Imperial College). Seit dem SARS-Ausbruch im Jahre 2003 hat sich viel verändert. Die Technolo­gie ist fortgeschritten und macht es für die Betroffenen heute leichter, zu Informatio­nen zu kommen. Heimarbeit und Versor­gung durch Lieferdienste ist leichter mög­lich. 2003 waren die sozialen Medien noch unentwickelt. Ihre Verbreitung ist von gro­ßem Vorteil für die Betroffenen. Gleichzei­tig kann nicht geleugnet werden, dass soziale Medien auch zu Hysterie und Panik beitragen können.

Im großen Unterschied zur SARS-Krise hat die chinesische Regierung diesmal nach Erfassen der Gefahr eine sofortige, ent­schlossene und umfassende Reaktion gezeigt. Innerhalb Chinas ist eine Debatte über Fehler und Schwächen, die sich im Verlauf dieser Krise auf allen Ebenen gezeigt haben, im Laufen. Von Bürokratis­mus und Formalismus ist die Rede, von Funktionären und Beamten, die sich stur hinter Vorschriften verstecken und jedem Risiko eines selbständigen, auf neue Situa­tionen angemessenen Handelns aus dem Weg gehen. Ob die Quarantäne über 40 Mil­lionen Einwohner hätte ein paar Tage frü­her kommen können? Vielleicht, im Nach­hinein ist man immer klüger. Aber welche andere Regierung hätte so entschlossen wie die Führung um Xi Jinping reagiert und sich dabei zusätzlich auf die Unterstützung der Bevölkerung stützen können?

Aufruf:

Spendensammlung für medizinische Hilfsgüter der Österreichischen Gesellschaft für Chinaforschung

IBAN: AT58 3200 0000 1701 2451

BIC: RLNWATWW

Vermerk Chinahilfe

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HEIDE HAMMER im Gespräch mit Katarína Staroňová über die Gesundheits ­versorgung in Österreich.

Katarína Staroňová ist auch medial bekannt – sie kam 2011 nach Graz, um nach einem zweimonatigen Crash-Kurs in der Slowakei als 24h-Betreuerin zu arbei­ten. Auch wenn sie diese Lohnarbeit wegen des in Aussicht gestellten tollen Verdiens­tes antrat und wie so viele ihr Lehrgeld bezahlte, ist die heute als diplomierte Kran­kenpflegerin in einem Wiener Spital Tätige überzeugt, dass der Pflegebereich für sie genau das Richtige sei. Katarína hat sich trotz ihres schwierigen Berufseinstiegs das Interesse und die Neugier an Menschen bewahrt, wesentliche Voraussetzungen für den körperlich wie psychisch anstrengen­den Beruf.

Als wir uns bei der Demo am 5. Februar für die 35-Stunden-Woche in der Sozial­wirtschaft gesehen und zum Interview verabredet haben, hast du betont, nicht nur über Pflege sprechen zu wollen. Wie geht es dir nun als diplomierte Kranken­pflegerin auf einer neurologischen Sta­tion?

KATARÍNA STAROŇOVÁ: Ich bin nun Vertragsbedienstete der Stadt Wien. Ich hatte Glück, meine Ausbildung zur Diplom­krankenpflegerin mit Unterstützung des WAFF [Wiener ArbeitnehmerInnen Förde­rungsfonds], einem sog. Fachkräftestipen­dium, absolvieren zu können. Ich finde es schade, dass diese Möglichkeit nicht mehr angeboten wird, auch weil es mittlerweile ein Bachelor-Studium ist. Es hat die Kran­kenpflegeausbildung auch für Personen in späterem Alter ermöglicht, und wie wir alle von Prognosen und Medienberichten wis­sen, mangelt es überall an diplomiertem Pflegepersonal. Nur ganz wenig 24h-BetreuerInnen haben diesen Umstieg von der Betreuung in die professionelle Pflege geschafft. Es war nicht einfach. Ich habe die Aufnahmeprüfung beim zweiten Versuch geschafft, dazu musste ich meine Deutsch­kenntnisse verbessern. Der Unterschied zwischen Arbeit im Krankenhaus und in der 24h-Betreuung ist riesig – auf meiner Station arbeite ich in einem tollen Team, wir können uns aufeinander verlassen und dafür sorgen, dass es PatientInnen und deren Angehörigen trotz schwieriger Erkrankungen gut geht. Man hat auch alle notwendigen Hilfsmittel zur Verfügung, dies gibt es in der 24h-Betreuung nur sel­ten, weil es an Geld mangelt. In der 24h-Betreuung bist du auf dich selber gestellt und ich habe mich ganz oft isoliert gefühlt.

Gerade gibt es KV-Verhandlungen in der Sozialwirtschaft (seit 2016 SWÖ, davor BAGS), bislang gibt es keine Einigung. Die einzige Forderung der Gewerkschaf­ten GPA-djp und vida ist eine flächende­ckende 35-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich. Betroffen von der Regelung sind 125.000 Beschäf­tige im privaten Pflege-, Gesundheits- und Sozialbereich. Die Gruppe »Wir sind sozial aber nicht blöd« fordert zudem sechs Prozent Lohnerhöhung. Wie kann die Durchsetzung dieser richtungswei­senden Forderung gelingen?

KATARÍNA STAROŇOVÁ: Selbstverständ­lich würde auch ich mich über eine Arbeits­zeitreduktion freuen, allein es fehlt schon jetzt an Personal und die Verweildauer im Job ist aufgrund der hohen Belastung gering. In der jetzigen Organisationsform ist das einfach nicht zu machen, es braucht vielmehr eine umfassende Strukturände­rung. Die Arbeitsintensität ist jetzt schon extrem hoch und könnte so noch weiter steigen. Ich finde es traurig, dass in der Dis­kussion die 24h-Betreuung vergessen wird. Die Menschen übernehmen doch fünf Pro­zent der Versorgung zu Hause und sind rund um die Uhr in Einsatz. Community Nursing erscheint mir und vielen PflegerInnen als ein attraktives Modell. Auch hier geht es um das Zuhause-Bleiben so lange wie möglich. Das Konzept umfasst aber nicht nur die Pflege und Betreuung von alten und unterstützungs­bedürftigen Personen oder Familien, es geht um ein weitreichendes Modell von Gesundheitsvorsorge und Prävention. Die­ses System würde auch in der 24h-Betreu­ung helfen. Die Community Nurse kann beratende Funktion übernehmen und somit den Wildwuchs an Agenturen beenden (es sind jedenfalls hunderte), die sich jetzt in der 24h-Betreuung umtun und nach wie vor das große Lohngefälle in den europäi­schen Staaten und die individuelle Notlage der Menschen – sowohl der PflegerInnen als auch der KlientInnen – für ihre teils mafiösen Geschäfte nutzen. Community Nurses sind Angestellte der Gemeinde oder des Bezirks, kennen die BewohnerInnen, die medizinische Hauskran­kenpflege in Wien geht in diese Richtung. Das gegenwärtige System ist zu wenig flexi­bel, um auf individuelle Bedürfnisse rasch und adäquat zu reagieren und damit auch hohe Folgekosten zu vermeiden. Wenn z. B. Frau Huber nach einem Schlaganfall inten­sive Betreuung und Therapie bezahlt bekommt und so wieder ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben führen kann, dann ist allen geholfen. Ein Schema Post-Schlaganfall kann dabei viel zu kurz greifen, und dann hängt es von den finanziellen Mit­teln und dem Wissen von Frau Huber oder ihren Angehörigen ab, ob die Rehabilitation gelingt.

Das klingt ziemlich vernünftig, wer oder was steht der Einführung entgegen?

KATARÍNA STAROŇOVÁ: Es gibt einige Lobbygruppen auch in der Wirtschaftskam­mer, die dagegen sind. Auch die Ärztekam­mer fürchtet offenbar um ihren Einfluss. Da­bei könnte dieses Modell fehlende Hausärz­tInnen, besonders in kleinen Landgemein­den, aber auch den Ambulanzbereich im Spi­tal entlasten. Das Entlassungsmanagement der Krankenhäuser könnte durch Communi­ty Nurses weitgehend übernommen werden. Die KrankenpflegerInnen sind dafür, es wür­de sich ein angesehenes neues Beschäfti­gungsfeld eröffnen. Die Frage, wo kommen die neuen Arbeitskräfte her, bleibt offen.

Die sog. Indexierung der Familienbeihilfe für in Österreich tätige ArbeitnehmerIn­nen, deren Kinder im EU-Ausland leben, ist vor einem Jahr in Kraft getreten. Du hast damals bei einer Donnerstagsdemo gemeinsam mit Deinem Kollegen Dušan Valach gesprochen. Dušan hat damals gesagt: »Ihr habt keinen Cent für unsere Ausbildung bezahlt und jetzt wollt ihr uns das Geld für die Ausbildung unserer Kin­der wegnehmen.« Obwohl die EU-Kommis­sion in dieser Frage ein Verfahren gegen Österreich anstrebt, hat auch die neue Türkis-Grüne Regierung diese diskrimi­nierende Regelung nicht zurückgenom­men. Welche Auswirkungen zeigen sich nach einem Jahr?

KATARÍNA STAROŇOVÁ: Die nationale Zu­sammensetzung der 24h-PflegerInnen hat sich verändert und wird sich weiter verän­dern. Als ich 2011 begonnen habe, kamen 60 bis 70 Prozent der PflegerInnen aus der Slo­wakei, heute sind es vielleicht 30 bis 40 Pro­zent. Wenn sich die Arbeitsmarkt-, sprich die Einkommenssituation in den Herkunfts­ländern verbessert, bleiben die Frauen (und wenigen Männer) klarerweise lieber zuhau­se. Zudem gibt es die Konkurrenz aus den Nachbarländern, auch die Schweiz ist ein mögliches Ziel. Da der Bedarf an PflegerIn­nen in Österreich steigt, greift man eben auf ärmere, weiter entfernte Länder zurück, neuerdings Bulgarien, Moldavien, zuletzt sogar Marokko. Für Menschen aus diesen neuen Herkunftsländern beginnt das zuvor beschriebene System und es wird brauchen, bis sie sich austauschen und die Fallstricke im System erkennen. Zwar habe auch ich am Beginn meiner Tätigkeit als 24h-Be­treuerin für eine slowakische und eine österreichische Agentur gearbeitet, das be­deutete im Kleingedruckten des Vertrags die Strafdrohung von 16.596 Euro, sollte ich die Agentur wechseln oder meine eigene Agentur gründen, 5.000 Euro für das Aus­plaudern von Interna. Regelmäßig zu ent­richten wären je 500 Euro Jahresgebühren jeweils für die slowakische und die österrei­chische Agentur. Die zahlt man gleich zu Beginn, und dann stand auch noch im Ver­trag, wenn ich meinen Turnus vorzeitig be­ende, kriege ich nichts. Den KlientInnen wird selbstverständlich der volle Betrag verrechnet, denn ich oder eine andere Pfle­gerin waren schließlich dort. Dieser Miss­brauch von Arbeitskräften, der von der Un­wissenheit, den sprachlichen Barrieren, der formalen Selbstständigkeit und den relativ hohen Anfangsinvestitionen des Berufsein­stiegs lebt, wird durch den Staat Österreich gefördert.

Du warst zwei Jahr in diesem Über-Aus­beutungsschema tätig. Wie bist du da wieder rausgekommen?

KATARÍNA STAROŇOVÁ: Ich war anfäng­lich zwar auch, wie so viele andere, überfor­dert, übermüdet und habe die Tage gezählt, bis der Turnus beendet war. Viele Kompe­tenzen erwirbt man erst in der Arbeit, auch ich war schlecht vorbereitet. Ein Phäno­men, das ich immer wieder wahrnehme: kranke Leute haben ein besonderes Radar, jede Unsicherheit, schlechte Laune wird gespiegelt und kommt zurück. Andererseits hatte ich keine weiteren Ver­pflichtungen, keine Kinder zu versorgen. Ich war relativ jung, hatte in der Slowakei matu­riert. Ich hatte keinen spezifischen Grund, den Rhythmus von Arbeit und Nachhause-Fahren beizubehalten. Ich wechselte nach Wien, lernte viele Leute kennen, die auch in dem Feld tätig waren, und auch meinen Part­ner Roland Loidl. Mit ihm zusammen grün­dete ich das Institut für Personenbetreuung (IPB).

Was habt ihr in den letzten Jahren erreicht? Wie sehen eure Pläne aus?

KATARÍNA STAROŇOVÁ: Die ursprüngli­che Idee war eine Interessensvertretung, sagen wir mal analog zum ÖAMTC, denn eine gewerkschaftliche Vertretung, wie sie eigentlich nötig wäre, ist aufgrund der for­malen Selbständigkeit der ca. 60.000 in Österreich tätigen PersonenbetreuerInnen nicht möglich. Wir haben sehr viele Einzel­fallberatungen gemacht und den Leuten geholfen, aus diesen miesen Agenturverträ­gen auszusteigen. Klarerweise kommen immer neue PflegerInnen nach, ihre Zwangs­lage nimmt meist mit der Entfernung vom Herkunftsland zu. Das Lohngefälle ist noch größer, die Anreisewege noch länger, die Erfahrungen mit Selbstorganisierung oder das Wissen um die eigenen Rechte ist kaum vorhanden. Gerade arbeiten wir mit der FH Campus Wien an dem Projekt »24h QuAA­Lity«. Dabei geht es um die Entwicklung von Software Lösungen zur Qualitätssicherung der 24h-Betreuung. Die BetreuerInnen soll­ten mit mehr Wissen ausgestattet werden. Es entstehen E-Learning Module, es wird ein elektronisches Dokumentationssystem, ein Notfallmanagement sowie eine Vernetzungs­plattform für Betreuungskräfte und KundIn­nen entwickelt. Das Arbeitsfeld ist geprägt von zwei Faktoren: die besonders am Beginn fehlende Kompetenz und die übergroße Ver­antwortung. Gegen die oft erlebte Ohnmacht helfen auch die sozialen Netzwerke der BetreuerInnen, diese versuchen wir gerade zu institutionalisieren und für alle zugäng­lich zu machen.

Danke für das Gespräch.

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Der Zeitraffer, den starsky mit dem Projekt »100 Jahre in 100 Minuten« quer durch die Entwicklung von Frauen*rechten und Frauen*realitäten vornahm, findet am 21. März einen freudvollen, lauten End- und Auftakt für die Zeit danach.

VON BÄRBEL DANNEBERG

Im Atelierhaus der bildenden Künste in Wien, dem Semper-Depot, wird es nach den zahlreichen Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag ein fulminantes Symposium samt Ausstellung, Workshops und Performance geben. In der Gesamtheit soll das Programm das Geschehene des ein­jährigen Projekts von starsky zu 100 Jahre Frauen*wahlrecht zusammenfassen und Fragen stellen: Was hat sich verändert und was nicht, welche Forderungen sind erfüllt worden? Welche sind immer noch tagesak­tuell? Wo stehen wir? Was ist zu tun und wie?

Im Gespräch mit der Volksstimme erzählt die multimediale Künstlerin starsky von ihren Projekten, dem Ideenreichtum und deren Verwirklichung – immer unter dem Zeichen, »urwenig Budget und mangelnde öffentliche Unterstützung« zu haben. »Die Ideen für meine Arbeit kommen durch mein Arbeiten selbst, das gibt mir Anstoß zu den Texten, Bildern, Raumplänen.« Störung ist ein feministisches Prinzip, meint sie. Hat das Projekt »100 Jahre in 100 Minuten« wen gestört? starsky: »Die Riege von Männern stört’s, sie lehnen feministi­sche Äußerungen ab und empfinden es als Bevorzugung, wenn Frauen sich das Wort nehmen. Die finden, Frauen sind doch eh schon gleichberechtigt – und das nach hundert Jahren Frauen*wahlrecht …«

Mit dem Projekt »100 Jahre in 100 Minuten« war starsky ein Jahr lang in Österreich unterwegs, hat öffentliche Räume, Landschaften und Gebäude mit ihren Botschaften belichtet und Diskus­sionen durch provokante Textbotschaften ausgelöst. Im vergangenen November wurde z. B. der Karl-Seitz-Hof, ein berühmtes Exemplar sozialdemokrati­schen Wohnbaus in Foridsdorf, mit Bot­schaften und einer Propagandamaschine für’s Publikum bespielt, wo verdiente Frauen* aus dem Bezirk zu Wort kamen. Wie haben die Leute reagiert? starsky: »Da hat es offene Diskussionen mit Mieterin­nen gegeben. Als wir dem Mieterbeirat sagten, wir wollen ein feministisches Pro­jekt machen, ob das geht, haben die gesagt: Ja super, da helfen wir euch.«

Wir wollen alles!

starskys Arbeit hat viel mit technischem Know-How zu tun, hat sie darin eine Aus­bildung, frage ich. starsky lacht. »Das wer­den auch nur Frauen gefragt, so wie: hast du Kinder? Ich habe Diaprojektoren, Video, fette Technikbatterien, die ich zusammenschnorre … Ich habe nie Geld bekommen für technische Erweiterungen. Jetzt habe ich ein neues Gerät gebaut für die nächsten zwei Jahre.«

Woher kommt der Optimismus für Visio­nen und eine Goldene Revolution? »Bei mir ist das Scheitern immer einkalkuliert. Wir machen Experimente, die können natürlich auch mal daneben gehen«, sagt starsky. Ein Scheitern wäre, »wenn die Kommunikation nicht angenommen wird. Doch man lernt vom Scheitern. Und ich bin Anarchistin und brauche Freiräume.«

Was erwartet uns am 21. März? »Wenn ich das wüsste!« lacht starsky. »Viele Tische von Organisationen mit ihren Botschaften, viele Sessel, viel Gesprächsbereitschaft, Sichtbarmachen, Workshops, eine Tafel der Visionen, Redezeit, Papier und unfertige Kollagen aus vergangenen Aktionen. Jede* bringt einen Beitrag zur Tafel der Visionen mit, fünf Minuten Redeformat, das hat sich als gut erwiesen. Der Abschluss wird poe­tisch, dazu ist der Raum wie gemacht … Das Gesamtprojekt – im Semper-Depot arbeiten bis zu 60 Leute mit – switcht zu den Visio­nen: 100 Jahre lang haben wir zurecht geschimpft und wir werden weiter lästig sein, aber an diesem Tag werden wir nicht mehr aus der Position des Mangels argu­mentieren, sondern wir wollen die Goldene Revolution!«

100 Jahre in 100 Minuten #005

Wir sind Vision! Wir sind die Goldene Revolution!

21. März 2020 | 14–24h Symposium | Ausstellung | Workshops | Diskurs | Polymediale Live Performance (Beginn 20h)

Atelier Haus, Akademie der bildenden Künste, Lehargasse 6-8, 1060 Wien

Alles für Alle: Eintritt frei !!!

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